Alle vier Aspekte entwickeln eine Vielzahl an Fragestellungen, mit denen sich verschiedene wissenschaftliche Disziplinen beschäftigen. Beispiel: Wann sind Aussagen eindeutig wahr? Lässt sich die Wahrheit annähernd durch ein axiomatisches System wie die Mathematik bestimmen? Gibt es überhaupt so etwas wie Wahrheit?
Folgende Begriffe sind besonders durch Kant geprägt:
Apriorische Wahrheiten: Wahrheiten, die von der Erfahrung unabhängig sind.
Aposteriorische (empirische) Wahrheiten: Wahrheiten, die von der Erfahrung abhängig sind, wie beispielsweise ‚die Erde dreht sich um die Sonne‘, zu deren Begründung man Erfahrung benötigt.
Analytische Wahrheiten: Wahrheiten, bei denen der Prädikatsbegriff im Subjektsbegriff enthalten ist, wie zum Beispiel ‚alle Junggesellen sind unverheiratet‘, zu deren Begründung man nur Bedeutungsregeln alleine benötigt.
Synthetische Wahrheiten: Wahrheiten, bei denen der Prädikatsbegriff nicht im Subjektsbegriff enthalten ist, wie beispielsweise ‚alle Junggesellen sind glücklich‘, zu deren Begründung man nicht nur Bedeutungsregeln alleine benötigt.
Notwendige Wahrheiten: Wahrheiten, deren Verneinung zu einem logischen Widerspruch führt, wie zum Beispiel ‚alle Kreise sind rund‘.
Kontingente (oder zufällige) Wahrheiten: Wahrheiten, deren Verneinung zu keinem logischen Widerspruch führt, wie beispielsweise ‚die Anzahl der Planeten ist gleich 9‘.
Theorien
Korrespondenz- oder Adäquationstheorie: Vertreten von Aristoteles (384-322 v.u.Z.) und vielen mittelalterlichen Philosophen. Wahrheit besteht in der Übereinstimmung von Verstand und Sache (‚wahr ist, von etwas was ist, zu sagen es sei, und von etwas, was nicht ist, zu sagen es sei nicht‘). Siehe auch: Klassische Definition der Wahrheit.
Kohärenztheorie: Vertreten von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) und idealistischen Philosophen. Die Wahrheit einer Menge von Aussagen besteht darin, dass sie untereinander kohärent sind, d.h. dass sie widerspruchsfrei miteinander vereinbar sind.
Pragmatische Wahrheitstheorie: Vertreten von pragmatisch orientierten Philosophen. Wahr ist, was für die Praxis fruchtbar bzw. nützlich ist.
Konsenstheorie: Vertreten von Karl-Otto Apel (* 1922). Eine Aussage ist wahr, wenn eine potentiell unendlich große Menge von Menschen unter idealen Kommunikationsbedingungen dieser Aussage zustimmen würde.
Existenztheorie: Vertreten von Martin Heidegger (1889-1976). Wahrheit ist Offenbarung des Seins.
Semantische Wahrheitstheorie: Entwickelt von Alfred Tarski (1902-1983) in seinem zuerst auf polnisch erschienenen Aufsatz Der Wahrheitsbegriff in den formalisierten Sprachen (1933) als Semantik der Prädikatenlogik. Die Ursache der Lügner-Antinomie (siehe unten) liegt für Tarski in der semantischen Geschlossenheit der Umgangssprache: diese enthält für jede Aussage einen Namen dieser Aussage. Deshalb kann man für sie keine Definition des Wahrheitsbegriffes angeben, ja diesen nicht einmal widerspruchsfrei verwenden.
Systemtheorie: Vor allem in der Nachfolge von Niklas Luhmann (1927-1998) wird Wahrheit als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium aufgefasst. Dabei wird grundlegend zwischen Wissen und Wahrheit unterschieden, was als 'wahres Wissen' zu gelten hat, muss durch ein Beobachten zweiter Ordnung entschieden werden. Dies führt letztlich zu der Paradoxie, dass es wahre Wahrheit und unwahre Wahrheit gibt. Vgl. etwa Niklas Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main (Suhrkamp) 1992, S.167ff.
Beispiel einer Problemstellung: die semantische Antinomie
'Epimenides aus Kreta sagt: »Alle Kreter lügen, sprach der Kreter«‘ oder kurz:‚Ich lüge jetzt‘.
Sollen wir jetzt dem Mann aus Kreta glauben, wenn er sagt, dass er lügt oder nicht? Wenn wir annehmen, dass er die Wahrheit sagt, dann müssen wir schließen, dass er lügt. Und wenn wir umgekehrt annehmen, dass er lügt, müssen wir schließen, dass er die Wahrheit sagt. Es folgt zwangsläufig ein Widerspruch.
Weitere Aspekte
Wahrheit ist vor allem deshalb schwer zu erfassen bzw. festzustellen, weil kein Mensch alle Informationen haben kann, um "die ganze Wahrheit" kennen zu können. Insofern kann Wahrheit formal oft auf eine Wahrscheinlichkeitsaussage reduziert werden.
Wahrheitsdefinition in künstlichen Sprachen
Für weniger komplizierte - künstliche - Sprachen wie etwa die Prädikatenlogik kann man jedoch einen Wahrheitsbegriff definieren. Die Sprache, für die man den Wahrheitsbegriff definiert, und die damit Gegenstand der Untersuchung ist, nennt man nach Tarski Objektsprache, die Sprache, in der die Definition formuliert wird, dann Metasprache.
Wahrheitsempfindung
Die Empfindungen von Wahrheit, z.B. im zwischenmenschlichen Bereich oder bei der Selbstreflexion sind vielschichtig und individuell geprägt: Wahre Begegnung zwischen Menschen, offener Umgang miteinander, echte Selbstoffenbarung führen vielleicht zu dem, was der Schweizer Theologe Emil Brunner einmal mit "Wahrheit als Begegnung" formuliert hat...
"Es hat einer von ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: Die Kreter sind immer Lügner [...] Dieses Zeugnis ist wahr." (Titusbrief 1,12f in der Bibel)
Was bildet ihr euch ein, dass ihr alle Wahrheit in Verwahrung habt? Es lässt sich auf allen Seiten gar vieles sagen. - Ralph Waldo Emerson (aus dem Essay: Montaigne oder der Skeptiker)
Literatur
Deku, Henry: Wahrheit und Unwahrheit der Tradition, St. Ottilien 1986
Pieper, Josef: Wahrheit der Dinge, Eine Untersuchung zur Anthropologie des Hochmittelalters, München 1947
Thomas von Aquin: Von der Wahrheit (De veritate, Quaestio I), Lateinisch - Deutsch, ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Albert Zimmermann, Hamburg 1986
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