Die Wahrnehmung entsteht genetisch auf der Grundlage der Empfindung, jedoch nicht als einfache Verknüpfung einzelner Empfindungen, sondern als eine neue Qualität der sinnlichen Widerspiegelung. Obwohl die Empfindung die nächste und unmittelbare Verbindung des Bewußtseins mit der objektiven Realität ist, bildet die Wahrnehmung infolge ihres ganzheitlichen Charakters und ihrer größeren Bewußtheit im menschlichen Erkenntnisprozeß die grundlegene Form der sinnlichen Widerspiegelung.
Die Wahrnehmung in ihrer Gesamtheit vermittelt ein anschauliches Abbild der objektiven Realität, in dem nicht nur die äußere Erscheinung, die oberflächlichen Beziehungen, das Einzelne und Zufällige, sondern zusammen mit ihnen auch die wesentlichen inneren, allgemeinen und notwendigen Zusammenhänge erfaßt sind.
In der Wahrnehmung sind alle diese Beziehungen jedoch nicht voneinander unterschieden, sie spiegeln Erscheinungen und Wesen in ihrer Einheit wider. Daher enthalten die Wahrnehmungen das notwendige Material, aus dem das abstrahierende und verallgemeinernde Denken die wesentlichen inneren, allgemeinen und notwendigen Beziehungen aussondern und herausheben(hervorheben) kann.
Zur objektiven Grundlage der Wahrnehmung
Die objektive Grundlage der Wahrnehmung bildet die Einheit der verschiedenen Seiten und Eigenschaften der Gegenstände, die in der Wahrnehmung widergespiegelt werden, und mit denen der Mensch im Verlauf seiner gesellschaftlichen Tätigkeit in Wechselwirkung tritt. Die Gegenstände wirken hierbei nicht als Summe einzelner Reize, sondern als Komplexreiz auf die Sinnesorgane ein und bedingen dadurch ihre Zusammenarbeit.
Zur neurodynamischen Grundlage der Wahrnehmung
Die neurodynamische Grundlage der Wahrnehmung ist die bedingt-reflektorische Aktivität des Nervensystems, die vor allem in einer fortschreitenden Analyse und Synthese der Komplexreize und ihrer Beziehungen besteht. Die Wahrnehmung als ideelles Abbild des Gegenstandes entsteht im Resultat des Zusammenwirkens der verschiedenen Nervenmechanismen, angefangen von den Rezeptoren über die afferenten Leitungen funktionelles System bis zu den sensorischen Zentren der Großhirnrinde, wo die Analyse und Synthese vollendet wird.
Wenn die Wahrnehmung auch in der Großhinrinde gebildet wird, so sind doch alle Abschnitte des Nervensystems daran beteiligt. Die Rezeptoren wirken hierbei nicht nur als Reizempfänger, sondern üben durch ihre reafferenten Reize auch eine effektorische Funktion aus(Reafferenzprinzip).
Zur Herausbildung der Wahrnehmung im Zusammenhang mit anderen Bewußtseinsinhalten
Die Herausbildung der Wahrnehmung erfolgt als bedingt-reflektorischer Akt nach dem Prinzip der Rückkopplung. Hierbei entstehen in der Großhirnrinde komplizierte bedingt-reflektorische Verbindungen( Assoziationen), die eine Synthese der Reize aller Rezeptoren sind und beim Menschen auch die Reize des Sprachanalysators umfassen.
Diese Verbindung zwischen den Signalsystemen ist die neurodynamische Grundlage dafür, daß die menschliche Wahrnehmung auch das Wort, welches den Gegenstand bezeichnet, einbezieht, und zwar als Sinngehalt(sinnlich-rationale Erkenntnis), als Verständnis des Gegenstandes.
Infolgedessen tragen die menschlichen Wahrnehmungen einen bewußten Charakter und sind eng mit dem Denken sowie mit den bereits erworbenen Erfahrungen verbunden.
Der Zusammenhang mit einzelnen Sinneswahrnehmungen wie der Empfindung
Im Unterschied zur Empfindung gibt die Wahrnehmung als ganzheitliches sinnliches Abbild die räumlichen Eigenschaften und Beziehungen der Gegenstände, Kontur, Konfiguration, Größe, Entfernung u.a. wieder. Daraus erklärt sich, weshalb Geruchssinn und Tastsinn bei der Bildung der Wahrnehmung eine entscheidende Rolle spielen, denn sie ermöglichen die Raumwahrnehmung.
In den optischen und taktilen Sinnesqualitäten werden weitgehend dieselben Eigenschaften der Gegenstände widergespiegelt, wobei das optische Bild vor allem durch die Angabe des Tastsinns bestimmt wird. Das zeigt den engen Zusammenhang der Wahrnehmung mit dem Handeln, insbesondere mit der Tätigkeit.
Zur Einheit von subjektiven und objektiven Momenten der Wahrnehmung
Die menschliche Wahrnehmungen sind Abbilder der objektiven Realität im Bewußtsein, aber vermittelt durch die Erkenntnistätigkeit( Erkentnisprozess) des Subjekts. Sie entstehen nicht als passives Ergebnis der Einwirkung der Gegenstände auf die Sinnesorgane, sondern als Resultat der aktiven praktischen Tätigkeit der Menschen und der aktiven bedingt-reflektorischen Tätigkeit des Zentralnervensystems.
Die Wahrnehmung als Abbild wird daher nicht nur durch die Gegenstände der objektiven Realität, sondern auch durch die Gesetzmäßigkeiten (naturbedingt notwendig) der Erkenntnistätigekit des Subjekts determiniert, sie bildet eine Einheit von Objektivem und Subjektivem, in der das Subjektive - genetisch betrachtet - als Entwicklungsprodukt der Natur selbst objektiv bedingt ist.
Die Objektivität der Wahnehmung besteht in der annähernd getreuen adäquaten Widerspiegelung der Gegenstände der objektiven Realität, und dieser Prozess wird ständig überprüft und korrigiert durch die anschauliche und erkannte praktische Tätigkeit.
Der Unterschied im Wahrnehmungsurteil
Das Wahrnehmen als sinnliche Bestimmung des Gegenstandes ist vom bekannten Wissen über den Gegenstand durch die logische Vorausbestimmung(Prädizierung) im Wahrnehmungsurteil zu unterscheiden. Ein Irrtum ist nicht der einer Wahrnehmung, sondern der eines Urteils über sie.
Zur Rolle der Wahrnehmung in der traditionellen Logik
In der traditionellen Logik verwendete man die Wahrnehmung zur Erklärung des Ursprungs der Begriffe. Die reproduzierte Wahrnehmung wurde Vorstellung genannt, zu deren Bildung noch besondere Gesetze der Assoziation angenommen wurden. Um die Vielfalt der Begriffe erklären zu können, wurde zwischen äußerer und innerer Wahrnehmung unterschieden.
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