1. Eine Völkerwanderung bezeichnet im Allgemeinen eine Wanderbewegung, bei der eine große Zahl Menschen aus einem Volk oder eine ganze Volksgruppe in ein anderes Gebiet umsiedelt. Grund dafür sind gewöhnlich verschlechterte Lebensbedingungen:
1. Klimatisch bedingt: Dürren, Überschwemmungen, Stürme, Frost und die Folgen
2. Politisch bedingt: Kriege, Einfall anderer Volksgruppen, Verfolgung von Minderheiten
3. Als Völkerwanderungszeit im engeren Sinne wird der Zeitraum von 375 (Hunneneinfall) bis 568 (Einfall der Langobarden in Norditalien) bezeichnet. Mit ihr endet die Spätantike bzw. Römische Kaiserzeit, es beginnt das europäische Frühmittelalter. Die in Mitteleuropa nachfolgende Epoche ist die Merowingerzeit. Da die begriffliche Abgrenzung über den Negativbegriff der Auflösung römischer Gesellschaftsstrukturen vorwiegend kulturell definiert ist, kann die Begriffsverwendung und ihr zeitlicher Beginn je nach Region stark differieren.
Die wahrscheinlichen Gründe für die germanische Völkerwanderung sind vielfältig und auch ortsabhängig. Unter anderem sind dies:
Landnot in Nordosteuropa wegen zunehmender Bevölkerung
ungünstige klimatische Bedingungen
Wanderbewegungen anderer Stämme (insbesondere der Hunnen) und entsprechender Druck auszuweichen
Der Rückzug des römischen Reiches und der damit einhergehende Verlust von Macht- und Verwaltungsstrukturen sowie zunehmende Inkorporation germanischer Völker als Verbündete gegen Tributzahlungen und als Söldner im römischen Heer. Man spricht inzwischen von einer "Transformation of the Roman World". Die vielleicht wichtigste Leistung der römischen Staatlichkeit war das Entstehen der sogenannten Regna auf dem Boden des Imperiums (Goten in Italien und Spanien, Vandalen in Nordafrika, Franken in Gallien), die ganz wesentlich für das Werden Europas im Mittelalter wurden. (Vgl. Lit.zitat!)
Wichtig in der neueren Forschung ist die Kategorie der Ethnogenese. Die Entstehung von Völkern, von enthnischen Identitäten wird nicht mehr als biologische Kategorie, sondern als historischer Prozess verstanden.
Bis zum Einfall der Hunnen kam es zu keinen größeren Bevölkerungsverschiebungen. Das römische Reich zog sich im Laufe der Jahrzehnte immer weiter zurück und hatte zunehmend mit innenpolitischen Problemen zu kämpfen, bis es 395 n. Chr. in das west- und oströmische Reich geteilt wurde.
In dieser Zeit kam es nur zu kleineren Einfällen in römisches Herrschaftsgebiet, die entweder zurückgeschlagen wurden oder mit kleineren Grenzkorrekturen endeten. Viele Stämme wurden auch als Bundesgenossen gezielt an den Grenzen des römischen Reiches angesiedelt und bildeten Puffer zu den wilderen Stämmen.
Die geschlagenen Ostrogoten (verballhornisiert zu Ostgoten) wanderten daraufhin nach Westen und drangen nach Italien ein, die Visigoten (verballhornisiert zu Westgoten) fielen ins Oströmische Reich ein, zogen durch den Balkan, Peloponnes (heute Griechenland) und Ende des 4. Jahrhunderts nach Italien. 410 eroberten die Westgoten unter König Alarich I. Rom. Sie wanderten weiter in den Südwesten Galliens, wo sie das so genannte Tolosanische Reich bei Toulouse errichteten. 507 wurden sie von den Franken besiegt und auf die iberische Halbinsel (heute Spanien) verdrängt. 711 brach das Westgotenreich durch den Sieg der Araber zusammen.
Etwa zur selben Zeit drangen die Jüten, Friesen, Angeln und Sachsen aus Norddeutschland und dem heutigen Dänemark in Britannien ein und besetzten weite Teile des Landes.
Erst die neu entstandenen Staatswesen der Franken, Langobarden und Angelsachsen hatten Bestand und stabilisierten die Verhältnisse in Mitteleuropa wieder.
Literatur
Ahrens, Peter: Die Völkerwanderung. München 2003. (Populärwissenschaftliches Begleitbuch zur vierteiligen Fernsehdokumentation)
Todd, Malcom: Die Zeit der Völkerwanderung. Stuttgart 2002.
Pohl, Walter: Die Völkerwanderung. Stuttgart u.a. 2002. (Wissenschaftlich fundierte Einführung aus der Kohlhammer Reihe)
Rosen, Klaus: Die Völkerwanderung. München 2002. (Ansprechende Überblicksdarstellung aus der guten Beck-Wissen-Reihe mit annotierter Kurzbibliographie)
Martin, Jochen: Spätantike und Völkerwanderung. München 2001. (4. Band in der OGG-Reihe mit Darstellung, Forschungstendenzen und Bibliographien zu Quellen und Literatur, Ausgangspunkt für die wissenschaftliche Arbeit).
Magdalena Maczýnska, Die Völkerwanderung. Geschichte einer ruhelosen Epoche im 4. und 5. Jahrhundert (Düsseldorf u.a. 1998), ISBN_3-7608-1204-X.
Leslie Webster/Michelle Brown (ed.), The Transformation of The Roman World. AD 400-900, London 1997 (ISBN_0714105856)
Porta praehistorica et antiqua. In diesem Diskussionsforum werden Fragen zur Lebensweise, Kleidung, Ernährung und Kultur der Menschen unter anderem in der Völkerwanderungszeit behandelt.
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