Wie das Jahr seiner Geburt für eine beginnende Epoche der Geschichte Deutschlands und Europas bezeichnend ist, so kann Ludwig Volkmanns Leben als typisch gelten für das Leben und Streben eines deutschen Mannes dieser Periode, der der führenden Bildungsschicht unseres Volkes angehörte und der dieses Privileg auch sehr bewusst für sich in Anspruch nahm, allerdings immer betont unter Bezugnahme auf das Wort aus Goethes Faust: »Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!«.
Es war für ihn selbstverständlich, dass der Mensch, dem große Gaben mitgegeben worden sind, sie auch in einer entsprechenden Leistung zum Nutzen des Ganzen zu gebrauchen haben würde. Er besuchte zunächst die Teichmannsche Privatschule, darauf das Nikolai-Gymnasium in Leipzig, das er Ostern 1888 mit dem Reifezeugnis verließ.
An dieser Stelle ist bereits zu erwähnen, was der 73jährige später bei seinem 50. Berufsjubiläum an die Belegschaft seines Betriebes Breitkopf & Härtel gesagt hat: »Ich verrate wohl kein Geheimnis, wenn ich erwähne, dass ich selbst als junger Mensch keine Neigung hatte, in den Beruf und das Amt des geliebten Vaters einzutreten, darin, aber leider nur darin, unserem großen Vorfahren Johann Gottlieb Immanuel Breitkopf gleichend, weil es mich ganz zu geistiger und wissenschaftlicher Tätigkeit hinzog«.
Er hatte gefürchtet, ob er nicht über dem ihm bestimmten Beruf die ihm verliehene innere Berufung verleugnen müsste. Doch aus Pflichtgefühl gegenüber der alten Firma und der Familie entschloss er sich schließlich, das Erbe anzutreten. Er erlernte zunächst in Bonn den Buchhandel, zugleich als Student der Naturwissenschaften immatrikuliert, von 1888?1889. Die folgende Zeit wandte er sich, im Hinblick auf den künftigen Beruf, dem Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Nationalökonomie zu, in München und Leipzig, im Winter 1891/92 in Italien (namentlich Florenz und Rom), endlich nochmals in München, wo er 1892 mit einer Dissertation über »Bildliche Darstellungen zu Dantes Divina Commedia bis zum Ausgang der Renaissance« zum Dr. phil. promovierte. 1892/93 diente er als Einjährig-Freiwilliger beim Jäger-Bataillon in Dresden, bei dem er 1894 Reserveoffizier wurde.
Am 16. Oktober1893 trat er bei Breitkopf & Härtel ein, wurde am 1. Juli1894 Teilhaber des Zweighauses in Brüssel, am 1. Dezember1895 Prokurist der Firma, im Januar 1897 Teilhaber der Leipziger Firma. Im Jahre 1901 wurde er zum Ersten Vorsitzenden des Deutschen Buchgewerbevereins gewählt, ein arbeitsreiches Ehrenamt, das ihn u.a. 1904 als Preisrichter zur Weltausstellung von St. Louis in die Vereinigten Staaten von Amerika, 1910 in gleicher Eigenschaft nach Brüssel führte. Zugleich pflegte er seine kunstwissenschaftlichen Interessen durch Reisen und eine reiche schriftstellerische Betätigung weiter. 1914 war er Präsident der von ihm organisierten Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik in Leipzig (Bugra).
In der Ansprache, die ein Mitarbeiter aus der damaligen Zeit am Tage seines Begräbnisses vor der Belegschaft des Hauses hielt, sprach dieser von Ludwig Volkmann und der "Bugra": »Sie war sein Werk und sein Geist. Mit mir werden sich noch viele ältere Arbeitskollegen an diese Zeit erinnern. Das graphische Gewerbe Deutschlands und insbesondere das der Buchstadt Leipzig stand in der ganzen Welt im höchsten Ansehen. Die Ausstellung war international. Unser Chef, damals in den besten Mannesjahren stehend, warb im In- und Ausland, die Sprachen der großen Kulturvölker fließend beherrschend, für diese große Kulturschau. Wir jugendlichen Jünger der schwarzen Kunst waren stolz und voll Idealismus dabei bescheidene Helfer, indem wir als Führer auswärtige und ausländische Fachkollegen durch die Ausstellungen leiteten. Leider zerstörte auch damals ein unseliger Krieg diese wundervolle Aufbauarbeit für unser Gewerbe und machte zunichte, was so viel Segen bringen sollte«.
Besonders hoch wurde es ihm angerechnet, dass in seinem Betrieb keine Fabriksirene zur Arbeit rief, keine Stempeluhr zu fürchten war, dass dem Mitarbeiter »keine Nummer in die Hand gedrückt wurde, die er beim Betreten der Fabrik abzugeben hatte und dadurch selbst zur Nummer herabgedrückt wurde«, als das anderswo noch üblich war. Ebenso verkündete er schon 1907 den Angehörigen des Hauses, dass sie von jetzt an Anspruch auf bezahlten Urlaub hätten, was unter den damaligen Verhältnissen etwas Außerordentliches war.
Im September 1914 wurde er zum Geh. Hofrat ernannt, verschiedene in- und ausländische Gesellschaften ernannten ihn zum Ehrenmitglied. Im Ersten Weltkrieg konnte er hinter der Front vielerlei kulturelle Arbeit leisten. 1919 begründete er eine besondere buchgewerbliche Abteilung auf der Leipziger Messe, die unter dem Namen "Bugra-Messe" bleibende Bedeutung gewann und ein eigenes Messehaus erwarb. Auf der Internationalen Presse-Ausstellung Köln 1928 leitete er die Abteilung Buchgewerbe.
Als 1939 der 2. Weltkrieg ausbrach, musste Ludwig Volkmann den großen Betrieb unter erschwerten Verhältnissen allein leiten, da die beiden Mitinhaber und Vettern v. Hase zum Kriegsdienst eingezogen waren. Nebenher arbeitete er aber auch noch kunstwissenschaftlich weiter und fand darin zeitweise ein Vergessen der schweren Schicksalsschläge, die ihn persönlich durch den Tod seiner ältesten Tochter Eva und dann kurz nacheinander der geliebten Frau und des ältesten Sohnes Wilhelm getroffen hatten. Körperlich hielt ihn vor allem die mit Leidenschaft betriebene Jagd gesund und rüstig, bis ihn 1940 ein Unfall betraf, durch den er weitgehend gelähmt wurde und nun den Betrieb nur noch unter schwierigsten Umständen leiten konnte. Er verfasste in dieser Zeit noch ein kunstwissenschaftliches Werk über »Ägypten-Romantik in der europäischen Kunst", ein Zeichen dafür, mit welcher Energie er sich trotz allem aufrecht erhielt. In sein Büro jedoch konnte er nur noch wöchentlich einmal mit dem Rollstuhl von einem alten Angestellten der Firma gefahren werden.
Aber das Schicksal hatte noch einen furchtbaren Schlag für ihn bereit, indem am 4. Dezember1943 sein schönes Haus und das Hauptgebäude von Breitkopf & Härtel nebst Maschinensaal und Keller durch einen Luftangriff auf Leipzig total ausbrannten, wobei eine große Anzahl von Kunstwerken und Familiendokumenten vernichtet wurde. Er lebte nun zunächst in dem Landhaus in Großbothen bei Leipzig, dann in einem möblierten Zimmer in Leipzig bei einer älteren Frau, die ihn zugleich auch gut versorgte. Immer wieder versuchte er mit großer Energie und Tapferkeit, das Beste aus seinem schweren Schicksal zu machen; ein Vorbild für alle in schweren Zeiten.
Er starb in Leipzig am 10. Februar1947, dem 175. Geburtstag Johann Wilhelm Volkmanns, des Stammvaters dieses Zweiges der Familie - ein Datum, dem er selbst gewiss einen symbolischen Wert zugemessen hätte. Denn das muss noch gesagt werden: die Liebe zur Familie und zu den Vorfahren war einer der bezeichnendsten Wesenszüge Ludwig Volkmanns, schrieb er doch schon mit 25 Jahren die "Geschichte der Familie Volkmann", und ihm ist es zu verdanken, dass die Familie durch die Jahrzehnte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen festen Zusammenhalt gewahrt hat. Für alle war er der »Onkel Lux«, wie er allgemein genannt wurde, und er selbst bezeichnete sich gern als den »getreuen Schäferhund«, der alle immer wieder zusammenhielt. Vor allem für die junge Generation hatte er eine große Liebe und war immer bereit, zu helfen und zu fördern. Als bescheidener »Kassenwart« im Familienvorstand war er immer wieder die heimliche Antriebskraft, damit die so zahlreich gewordene Familie nicht auseinander fiel. Das war ihm Herzenswunsch, dass die gute Überlieferung der alten Familie aufrechterhalten und weitergeführt würde, damit sie auch in Zukunft in Ehren bestehen könne. Sein Leben ist für alle Volkmanns Vorbild, Aufgabe und Verpflichtung.
Ludwig Volkmann verheiratete sich am 13. Juli1896 mit Henriette Ferdinande Luise Ida Maßmann , geb. am 18. Mai1876 in Schwerin/Mecklenburg als Tochter des Reichsgerichtsrats, späteren Senatspräsidenten Dr. Wilhelm Maßmann und dessen Frau Clara geb. Burmeister. Sie starb nach einer überaus glücklichen Ehe am 1. August1938. Ihre Kinder waren:
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