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Die Vietnamesische Sprache (Vietnamesisch) ist in ihrer Phonetik eine Tonsprache, das heißt, neben den Silben ist auch die Tonhöhe ein bedeutungstragendes Merkmal. Das Vietnamesische kennt 6 Tonhöhen. In seiner Grammatik ist es eine isolierende Sprache. Vietnamesisch ist in Vietnam Amtssprache.
Der Language Code ist vi bzw. vie (nach ISO 639). Vietnamesisch wird heute in lateinischer Schrift mit einigen Zusatzzeichen zur Kennzeichnung der Töne geschrieben. Früher wurde es in chinesischer Schrift geschrieben.
Vietnamesisch wird von etwa 75 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen. In Vietnam selbst sprechen ca. 80 Millionen Menschen die Sprache, zudem sprechen schätzungsweise 3-4 Millionen Auslandsvietnamesen vietnamesisch (unter anderem 1,8 Millionen in den USA, 100.000 in Deutschland und 5.000 in Polen). Zudem sprechen ca. 9 Millionen Menschen Vietnamesisch, die als Angehörige von Minderheiten in Vietnam leben. Auch mehrere Hunderttausend Ausländer beherrschen diese Sprache.
Die gegenwärtige vietnamesische Sprache wurde erstmals im September 1945 als die offizielle Verkehrs- und Nationalsprache des Landes eingeführt. Heute sprechen fast 81,7 Millionen [LE02] Menschen in Vietnam und fast 4 Millionen Auslandvietnamesen (überwiegend in USA und Australien) Vietnamesisch.
Nach der Statistik von SIL’s Ethnologue liegt Vietnamesisch hinter Französisch auf dem Platz 14 der 22 meistgesprochenen Sprachen der Welt.
Die Entwicklung der vietnamesischen Sprache und Schrift steht unter sehr großem Einfluss der wechselvollen Geschichte Vietnams, die durch zahlreiche kriegerische Auseinandersetzungen mit ausländischen Eindringlingen und deren Versuche der Einflussnahme gekennzeichnet ist.
Während einer mehr als 1000jährigen chinesischen Fremdherrschaft (111 v. Chr. bis 968) mussten Vietnamesen Chinesisch als Amts- und Bildungssprache akzeptieren. Dies führte zur Übernahme zahlreicher chinesischer Wörter vor allem aus dem gesellschaftspolitischen und kulturellen Bereich in die vietnamesische Sprache.
Nach dem 10. Jahrhundert wurde Ðại Việt - so hieß Vietnam zu dieser Zeit - gegründet, dennoch spielte Chinesisch bis ins 13. Jahrhundert eine zentrale Rolle für die vietnamesische Kultur. Alle literarischen Werke wurden in der so genannten »Chữ Hán« verfasst.
»Chữ Hán« bedeutet wörtlich "Schrift der Hán", damit war das Chinesische gemeint. »Chữ Hán« unterscheidet sich vom Chinesischen vor allem in der Aussprache.
Nichtsdestotrotz konnte »Chữ Hán« nicht die Identität der Vietnamesen ausdrücken. Viele vietnamesische Laute und Wörter ließen sich nicht mit »Chữ Hán« auffassen. Daher entwickelten die vietnamesischen Gelehrten anfangs des 13. Jahrhunderts in Anlehnung an chinesische Hieroglyphen und auf der Grundlage der vietnamesischen Sprache eine eigene vietnamesische Schrift, die als »Chữ Nôm« bezeichnet wurde.
Die Entstehung der »Chữ Nôm« lässt sich in zwei Phasen unterteilen:
In der Anfangsphase »đồng hóa chữ Hán« (Vereinheitlichung der »Chữ Hán«) wurde»Chữ Hán« dazu genutzt, um systematisch die häufig genutzten vietnamesischen Wörter bzw. Begriffe wie Eigennamen, Sachen, Tiere etc., die in den Dokumenten vorkommen, zu vereinheitlichen. Diese Lehnwörter wurden dann als »Hán-Việt« (sino-vietnamesische Wörter) bezeichnet.
In der nächsten Phase wurden neben der »đồng hóa chữ Hán« auch systematisch neue eigene Wörter in die »Chữ Nôm« eingeführt, die nach bestimmten Schreibregeln entstanden sind. Die neu entwickelten Schreibregeln und neue Wörter ermöglichten den Vietnamesen nun ihre Laute und Wörter genauer niederzuschreiben.
Zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert erreichte »Chữ Nôm« endlich ihren Höhepunkt. Sie hatte ihre Entwicklungsphasen endgültig hinter sich, war nun eine vollwertige Sprache (siehe Abbildung 1 auf der nächsten Seite). Viele Philosophen, Schriftsteller und Politiker veröffentlichten ihre Werke in dieser Schrift. Ein berühmter Schriftsteller unter ihnen war Nguyễn Du. Seine Werke unter anderem »Truyện Kiều« haben ihren Bekanntheitsgrad wie die »Faust« von Goethe. Seine Werke sind heute Pflichtlektüre in fast allen Schulen in Vietnam.
Dennoch konnte »Chữ Nôm« nicht die breite Nutzung in der Bevölkerung finden, da zu dieser Zeit die politische Lage instabil war. Eine Dynastie ersetzte die andere. Ein zweiter Grund war, dass »Chữ Nôm« schwieriger zu erlernen war als erwartet. Aus diesen Gründen wurden die beiden Schriftsysteme »Chữ Nôm« und »Chữ Hán« parallel bis zu Ende der 19. Jahrhundert genutzt.
Im 16. Jahrhundert begannen katholischeMissionare aus Portugal, Spanien und Frankreich in Vietnam zu wirken. Da »Chữ Nôm« und »Chữ Hán« für ihre Zwecke ungeeignet waren, begannen sie mit Hilfe von vietnamesischen Gläubigen und Geistlichen an einer neuen Schrift zur Verbreitung der christlichen Lehre zu arbeiten. Diese Schrift heißt »Chữ Quốc Ngữ« (Schrift der Nationalsprache). »Chữ Quốc Ngữ« ist eine Schrift, die auf lateinischem Alphabet basiert und mit Zusatzzeichen für die 6 Töne und einige besondere Laute ausgestaltet ist. 1651 lag das Ergebnis ihrer Arbeit in Form eines Wörterbuchs (Từ điển An Nam - Bồ Đào Nha / Dictionnarium annamiticum, lustanum et latinum) von dem französischen Jesuiten
Alexandre de Rhodes vor.
Chữ Quốc Ngữ
Entstehungsphasen
Die Entstehung der »Chữ Quốc Ngữ« lässt sich in drei Phasen unterteilen:
I. Giai Ðoạn Phôi Thai (Entstehungsphase): 16. - 17. Jahrhundert
Als die katholischen Missionare aus Europa mit ihrer Verbreitung der christlichen Lehre begannen, standen sie vor zwei großen Problemen. Einerseits müssten die Zusatzzeichen erfunden werden, damit die vietnamesische Laute richtig auf Basis des lateinischen Alphabets niedergeschrieben werden konnten. Andererseits sollte die Struktur der vietnamesischen Sprache erhalten bleiben, unter anderem die Einsilbigkeit der Sprache. (mehr dazu im nächsten Abschnitt)
Christofora Borri, Francisco de Pina, Francisco de Buzomi waren die großen Pioniere. Sie haben mit Hilfe von einigen vietnamesischen Gläubigen und Geistlichen systematisch alle vietnamesische Laute, die für ihre christliche Verbreitung notwendig waren, auf »Chữ Quốc Ngữ«. umgeschrieben (Transkription) und damit die ersten Grundsteine für die Struktur der vietnamesische Sprache gelegt. Dennoch gab es noch keine einheitliche Schreibweise für die Transkription. Einige Missionäre schrieben »Chữ Quốc Ngữ« nur nach ihren Gefühlen. Das folgende Beispiel zeigt ein Wort, das unterschiedlich geschrieben ist: [LV03]
Ein weiteres interessantes Beispiel für die damalige »Chữ Quốc Ngữ« ist:
»Con gno muon bau tlom laom Hoalaom chian" 1)
Heute wird der Satz wie folgt geschrieben:
Con nhỏ muốn vào trong lòng Hoa Lang chăng?
(Willst du in die katholische Kirche eintreten?)
Wenn wir uns nun die Beispiele laut vorsprechen, werden wir feststellen können, dass die Laute »unscharf« klingen und da Vietnamesisch eine Tonsprache ist, müssen die Schreibweisen vereinheitlicht werden.
Das Problem hatten Gaspar d’Amaral, Antoine de Barbosa und Alexandre de Rhodes auch damals erkannt. Sie benutzten konsequent die 6 eingeführten Zusatzzeichen (mehr dazu im nächsten Abschnitt), um die Laute genauer aufzufassen. Das Ergebnis ihrer Arbeit ist in Form von drei Wörterbüchern bekannt:
1. An Nam - Bồ Đào Nha (Dictionarium Annamaticum - Lusitanum) von Gaspar d’Amaral (1592-1645)
2. Bồ Đào Nha - An Nam (Dictionarium Lusitanum - Annamiticum) von Antoine de Barbosa (1594-1647)
3. An Nam - Bồ Ðào Nha - LaTinh (Dictionarium Annamiticum Lusitinum et Latinum) von Alexandre de Rhodes1)
Aus irgendeinem Grund sind die Originale der ersten beiden Wörterbücher verloren gegangen. Die Sprachhistoriker vermuten, dass sie bei der Transport von Macao nach Manila verloren gingen. Nur das Wörterbuch von Alexandre de Rhodes wurde am 05.02.1651 in Rom, Italien vom Priester Francisco Piccolomineus zum Druck freigegeben. Sein Wörterbuch markierte quasi die Geburtstunde der »Chữ Quốc Ngữ«.
Der Inhalt des »Dictionarium Annamiticum Lusitinum et Latinum« umfasst drei Kapiteln.
a. Teil I. Linguae Annamaticae seu Tunchinensis brevis declaratio (dieser Grammatikteil besteht aus 8 Kapiteln und hat 31 Seiten:
Kapitel I .- De literis et syllabis quibus hase lingue constat (Schrift und Silben in der Vietnamesischen Sprache)
Kapitel II.- De Accentibus et aliis signis in vocalibus (Tonhöhe)
Kapitel III.- De Nominibus (Nomen)
Kapitel IV.- De Pronominibus (Pronomen)
Kapitel V.- De Aliis Pronominibus (andere Pronomen)
Kapitel VI.- De Verbis (Verben)
Kapitel VII.- De Reliquis oratiomis indeclinabilibus
Kapitel VII.- Pracepta quacdam ad syntaxim pertinentia (Syntax)
b. Teil II. Dictionarium Annamiticum seu Tunchinense cum lusiatna, et latina declaratione.
Dieser Teil ist das eigentliche Wörterbuch. Er hat keine Seitennummerierung und umfasst ca. 900 Spalten (umgerechnet ca. 225 Seiten). Zu jeder »Chữ Quốc Ngữ«. stehen eine portugiesische und eine lateinische Übersetzung.
c. Teil III. Index Latini sermonis.
Dieser Teil listet alle »Chữ Quốc Ngữ« mit Spaltennummer auf.
Hier sind einige Beispiele, die uns Aufschluss drüber geben, wie ähnlich »Chữ Quốc Ngữ«. zu dieser Zeit der gegenwärtigen vietnamesischen Schrift geworden ist.
Damals
Heute
Deutsch
cà
cà
Tomate
cã
cả
alle
cá
cá
Fisch
tlẽ
trẻ
jung
tle
tre
Bambus
II. Giai Ðoạn Cải Tiến (Modernisierungsphase): 17. - 18. Jahrhundert
Die Modernisierung der »Chữ Quốc Ngữ« bedeutet, dass die Schreibweise völlig neu bearbeitet wurde. Die intensive Nutzung von Zusatzzeichen und die Ersetzung einige Konsonanten durch neue Konsonanten hatten dazu beigetragen, dass »Chữ Quốc Ngữ« viel kompakter und eleganter wurde. Ferner wurden die zahlreiche Nutzungsregeln für die Zusatzzeichen verbessert und die Nutzung der Konsonanten vereinheitlicht. (mehr dazu im nächsten Abschnitt)
Pierre Joseph Georges Pigneau de Béhaine und seine vietnamesische Gläubigern haben die Modernisierung eingeleitet. Sein Ergebnis war ein Wörterbuch »Việt - La Tinh« (Dictionarium Annamatica - Latinum). Leider starb er (1799), bevor er sein Wörterbuch veröffentlichen konnte.
Erst nach fast 35 Jahre später setzte der Missionar J.L. Tabert in Saigon die Arbeit von Pigneau de Béhaine fort und begann an sein Wörterbuch zu arbeiten. Die Besonderheit an seinem Wörterbuch ist, dass er zusammen mit seinen Gläubigern fast alle gängigen Gedichten und Sprichwörtern von »Chữ Nôm« nach »Chữ Quốc Ngữ« übersetzt hatte. Im Jahre 1838 wurde sein Wörterbuch »Nam Việt Dương Hiệp Từ Vựng« (Dictionarium Annamatico - Latium) von Serampore, Extypis J. C. Marshman gedruckt.
Hier sind einige Beispiele, die die Modernisierung verdeutlichen:
Vor der Modernisierung
Nach der Moderniserung
Deutsch
blõ
trở
werden
mlòy
lời
Stimme
tlêi
trẩy
gehen
oũ
ông
du/Sie(männlich)
Die Konsonanten bl, ml, tl, ũ wurden duch tr, l, tr, ng ersetzt. Diese Änderungen spiegeln den Wandel der Aussprache wieder - die Anlaute tl-, bl- etc. wurden ersetzt, wie man an der Zusammensetzung von manchen chữ nôm sieht: trái (ältere Schreibweise: blai) wurde ⁑ geschrieben, d.h. oben 巴 (ba), darunter 賴 (lại).
III. Giai Ðoạn Phát Triển (Verbreitungsphase): von 18. Jahrhundert bis heute
Bis in die Mitte der 18. Jahrhundert war »Chữ Quốc Ngữ« nur »Mittel zum Zweck« der katholischen Kirche, d.h. sie wurde nur genutzt, um die christliche Lehre zu verbreiten. Daher war »Chữ Quốc Ngữ« katholischen Gläubigen vorbehalten.
Danach wurde »Chữ Quốc Ngữ« von den Franzosen eingesetzt, um ihr Protektorat in Vietnam zu sichern. »Chữ Hán« und »Chữ Nôm« wurden in dieser Zeit systematisch durch »Chữ Quốc Ngữ« und Französisch ersetzt: Französisch für höhere Schulen und Verwaltung, »Chữ Quốc Ngữ« für die restliche Bevölkerung.
Im September 1945 wurde die Demokratische Republik Vietnam gegründet und »Chữ Quốc Ngữ« zur offiziellen Staats- und Verkehrsprache erklärt.
Die relative leicht erlernbare »Chữ Quốc Ngữ« kam dem zunehmenden Bedürfnis vieler Vietnamesen, Lesen und Schreiben auch noch als Erwachsene zu lernen, entgegen. Zahlreiche Bücher, Gedichte, Redewendungen, Zeitschriften von vietnamesischen Intellektuellen und Übersetzungen aus europäischen Sprachen, die seit den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in großer Zahl veröffentlicht wurden, trugen zur Verbreitung der Schriftsprache bei.
Die Charakter der Vietnamesischen Sprache
Die genetische Einordnung der vietnamesischen Schrift ist umstritten. Es existieren vier unterschiedliche Theorien. A. G. HAUDRJCOURT rechnet das Vietnamesische der Mon-Khmer-Gruppe im Rahmen der austroasiatischen Sprachfamilie zu; nach H. MASPÉRO gehört das Vietnamesische zu den Taisprachen im Rahmen der sinotibetischen Sprachfamilie; P. K. BENEDICT erkennt im Vietnamesischen sowohl Ähnlichkeiten zu den Mon-Khmer- als auch zu den Taisprachen. Neu dabei ist, dass er beide Sprachgruppen der austroasiatischen Familie zuordnet. GEORG F. und BARBARA MEIER stellen Vietnamesisch und Mường1) als eigene Sprachfamilie dar, da sie keine durchgehenden Ähnlichkeiten mit anderen Sprachen aufweisen. [LD03]
Vietnamesisch gehört zu den monosyllabischen Sprachen. Fast jede Silbe hat eine eigene Bedeutung (Morphem). Die Lautelemente der Silbe sind nach ganz bestimmten Regeln angeordnet und liegen im Verhältnis zum silbentragenden Vokal in einer festgelegten Reihenfolge. Die Zahl der Lautelemente, welche in der Silbe vorkommen, darf vier nicht überschreiten. Zu den Lautelementen der Silbe gehören der silbentragende Vokal, der nichtssilbentragende Vokal (Halbvokal), der am Silbenanfang stehende Konsonant (Anfangskonsonant) und der sich am Silbenende befindende Endkonsonant. Nach der Anordnung der Lautelemente in den Silben ergeben sich verschiedene Silbentypen (mehr dazu im Abschnitt »Kompositionsalgorithmus«).
Ist eine Silbe Trägerin eines vollen Begriffsinhalts, so ist sie meist auch ein Wort. Solche Silben werden sehr häufig zur Bildung mehrsilbiger Wörter herangezogen, somit stellen sie quasi den Grundwortschatz der Sprache dar. Zu den einsilbigen Wörtern zählen aber auch die sogenannten bedeutungstragenden phonetischen Komponenten, die nur im Zusammenhang mit der Bildung mehrsilbiger Wörter genutzt sind. Sie können deshalb nicht als Wörter angesehen werden, sondern als Morpheme. Beispielweise haben Komponenten wie »khán« in »khán giả« (Zuschauer) und »hữu« in »hữu nghị« (Freundschaft) nicht die Fähigkeit, selbstständig als Wörter aufzutreten, sondern besitzen vielmehr nur wortbildende Funktion.
Die meistens vietnamesischen Wörter sind einsilbig. Dennoch steigt die Tendenz der Entwicklung von einsilbigen zu den mehrsilbigen Wörtern, da neue Fremdbegriffe, vor allem Fachbegriffe aus dem Englischen, sich nicht mehr trivial übersetzen lassen. Typische Beispiele dafür sind die Begriffe aus dem Internetbereich: »trang chủ« (home), »đăng nhập« (login) usw.
Das Vietnamesische ist eine isolierende Sprache, d.h., es gibt keine Flexion, die Wörter bleiben unverändert. Im Satz werden die Beziehungen des Wortes zu anderen Wörtern nicht durch die Struktur des Wortes ausgedrückt. Nur durch ihre Stellung im Satz wird deutlich, welcher Art die Beziehungen zwischen den Wörtern sind und welche Funktionen diese im Satz ausüben. (mehr dazu im Abschnitt »vietnamesische Grammatik«)
Vietnamesisches Alphabet
Abbildung 2: Vietnamesisches Alphabet
Dem Vietnamesischen Alphabet liegen 22 Buchstaben des lateinischen Alphabets zugrunde: a, b, c, d, e, g, h, i, k, l, m, n, o, p, q, r, s, t, u, v, x, y. Diese 22 Buchstaben reichen jedoch nicht für die Wiedergabe der vietnamesischen Laute aus, deshalb wurden ergänzende Zeichen eingeführt. So gehören zum vietnamesischen Alphabet die zwei modifizierten Buchstaben ơ und ư. Um die Kürze einiger Vokalen wiederzugeben, wurden die zwei diakritischen Zeichen ^ und ˘ eingeführt: â, ă, ê, ô.
Ferner gehört der Buchstabe đ, der einen stimmhaften Verschlusslaut bezeichnet, zum vietnamesischen Alphabet. Es fehlen im Vietnamesischen also die im deutschen Alphabet vorhandenen Buchstaben f, j, w und z. Solche Buchstaben kommen nur in Verbindung mit Fremdwörtern vor.
Da die Buchstaben nicht alle in der vietnamesischen Sprache vorkommenden konsonantischen Lauten bezeichnen können, wurden zusätzliche Konsonanten so genannten Buchstabenverbindungen - ch, gi, gh, kh, ng, ngh, nh, ph, th und tr eingeführt.
Die Tonhöhen
Abbildung 3: Vietnamesische Tonhöhen
Da die vietnamesische Silbe eine verhältnismäßig einfache Struktur aufweist, unterscheidet sich eine große Zahl von Silben nur durch die Tonhöhen. Bei Außerachtlassen der bedeutungsunterscheidenden Tonhöhen werden die Wörter zerstört und haben keinen Sinn mehr. In der Abbildung 3 können wir ganz gut erkennen, was passiere, wenn es keine Tonhöhen gäbe. Es bestünde nämlich dann die Gefahr der Homonymität, d.h. es gäbe eine ganze Reihe gleichklingender Silben bzw. einsilbigen Wörter, die aber in ihrer Bedeutung differenzieren.
Der Sprecher muss daher unbedingt beachten, dass er den entsprechenden Ton richtig trifft, sonst können unliebsame Missverständnisse entstehen.
Der melodische Verlauf der Stimmtonhöhe ist charakteristisch für die vietnamesische Laute.
Die vietnamesische Sprache kennt sechs Modulationen des Tonhöhenverlaufs, d.h. sechs bedeutungsunterscheidende Tonhöhen differenzieren die Lauten gleichen Wörtern in der Anzahl, in der Reihenfolge und in der Qualität.
Diese sechs Tonhöhenzeichen sind:
Vietnamesische Bezeichnung
Deutsche Bezeichnung
Zeichen
Charakter
1. Thanh không
Normalton
(kein) a
Mitte eben
2. Thanh sắc
steigender Ton
' á
hoch steigend
3. Thanh huyền
fallender Ton
` à
tief eben
4. Thanh hỏi
fallend steigender Ton
ả
fallend steigend
5. Thanh ngã
unterbrochen steigender Ton
~ ã
hoch gebrochen
6. Thanh nạng
tiefer/steil fallender Ton
ạ
tief gebrochen
Nur die Vokale a, ă, â, e, ê, i, o, ô, ơ, u, ư und y können als Silbenträger fungieren, da die Tonhöhen bei ihnen sich am deutlichsten vernehmbar hervorheben. Daher werden auch nur die Vokale mit dem jeweiligen Tonhöhenzeichen versehen. Alle Möglichkeiten der Wiedergabe eines mit einem Tonhöhenzeichen versehenen Vokals sind in Abbildung 3 auf der vorherigen Seite angeführt.
Trotzdem kommt nicht jede vietnamesische Silbe in allen sechs Tonhöhen vor. So hat beispielsweise »khuya« (Mitternacht) nur in Verbindung mit dem Normalton einen Sinn. Mit anderen Tonhöhen gesprochen hat diese Silbe keinerlei Bedeutung.
Aussprache
Es gibt drei wesentliche Dialektvarianten: Nord-, Zentral- und Süddialekt. Sie unterscheiden sich nur in der Aussprache und Wortwahl, nicht aber im Hinblick auf Rechtschreibung und Syntax.
Die Wörter setzen sich fast ausschließlich aus drei Bestandteilen zusammen: den Vokalen, den Konsonanten und den Tonhöhen. Ausnahmen gibt es nur wenige. Beherrschen wir die Sprechtechniken, so sind wir in der Lage unbekannte Texte phonetisch richtig zu lesen und können sich ganz auf das Erlernen des Wortschatzes konzentrieren.
Anfangskonsonanten
Anfangslaute, die dem Deutschen ähneln: b c đ k g h l m n t th q, wobei c und k gleich ausgesprochen werden.
Anfangslaute, die vom Deutschen abweichen: ph v d gi s r x ch tr kh ng ngh nh, wobei ph dem deutschen f und v dem deutschen w entsprechen.
Endkonsonanten
Endlaute, die dem Deutschen ähneln: m n p t, wobei sie weicher als die im Deutschen gesprochen werden.
Endlaute, die vom Deutschen abweichen: nh ng ch c
Auslauthalbvokale
Außer den oben genannten Endkonsonanten können auch sogenannten Halbvokale i/y und u/o die Silbe abschließen. Diese stehen jeweils hinter einem anderen Vokal.
iưi ơi ai ôi oi yay ây uau âu iu êu ưu oao eo
Übergangshalbvokale
Falls Sie in einer Silbe auftreten, stehen sie meist zwischen Anfangskonsonant und Vokal.
uyuya uyê (uy wie ui in franz. lui)
uuê uâ oâ
ooe uơ oa (oa wie in oi in franz. toi)
Endsilben
Die Endsilbe setzt sich aus dem Vokal bzw. Diphthonge und Endkonsonanten zusammen oder sie ist Auslauthalbvokal.
Die folgende Tabelle [LB02] listet alle möglichen Endsilben auf. Sie wird für das später vorgestellte »Kompositionsalgorithmus« genutzt.
Töne:
Thanh không (Normalton)
Normale Sprechtonlage
Beispiele:
cozusammenschrumpfen
laschreien
maGespenst
Thanh sắc (Steigender Ton)
Er beginnt etwa höher als die normale Sprechtonlage und steigt mit wachsender Stärke stark nach oben an, wo er dann abrupt endet.
Beispiele:
cóhaben
láBlatt
máMutter
Thanh huyền (Fallender Ton)
Er beginnt etwa höher als die normale Sprechtonlage und steigt mit wachsender Stärke stark nach unten ab, wo er dann abrupt endet.
Beispiele:
còStorch
làsein
màaber
Thanh nặng (tiefer Ton)
Er beginnt tiefer als die normale Sprechtonlage und fällt dann steil nach unten ab.
Beispiele:
cọreiben
lạfremd
mạReisschößling
Thanh hỏi (Fallend steigender Ton)
Er beginnt etwa in der Höhe des tiefen ebenen Tones, geht nach unten und steigt anschließend stark nach oben an.
Beispiel:
cỏGras
lảerschöpft
mảGrab
Thanh ngã (Unterbrochen steigender Ton)
Er beginnt etwa in der Höhe des Normaltons, fällt dan etwas nach unten ab. Nach einer kurzen Unterbrechung steigt er dann wieder nach oben an.
Abkürzungen, die in (I) und im Algorithmus verwendet werden:
A: Anfangskonsonant
ÜV: Übergangshalbvokal
HV: Halbvokal
V: Vokal
E: Endkonsonant
T: Tonhöhenzeichen
||: oder
+: und
S: Silbe bzw. Wort
Der Aufbau jeder vietnamesischen Silbe ist: (I)
S= V ||(1)
= V + T ||(2)
= HV||(3)
= HV+T||(4)
= A + V||(5)
= A + V +T||(6)
= A + HV||(7)
= A + HV + T||(8)
= A + ÜV+V||(9)
= A + ÜV+V+T||(10)
= [(1) || (2) ||(5) || (6) ||
(9) || (10) ] + E (11)
Der Algorithmus sieht wie folgt aus:
Input: eine beliebige vietnamesische Silbe (S)
1. Schritt:
Prüfen, ob S Tonhöhenzeichen hat.
Falls ja, einfach das Tonhöhenzeichen ignorieren.
Die Struktur der Silbe mit Hilfe von (I) analysieren.
Falls S == (1) || (2) || (3) || (4), identifiziere die Umschrift der S in Tabelle 3,4 und der Auslauthalbvokale und versuche ihn laut zu lesen. Fertig.
Sonst geht weiter mit Schritt 2.
2. Schritt:
HV in S finden.
Falls keinen HV gefunden, suchen V in S.
Identifiziere die Umschrift der HV bzw. V in Tabelle 3 bzw. 4
Versuche ihn laut zu lesen.
Falls es mit dem Artikulieren nicht klappt, üben. Sonst weiter.
Falls es sich um HV handelt, geht zum Schritt 5,
sonst weiter mit Schritt 3.
3. Schritt:
E in S finden.
Identifiziere die Umschrift der E in Tabelle 5,6,7
Versuche ihn laut zu lesen.
Falls es mit dem Artikulieren nicht klappt, üben.
Sonst weiter mit Schritt 4.
4. Schritt:
Bilde die Endsilbe, indem man den identifizierten Vokal V mit identifiziertem Endkonsonant E verknüpft.
Identifiziere die Umschrift der Endsilbe in der Tabelle 8-13
Falls es mit dem Artikulieren nicht klappt, üben.
Sonst weiter mit Schritt 5
5. Schritt:
Die Endsilbe zusammen mit A ohne Tonhöhenzeichen laut lesen.
Falls es mit dem Artikulieren nicht klappt, üben.
Falls S kein Tonzeichen hat, fertig.
Sonst weiter mit Schritt 6
6. Schritt:
Sich vergewissern, dass die Bedeutung des Tonhöhenzeichens verstanden wird. Falls nicht, den letzten Abschnitt »Töne« nochmals anschauen, sonst die Silbe unter Berücksichtigung des Tonhöhenzeichens laut lesen. Fertig!
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