Wissenschaft bezeichnet einerseits den Bestand des Wissens einer Zeit, andererseits eine Methode zum systematischen Erwerb neuen Wissens (Wissenschaft ist das was Wissen schafft!). Wissenschaftler erwerben neues Wissen durch Forschung, dokumentieren es in Veröffentlichungen und vermitteln es in der Lehre weiter.
Wissenschaft ist eine Methode zum Wissenserwerb. Ziel der wissenschaftlichen Methode ist es, ausgehend von einer oder mehreren Hypothesen eine tragfähige Theorie zu entwickeln.
Wissenschaft zur Gewinnung neuer Erkenntnisse besteht oft aus folgenden, in der Regel häufig zu wiederholenden, Schritten:
1. sich Wundern über bisher nicht geklärte Phänomene oder unschlüssige Theorien
2. Beobachten von Phänomenen und systematische Aufzeichnungen darüber
3. Sammeln und Ordnen von Material
4. Erstellen von Hypothesen und Theorien
5. Systematische und wiederholte Experimente als Fragen an die Natur
Wissenschaftliche Ergebnisse werden ausführlich dokumentiert. Dafür gibt es Standards, die die Nachvollziehbarkeit aller Teilschritte der Schlussfolgerungen sicher stellen sollen. Wichtig ist dabei auch eine ausführliche Dokumentation verwendeter Quellen und die Berücksichtigung des aktuellen Standes der Forschung auf einem Gebiet. Dadurch werden Forschungsergebnisse vergleichbar und ein inhaltlicher Fortschritt in einem Fachgebiet erst möglich. Forschungsarbeiten beziehen sich aufeinander. Sie stützen, widerlegen oder verfeinern vorhandene Theorien.
Ein wichtiges Prinzip jeder ernsthaften Wissenschaft ist die Skepsis im Sinne einer kritischen Haltung gegenüber eigenen wie fremden Ergebnissen und Thesen.
Falsifizierbarkeit
Als Begründer der modernen wissenschaftlichen Methode gilt Francis Bacon. Im 20. Jahrhundert hat sich unter Anderen Karl Popper als Begründer des kritischen Rationalismus in der Wissenschaftstheorie einen Namen gemacht; das Kriterium der Falsifizierbarkeit hat sich in Poppers Formulierung als Qualitätsmerkmal seriöser Wissenschaft weitgehend durchgesetzt.
Das Kriterium der Falsifizierbarkeit unterscheidet Wissenschaft von Glaubenslehren. Eine Theorie muss so formuliert werden, dass sie Voraussagen trifft, die durch ein Experiment widerlegt werden könnten. Nicht falsifizierbare, also experimentell nicht widerlegbare, Theorien gelten nach diesem Kriterium als unwissenschaftlich.
Philosophisch steht dahinter der kritische Rationalismus, der eine Theorie nur dann als wissenschaftlich anerkennt, wenn sie nicht nur verifizierbar, sondern auch falsifizierbar (d.h. prinzipiell widerlegbar, s.o.) ist. Der kritische Rationalismus wurde und wird von seinen Gegnern zuweilen auch als "Falsifikationismus" bezeichnet und wird insbesondere unter dieser Bezeichnung im Gegensatz zu anderen philosophischen Denkrichtungen gesehen (s.u.).
Der Konstruktivismus geht in seiner Ablehnung noch weiter und lehnt die These des Falsifikationismus ab, dass laufende Veränderung von falsifizierten Thesen eine asymptotische Annäherung an die Wirklichkeit brächten.
Der Relativismus sieht wissenschaftliche Paradigmen sogar als Sache des Glaubens an, die jeweils nur innerhalb einer bestimmten Wissenschafts-Kultur als wahr oder falsch gelten könnten.
Daneben gibt es aber auch zahlreiche Disziplinen, die eine Mischung verschiedener Fachgebiete darstellen und sich deshalb nicht leicht systematisieren lassen. Als Beispiel sei hier die Wirtschaftsinformatik genannt, die neben einem Kern eigener Inhalte u.a. auch Teile aus Informatik, Mathematik, Wirtschaftswissenschaften und Kommunikationswissenschaften enthält. Besonders durch Kombination von Wirtschaftswissenschaften mit anderen Fachbereichen wurden in den letzten Jahrzehnten neue Disziplinen gebildet.
Wissenschaftliche Einrichtungen
Ein großer Teil wissenschaftlicher Arbeit findet traditionell an Universitäten statt. Auch privat finanzierte Forschungsinstitute, in der Industrie oder bei anderen Trägern, staatlich finanzierte Forschungsinstitute (z. B. DFG, Max-Planck-Institut, ESA) und Großforschungsprojekte (z. B. CERN) stellen Wissenschaftlern die notwendigen Resourcen zur Verfügen.
Der für die wissenschenschaftliche Arbeit so zentrale Austausch mit anderen Wissenschaftlern erfolgt durch Wissenschaftliche Veröffentlichungen und bei Fachkonferenzen.
Bibliotheken und Archive sind vor allem für geisteswissenschaftliche Disziplinen wichtig.
Wissenschafliches Arbeiten in der Gesellschaft
Wissenschaftliches Arbeiten dient der Vermittlung von Kulturgut, das sich über Jahrtausende entwickelt hat, der Grundlagenforschung, der Weiterentwicklung bestehender Ergebnisse, der Gewinnung neuer Erkenntnisse und auch der Suche nach neuen Technologien, um die Probleme der Zeit lösen zu helfen.
Als menschliches und gesellschaftliches Handeln werden Inhalte, Methoden und Ziele der Wissenschaft stets auch von außerwissenschaftlichen Faktoren beeinflusst, damit angefangen, dass berufsmäßige Wissenschaftler zum Erwerb ihres Lebensunterhalts auf Zuwendungen der Gesellschaft oder spezieller Gruppierungen angewiesen sind.
Die Kommunikation der Wissenschaftler untereinander und mit der Gesellschaft gewährt Inspiration und Kritik, ist insofern eine essentielle Voraussetzung für produktive Forschung, kann aber auch in gemeinsamem Irrtum bestärken; nicht zuletzt deshalb werden wichtige Ergebnisse zuweilen von wissenschaftlichen Außenseitern erzielt. Gemeinsame Begeisterung für aktuelle Themen kann die Form einer wissenschaftlichen Mode annehmen.
Für interdisziplinäre Forschung wurden in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von (Forschungs-)Instituten geschaffen, in denen industrielle und universitäre Forschung zusammenwirken. Zum Teil verfügen Unternehmen aber auch über eigene Forschungseinrichtungen, in denen Grundlagenforschung betrieben wird.
Die Weitergabe wissenschaftlicher Erkenntnisse kann propädeutisch erfolgen.
Kritik an der Wissenschaft
Zu allen Zeiten stand die Wissenschaft in der Gefahr, sich durch Druck oder Anreize für politische, religiöse oder wirtschaftliche Interessen instrumentalisieren zu lassen.
Auch in letzter Zeit hat das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Wissenschaftler ebenso gelitten wie das staatlicher, kirchlicher und privater Institutionen.
Die "Disziplin" der Marginalistikparodiert die Methoden und die Infrastruktur der Wissenschaft.
Wissenschaft und Religion
Heftige Kritik an der Gültigkeit wissenschaftlicher Theorien entzündet sich inbesondere an Widersprüchen zu religiösenDogmen.
In den Geisteswissenschaften stößt beispielsweise die historisch-kritische Analyse von Glaubenstexten auf Kritik. Insbesondere, wenn die aufgrund besserer Quellenlage oder nachträglich gefundener Übertragungsfehler überarbeiteten Glaubenstexte im Widerspruch zur dogmatisch akzeptierten Version des Glaubenstextes stehen.
Da für den Gläubigen das Dogmaper definitionem wahr ist, muss die wissenschaftliche Theorie falsch sein. Der Kritiker wird die Theorie entweder abtun ("Was nicht sein darf, das nicht sein kann") oder pauschal gegen die Wissenschaft an sich vorgehen. Eine differenziertere Form der Kritik akzeptiert weitgehend die wissenschaftliche Methode und übernimmt ihre Fachbegriffe. Der Kritiker wird Ausnahmen von wichtigen wissenschaftlichen Kernprinzipien (wie Reproduzierbarkeit, Falsifizierbarkeit) einfordern oder wichtige Kernbegriffe in seinem Interesse umdefinieren.
Ziel dogmatisch begründeter Kritik ist immer die Aufrechterhaltung des Dogmas.
Wissenschaftsgläubigkeit
Die Kritik richtet sich gegen die Verwendung von Wissenschaft als Ersatzreligion (Szientizismus). Wissenschaftsgläubige suchen geistige Orientierung in wissenschaftlichen Theorien. Ein Kennzeichen ist der Glaube an "Naturgesetze". Wissenschaftliche Theorien, die nach dem modernen Wissenschaftsbegriff falsizierbar, und damit widerlegbar sind, werden als unanfechtbare Gewissheiten angesehen.
Auch wenn manche Theorien (wie die Newtonsche Mechanik oder Keplers Planetenbahnen) sich als sehr stabil erweisen, sind sie nur annähernde Beschreibungen eines viel komplexeren Sachverhaltes. Ansonsten hätte die Einsteinsche Relativitätstheorie sie nicht erweitern können.
Der Wissenschaftsgläubige verwechselt Gegenstand und Ziel der Wissenschaft. Er staunt nicht über die Welt und versucht sie durch wissenschaftliches Vorgehen besser zu verstehen. Er sieht die Welt durch die Brille seiner bevorzugten wissenschaftlichen Theorien. Beobachtungen, die er mit diesen Theorien nicht vereinbaren kann, werden ausgeblendet. Darin ähnelt der Wissenschaftsgläubige dem Anhänger religiöser Dogmen. Im Extremfall führt das zur Fälschung von Experimenten, um eigene Theorien zu schützen. In der gemäßigten Form erklärt diese Neigung, am eigenen Weltbild festzuhalten, die Verzögerung, mit der sich neue Paradigmen in der Wissenschaft durchsetzen können.
Wissenschaftsgläubige, die den Aufwand eigener sorgfältiger wissenschaftlicher Arbeit scheuen, orientieren sich an wissenschaftlichen Autoritäten. Ironischerweise werden sie damit besonders empfänglich für Para- und Pseudowissenschaften. Solange die Führungsperson überzeugend auftritt, behandeln Gläubige dessen Theorien wie gültige wissenschaftliche Modelle. Die Grenze zur Scharlatanerie wird überschritten, wenn die vermeintlich revolutionären, weil für den Wissenschaftsgläubigen nicht erklärbaren, Effekte in betrügerischer Abschicht verwendete Bühnentricks sind. Die Blindheit des Wissenschaftsgläubigen zeigt sich hier besonders an der Effektiviät, mit der geübte Zauberkünstler die Behauptungen widerlegen können, indem sie die wissenschaftliche Methode anwenden. Die Kritik richtet sich hier gegen die Leichtgläubigkeit gegenüber "wissenschaftlich" auftretenden Autoritäten.
Viele große Wissenschaftler beschäftigten sich intensiv mit Glauben und Okkultismus, ohne die Balance zu verlieren. Weder leichtgläubig noch dogmatisch abwehrend, näherten sie sich auch diesen Themen, wie es bei Wissenschaft im besten Sinne sein sollte: vorurteilsfrei und kritisch.
Elfenbeinturm
Eine weitverbreitete Kritik an Wissenschaft bezieht sich etwas unspezifisch auf die emotionale "Kälte", die Einseitigkeit, Kopflastigkeit, Linkshirnigkeit von Wissenschaftlern und ihrer Weltsicht.
Diese Kritiker nehmen die Wissenschaft als schwer nachzuvollziehendes Gedankengebäude wahr, das nur noch Eingeweihten verständlich ist. Bei den Naturwissenschaften verstellt Mathematik den Zugang, bei den Geisteswissenschaften eine unverständliche Fachsprache. Obwohl sich viele Menschen für wissenschaftliche Fragestellungen und populärwissenschaftlich aufgearbeitete Ergebnisse interessieren, wird die eigentliche wissenschaftliche Arbeit als unverständlich wahrgenommen.
Vermisst wird die Offenheit für Neues, die spielerische Freude am sinnlichenEntdecken. Dabei sind genau das die Antriebskräfte für viele Wissenschaftler. Nur ist die für Nichtwissenschaftler nicht erkennbar. Die Kritiker erleben Wissenschaftler entweder als Rationalisten, die ohne Bezug zur sinnlichen Erfahrung (Empirie) komplizierte Modelle entwickeln, als übertrieben skeptische Wissenschaftsgläubige oder als Bürokraten eines unüberschaubaren akademischenApparats.
Die Kritik richtet sich gegen den Rückzug der Wissenschaft in ihren sprichwörtlichen Elfenbeinturm.
Zum Beispiel wurde es im Laufe der späten 1930er Jahre absehbar, dass die enormen Energien der Kernspaltung auch für Waffen genutzt werden können. Robert Oppenheimers Rolle bei Entwicklung und Ersteinsatz von Kernwaffen im Manhattan-Projekt zeigt den Interessenskonflikt zwischen Machbarkeitsdenken, persönlichen Idealen und nationalen Interessen. Albert Einstein, der wichtige theoretische Grundlagen entwickelte, wandte sich nach dem 2. Weltkrieg entschieden gegen den Einsatz von Kernwaffen. Die Kritik gegen die Wissenschaft richtet sich gegen die Schaffung von Waffen, die buchstäblich auf Knopfdruck das gesamte menschliche Leben auf der Erde zerstören können (Overkill).
Seit den 1990ern steht die Genforschung im Zentrum ethischer Diskussionen. Bei der Nutzung von Embryonen für die Stammzellenforschung gilt es abzuwägen, welche Formen menschlichen Lebens vor äußeren Eingriffen zu schützen sind (vergleiche auch die Debatten zu Abtreibung und Euthanasie). Ein noch weiter reichendes ethisches Dilemma stellt sich beim therapeutischen oder klonenden Eingriff in die menschliche Keimbahn. Die Wissenschaft stellt Methoden zur Verfügung, um das menschliche Leben an sich verändern. Befürworter der Eugenik erhalten geeignete Werkzeuge. Hier richtet sich die Kritik gegen das Desinteresse vieler Wissenschaftler, sich ethischen Fragen zu stellen und Verantwortung für absehbare Folgen ihres Tuns zu übernehmen.
Zitate
Es gibt nur ein einziges Gut für den Menschen: die Wissenschaft. Und nur ein einziges Übel: die Unwissenheit. - (Sokrates)
Der Beginn aller Wissenschaften ist das Erstaunen, dass die Dinge sind, wie sie sind. (Aristoteles)
Die Wissenschaft ist nichts Abstraktes, sondern als Produkt menschlicher Arbeit auch in ihrem Werdegang eng verknüpft mit der Eigenart und dem Schicksal der Menschen, die sich ihr widmen. (Emil Fischer)
Es gibt keine Autorität der Wissenschaft. Die Wissenschaft ist etwas Wunderbares. Trotzdem wissen wir nichts. Das heißt, in unserer Wissenschaft stecken viele Irrtümer. Das war immer so. Der wissenschaftliche Fortschritt besteht darin, diese Irrtümer zu finden und durch etwas Besseres zu ersetzen: durch eine bessere Hypothese. Er besteht darin, Irrtümer loszuwerden. (Karl Popper)
"Das Ziel der Wissenschaft ist es immer gewesen, die Komplexität der Welt auf simple Regeln zu reduzieren." (Benoit Mandelbrot)
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