François Villon (eigentlich François de Montcorbier oder François Monterbier, auch François des Loges genannt; * 1431 in Paris; † nach 1463) gilt als bedeutendster Dichter des französischenSpätmittelalters.
In zahlreichen Balladen und Rondeaux verarbeitete er die Erlebnisse seines abenteuerlichen Lebens als Scholar, Vagant und Bandit. In seinen Werken über die stets aktuellen Themen Liebe, Hoffnung, Hass und Tod wechselt er von Ironie, Witz und Zynismus einerseits zu tiefer Reue und Verzweiflung über die eigenen Untaten andererseits.
Nachdem 1462 zum dritten Mal ein Todesurteil über ihn verhängt worden war, schrieb Villon folgende Verse über sich selbst:
Quatrain
Je suis Françoys, dont il me poise
Né de Paris emprès Pontoise,
Et de la corde d'une toise
Sçaura mon col que mon cul poise.
Sie lauten in der deutschen Nachdichtung von Paul Zech:
Ich bin Franzose, was mir gar nicht passt,
geboren zu Paris, das jetzt tief unten liegt;
ich hänge nämlich meterlang an einem Ulmenast
und spür am Hals, wie schwer mein Arsch hier wiegt.
Jugend und Studium
François de Montcorbier, so die wahrscheinlichste Form seine Geburtsnamens, kam gegen Ende des Hundertjähriger Krieges in Paris als Sohn mittelloser Eltern zur Welt. Da sein Vater früh verstarb, nahm sich der Stiftsherr und Rechtsgelehrte Guillaume de Villon des Jungen an, der später seinen Namen trug. 1443, im Alter von 12 Jahren, nahm Villon an der Artistenfakultät des Collège de Navarre an der Pariser Universität sein Studium auf. Sechs Jahre später legte er die Prüfung als Bakkalaureus ab. 1452 erlangte er den Grad eines Magister Artium, aber das weiterführende Studium der Theologie hat er nach eigener Aussage nicht beendet.
Abgleiten in die Kriminalität
Der fast einjährigen Streik der Pariser Professoren 1452-1453 warf François Villon aus der Bahn. Er glitt in das akademischeProletariat der Stadt ab und schloss sich den in ganz Nordfrankreich gefürchteten kriminellen Banden der Coquillards an, die in den Wirren des Krieges entstanden waren.
Im Juni 1455 erstach Villon im Streit einen ebenfalls kriminellen Priester und musste aus Paris fliehen. Doch schon im Jahr darauf konnte er dank einer Amnestie König Karls VII. zurückkehren. Vermutlich schrieb er in diesem Jahr sein erstes erhaltenes Werk, die Ballade des Contre-Vérités. Diese spöttische Parodie auf lyrische Lobpreisungen der Tugend richtete sich mit ihren Ratschlägen für ein Gaunerleben offensichtlich an ein Publikum gebildeter Krimineller.
Flucht und Wanderjahre
In der Nacht vor Weihnachten 1456 brach Villon mit vier Komplizen in das Collège de Navarre ein, stahl 500 Goldkronen aus der Kasse und musste erneut aus Paris fliehen. Im Herbst 1457 kam er nach Blois, wo er verhaftet wurde. Doch im letzten Moment vor der Hinrichtung begnadigte ihn der Dichterfreund Herzog Charles d'Orléans anlässlich der Geburt seiner Tochter. Villon bedankte sich mit einem Dank- und Lobgedicht, das ihm Zutritt zum herzoglichen Hof verschaffte.
Als er seine Ballade von den Vogelfreien selbst in ein Sammelmanuskript eintrug, konnte er es jedoch nicht unterlassen, noch ein Spottgedicht auf einen Rivalen hinzuzufügen. Daraufhin wurde er wieder vor die Tür gesetzt und nahm sein unstetes Wanderleben wieder auf.
Drei Jahre später wurde er erneut verhaftet, vermutlich weil er sich einer Gaunerbande angeschlossen hatte. Villon verbrachte den ganzen Sommer 1461 in Meung-sur-Loire im Kerker des Bischofs von Orléans, Thibaut d'Aussigny. Als am 2. Oktober1461 der neu gekrönte König Königs Ludwig XI. durch Meung reiste, kam Villon erneut in den Genuss einer Amnestie. Anschließend begann er mit der Niederschrift des Testaments (dt.: Das große Testament) seines Hauptwerks.
Rückkehr und erneute Verurteilung
Mit dem Wunsch, ein neues Leben zu beginnen, kehrte Villon 1462 nach Paris zurück. Vermutlich aus Enttäuschung schloss er sich wieder den Kriminellen an. Anfang November 1462 saß er wegen eines Diebstahls kurz im Gefängnis und musste sich vor seiner Freilassung verpflichten, seinen Anteil an der Beute vom Einbruch im Collège de Navarre zurück zu erstatten. Bald darauf wurde er nach einem Handgemenge mit einem Notar erneut inhaftiert. Das Gericht verurteilte ihn angesichts seines schlimmen Lebenswandels zum Tode.
Der oberste Gerichtshof, das Parlament von Paris, kassierte das viel zu harte Urteil am 5. Januar1463 und wandelte es um in zehn Jahre Verbannung aus der Stadt und der Grafschaft Paris. Nachdem Villon die Stadt verlassen hatte, wurde er nie wieder gesehen. Aus der Zeit nach 1463 sind keinerlei Zeugnisse über ihn erhalten. Als Vogelfreier hat er möglicherweise schon den ersten Winter nicht überlebt und starb vielleicht schon 1463.
Nachleben
Im Jahr 1489 wurden Villons Werke zum ersten Mal gedruckt. Seine Lyrik beeinflusst Dichter bis heute, insbesondere seit dem 19. Jahrhundert, etwa Paul Verlaine und Arthur Rimbaud. In Deutschland übte er insbesondere auf die Dichter des Expressionismus großen Einfluss aus, etwa auf Klabund, Bertolt Brecht, der ganze Balladen von Villon in seine Dreigroschenoper übernahm, und Paul Zech, der 1931 eine frei Nachdichtung seiner Balladen veröffentlichte. Einer der überzeugendsten Interpreten der Werke Villons im 20. Jahrhundert war der Schauspieler Klaus Kinski.
Le Lais (1456) - Das kleine Testament in der freien Nachdichtung von Paul Zech, eine witzige Kombination aus den Parodien einer höfischen Liebesklage, eines literarischen Testaments und eines Traumgedichts, eine boshaft Hinterlassenschaft an viele namentlich genannte Leute, vor allem Amtsträger aus Justiz, Polizei und Verwaltung, sowie andere Pariser Honoratioren, die er auf diese Weise, dem Gelächter der Kumpane preisgab.
Ballade des contradictions (1457) - die Ballade von den Vogelfreien in der freien Nachdichtung von Paul Zech.
Ballades en jargon (1458-1461) - elf schwer verständliche Gedichte in der Gaunersprache.
Quatrain (1462) - eine Vorwegnahme seines letzten Stündchens voller schwarzen Humors.
Louange à la cour (1463) - ein Lobgedicht auf den hohen Gerichtshof und eine spöttische Ballade an den Gefängnisschreiber, der ihn gerne hätte hängen sehen.
Deutschsprachige Ausgaben
Die lasterhaften Balladen und Lieder des Francois Villon Nachdichung von Paul Zech, München (dtv) 1962 (enthält neben den Balladen eine kurze Biographie Villons)
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