Der Vitalismus (lat. vita : das Leben) bezeichnet eine idealistische Theorie über die biotische Bewegungsform des Materiellen, für die eine verabsolutierte Gegenüberstellung von Materie und Leben kennzeichnend ist; dem Leben wird ein "nichtmaterieller", als Lebenskraft, Entelechie, ideeller Bauplan oder dergleichen bezeichneter Faktor zugeordnet.
Der Vitalismus ist somit eine für den Bereich des Belebten konkretisierte Form des philosophischen Idealismus, der der Materie die Eigenschaften der Selbstbewegung (d.h. damit auch der Selbtsorganisation) und der qualitativen Unerschöpflichkeit abspricht. Die Vertreter des Vitalismus gehen von der Annahme einer "toten", der Bewegungsform des Lebendigen baren Materie aus. Erst durch das Einwirken "nichtmaterieller", also geistiger oder psychischer Kräfte könne Materie sich entwicklen und zur Herausbildung des Lebens gelangen.
Das Leben wird damit als Resultat des die Materie durchwirkenden Geistes betrachtet. Alle biotischen Vorgänge seien zielstrebig, von einer Idee geleitet; die Ganzheitlichkeit organismischer Individuen beruhe auf einem "Ganzheitsbestreben", das als Leistung der Lebenskraft erscheint.
Zur Begründung der Lehre des Vitalismus durch Aristoteles
Der Vitalismus wurde durch Aristoteles begründet. Er deutete das Leben spekulativ als von der Form geprägten Stoff, wobei er das formende Prinzip (als Entelechie) dem stofflichen Prinzip (als Dynamis - die Möglichkeit des Stoffes, eine Einwirkung zu erleiden) gegenüberstellte. Der Dualismus von Entelechie und Dynamis ist für die aristotelische Philosophie insgesamt charakteristisch (verdeutlicht über die Analogie des Bildhauers, der in seinem Werk einem ungeformten Stoff seine Prägung erteilt). Für die Entwicklung des Lebens verbindet Aristoteles spekulativ die männlichen Keimzellen mit der Entelechie, die weiblichen mit der Dynamis. Damit war die vitalistische Problematik bereits mit dem Werk ihres Begründers an die biotischen Sachverhalte der Zeugung, Befruchtung und Keimesentwicklung gebunden.
Zur Entwicklung des ersten Bruchs mit den Ideen des Vitalismus bei Descartes
In der Geschichte des naturphilosophischen und biotischen Denkens bildete der Vitalismus bis in das 17. Jahrhundert die unangefochtene, durch kirchliche Autorität sanktionierte philosophische Grundlage, das Wesen des Lebens zu deuten. Erst in im Gefolge der frühbürgerlichen Entwicklung und der darauf gegeründeten Aufwertung der menschlichen Erkenntniskräfte setzte wieder eine unbefangene Naturbeobachtung und -beschreibung ein. Materialistische Philosophie und naturkundliche Materialsammlung bahnten den Bruch mit dem der Biologie weitgehend den Lehren Aristoteles verpflichteten Autoritätsglauben an. Während zu Beginn des 17. Jahrhunderts William Harvey und Johann Baptist van Helmont noch vitalistische Spekulationen mit Naturstudein vereinten, begründete Rene Descartes unter Anwendung der Denkweise der Mechanik eine mechanizistische Lebenstheorie.
Eine Neubelebung des Vitalismus durch Entdeckungen und Problemstellungen aus der Mikroskopie
Der ungenügende Entwicklungsstand der Physiologie und der Entwicklungsgeschichte sowie überspitzte chemische und physikalische Analogien des Lebens, die besonders von den Vertretern des sogenannten Iatromechanismus (z.B. bei Giovanni Alfonso Borelli) und des Iatrochemismus (z.B. bei Franciscus Sylvius) vorgetragen wurden, bedingten jedoch, daß die vitalistische Tradition im philosophischen Denken nicht unterbrochen wurde. Einen neuen Auftrieb erhielt der Vitalismus durch die im Gefolge der Mikroskopie erlangten Entdeckungen, die erneut die Probleme der Zeugung und Befruchtung, der Vererbung, Keimesentwicklung und der Urzeugung in den Mittelpunkt rückten (z.B. bei Antony van Leeuwenhoeck).
Zur Einführung der "Lebensfaktoren" in den Vitalismus
Als folgenreich erwiesen sich die im 18. Jahrhundert von Georg Ernst Stahl und Johann Friedrich Blumenbach vorgetragenen vitalistischen Lebenslehren. Auf Stahl prinzipielle Kritik des Mechanizismus briefen sich in der Folgezeit John Turberville Needham, Pierre Louis Moreau de Maupertuis, Georges Louis Leclerc de Buffon, Xavier Bichat und Christian Wolff, die zur Erklärung der biotischen Leistungen jeweils andere "Lebensfaktoren" einführten. Für Wolff als bedeutendsten Vertreter des Vitalismus auf dem Gebiet der Entwicklungsgeschichte der war epigenetsiche Keimesentwicklung nur durch eine vis essentialis zu erklären.
Zur Kritik Kants an der Argumentation von Blumenbach
Mit Johann Friedrich Blumenbach verlagerte sich das vitalistische Kernproblem auf die Deutung des Formbildungsgeschehens, wofür er einen speziellen Bildungstrieb (ninus formativus) ersann. Eine Kritik des Vitalismus bei Blumenbach gab Immanuel Kant in seiner Schrift "Kritik der Urteilskraft" ab. Kant charakterisierte die Begriffe "Zielstrebigkeit" und "Zweckmäßigkeit" als regulative Prinzipien der reflektirenden Urteilskraft. Damit könne man diese Begriffe nicht objektivieren, ihre Bindung an eine Lebenskraft sei falsch. Kants Kritik war für die weitere Geschichte des Vitalismus sehr folgenreich. Bedingt durch Kants Kritik sowie durch Friedrich Wöhlers Harnstoffsynthese (1828), die den Nachweis der materiellen Einheit chemischer und biotischer Prozesse erbrachte, tritt der Vitalismus im 19. Jahrhundert in verstärktem Maße als Naturphilosophie auf.
Zur Entwicklung des Vitalismus zur Naturphilosophie bei Schelling im Panvitalismus
Der biotische Prozesse konkret deutende Vitalismus, der für das 18. Jahrhundert typisch war, gilt spätestens mit der umfassenden Kritik von Rudol Hermann Lotze als erledigt. Der Vitalismus als relativ unabhängig von konkreten biologischen Problemen entwickelte Naturphilosophie wird im 19. Jahrhundert vor allem durch Schelling im Panvitalismus vertreten. Lorenz Oken bestimmte den Galvanismus zum obersten Lebensprinzip; Hans F. Autenrieth, Johannes Müller (1801-1857), Gottfried Reinhold Treviranus, in bestimmter Hinsicht auch Arthur Schopenhauer, entwickelten derartige, von biologsichen Forschungsproblemen relativ abseitige vitalistsiche Gedankengänge.
Zur Zurückdrängung der naturphilosophsichen Grundlagen durch neue Wissenschaftsdisziplinen
Mit dem Aufschwung der Physiologie, der Zellforschung und mit der Begründung der biologischen Entwicklungstheorie Mitte des 19. Jahrhunderts wurde diese der Naturphilosophie der Aufklärung und Romantik verpflichteten Vitalismen zurückgedrängt. In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts war der alte Vitalismus durch die Entdeckung der Einzelheiten des Befruchtungs- und Kernteilungsprozesses, der Chromosomen und der zunächst hypothetischen Erfassung ihrer Bedeutung für die Ontogenese endgültig widerlegt. Die biologische Forschung hatte Wege gefunden, wie die sogenannten Grundrätsel des alten Vitalismus - Zeugung, Befruchtung, Keimesentwicklung, Vererbung - mit wissenschaftlichen Mitteln experimentell schrittweise erkannt werden können. Eine zweite große Blütezeit der mechanisch-materialistsichen Lebenserklärung setzte ein, vertreten vor allem durch profilierte Naturwissenschaftler wie Emil du Bois-Rexmond, Wilhelm Roux, August Weismann, Jacques Loeb und die sogenannten Vulgärmaterialisten.
Zum Postulat eines Entwicklungsfaktors bei Driesch
Die experimentelle Entwicklungsforschung (u.a. Embryologie, Entwicklungsphysiologie, Genetik) brachte jedoch bald eine Fülle neuartiger Probleme hervor, die nicht durch die vorherrschende mechanisch-materialistische Lebenstheorie erklärt werden konnten. Vor allem die Regulationsleistungen entwicklungsgestörter Keime sowie die Art und Weise der Wechselbeziehung der inneren und äußeren am Entwicklungsgeschehen beteiligten Faktoren blieben ungeklärt. Von Hans Driesch Ende des 19. Jahrhunderts mit künstlich halbierten Seeigelkeimen durchgeführte entwicklungsphysiologische Versuche ergaben wohlgebildete, wenn auch kleinere Pluteuslarven (Jugendstadium des Seeigels). Nach Driesch ist eine solche Regulationsleistung chemisch und physikalisch undenkbar; er postulierte einen nichtmateriellen ganzmachenden Entwicklungsfaktor. Drieschs Deutung konkreter experimenteller Ergebnisse mittels eines wissenschaftlich nicht nachweisbaren Faktors begreündete den Neuvitalismus.
Er wurde zunächst biotheoretisch skizziert (1899), um dann umfassend naturphilosophisch ausgebaut zu werden (1908). Die wissenschaftliche Lösung des Problems konnte erst in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts gegeben werden. Entwicklungsphysiologie, Genetik und Biochemie erbrachten den Nachweis, daß die phänomenale "ganzmachende Leistung" nicht einem unbekannten Faktor zuzuschreiben, sondern ein biochemisch erfaßbarer genetisch gesteuerter Determinationsprozess ist (siehe bei Hans Spemann, Charles Mennung Child, J. Runnström).
Zum gegenwärtigen Wirken in bestehenden Naturphilosophien
Erst die moderne Molekularbiologie, Genetik und Entwicklungsphysiologie konnten die Prämissen des Neuvitalismus restlos widerlegen. Der Vitalismus und Neuvitalismus spielen seither in der Lehre der Biologie keine Rolle mehr. Als Bestandteil verschiedener Naturphilosophien (wie im Neuthomismus, Holismus und kritischer Realismus) ist der Vitalismus auch gegenwärtig noch weltanschaulich wirksam.
Dieser Beitrag ist aus der XML-Version der deutschen WikiPedia® entwickelt worden und unterliegt inhaltlich den GNU FDL-Lizenzbestimmungen. Linkziele außerhalb der wikipedia-Inhalte unterliegen den Urheberrechten der jeweiligen Anbieter
( DirectDownloads ) Kalenderblätter druckfertig aufbereitet für Schmuckblätter zum Selbstdrucken im Word DOC6/RTF Format, je Euro 5 über Click&BuyJAN | FEB | MÄRZ APRIL | MAI | JUNI JULI | AUG | SEPT OKT | NOV | DEZ
Das Geschenk für jeden Anlass, nicht nur bei 'runden' Jubiläen Andere Einzeltage oder Zahlungsarten bitte HIER bestellen
Diese Web Site verdient ihr Geld durch Produktverkäufe (CD-ROM, downloads) und in erster Linie durch Anzeigen. Wenn Sie als Webmaster zuverlässige Partner suchen für Ihr eigenes Anzeigenschäft, dürfen Sie sich gerne auf unsere Empfehlungen stützen:
z.B.: GigaCash & ProfiWin