Im Jahre 1794 mit Antritt seiner Professur in Jena veröffentlichte Fichte seine Wissenschaftslehre zum ersten Mal. Da diese damals wie heute kaum verstanden wurde, gab Fichte bis zu seinem Tode noch 9 weitere Versionen seiner Wissenschaftslehre heraus.
Fichte geht es um das Ich als festem Punkt im Bereich des Nicht-Ich. Er unterscheidet zwischen dem empirischen, jedem Menschen mehr oder weniger bewußten Alltagsich aus der Kategorie Raum und Zeit und einem wahren echten Ich, das jedem bewußt werden kann durch eine entsprechende Bewusstseinsentwicklung. Diese kann nicht von jemand anderem ausgeführt oder gelehrt werden, sondern jeder muss sie durch eigenes Handeln ausführen (Tathandlung), da jeder nur sein Ichbewusstsein und nicht das eines anderen entwickeln kann.
Die Methode der Ichentwicklung verläuft nicht über das Verstandesdenken, sondern über die intellektuelle Anschauung, eine Denktechnik, die über das begriffliche Denken hinausgeht. Die intellektuelle Anschauung ist ein Denken, das durch Konzentration auf einen Gedankeninhalt durch anschauendes Erleben tiefere Erkenntnisse zum Erstgedanken liefert.
Das bekannteste Beispiel, das der Jenaer Student Henrik Steffens überliefert hat, ist Fichtes Aufforderung an seine Studenten, die Wand zu denken und danach den zu denken, der die Wand gedacht hat (letzteres mit der intellektuellen Anschauung).
Ein Schüler Fichtes war Novalis, der im Verständnis der Wissenschaftslehre mit am weitesten vorgedrungen ist (siehe seine Fichte-Studien). Fichtes Sohn Immanuel Fichte veröffentlichte die Werke seines Vaters in der ersten Gesamtausgabe und ist ähnlich wie Novalis tief in die Wissenschaftslehre eingedrungen (siehe sein Werk: Das Erkennen als Selbsterkennen). Etwa 100 Jahre nach der ersten Veröffentlichung der Wissenschaftslehre entwickelte Rudolf Steiner in seiner Rostocker Promotionsarbeit einen Schlüssel zum Verständnis der Wissenschaftslehre (siehe sein Werk: Wahrheit und Wissenschaft).
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