Es wird von ca. 47 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen, von denen ca. 31 Millionen in der Ukraine leben, wo es Amtssprache ist. Der Rest verteilt sich auf 25 andere Staaten.
Ukrainisch wird mit dem Kyrillischen Alphabet geschrieben, wobei die ukrainische Version in einigen Buchstaben von der russischen abweicht.
Ukrainisch gehört zusammen mit der russischen und weißrussischen Sprache zur ostslawischen Sprachgruppe. Die drei Sprachen wurden auf dem Gebiet der Kiewer Rus (9. Jh. n. Chr.) gesprochen. Die Bezeichnung für das gesamte ostslawische Territorium führte regelmäßig zu Verwechslungen, weil "Rus" mit Russland gleichgesetzt wurde. So kam es beispielsweise zu den Sprachbezeichnungen "Großrussisch" für Russisch, "Kleinrussisch" für Ukrainisch, womit Ukrainisch oftmals als Dialekt oder Unterart des Russischen eingeordnet wurde.
Im 18. Jahrhundert entwickelte sich neben dem bis dahin gebräuchlichen Kirchenslawischen eine aus der Volkssprache kommende ukrainische Schriftsprache und Literatur. Im 19. Jahrhundert erlebte die ukrainische Kultur und damit auch ihre Literatursprache eine Blütezeit; die Entwicklung konzentrierte sich weniger auf politische als auf wissenschaftliche Themen [Quelle: Mychajlo Hruschewskyj, Illustrierte Geschichte der Ukraine, 1913, Internet-Reprint].
Dennoch wurde 1876 aus Angst vor separatistischen Bestrebungen von der zaristischen Zensurbehörde ein weitreichendes Verbot ukrainischsprachiger Publikationen ausgesprochen. Bis 1906 unterlagen ukrainische wissenschaftliche Publikationen, Lesungen, Ausstellungen und Konzerte diesem Diktat. Der bedeutendste ukrainische Dichter Taras Schewtschenko (1814-1861) wurde für seine Texte und Gedichte in die kaukasische Verbannung geschickt.
Mit der Gründung einer ukrainischen Volksrepublik1918 wurde Ukrainisch erstmalig zur Staatssprache, später auch in der Ukrainischen Sowjetrepublik. Während der Sowjetzeit war Ukrainisch also nicht verboten, jedoch dominierte die russische Sprache als Verkehrssprache alle wissenschaftlichen und literarischen Arbeiten sowie die Medien. Deshalb unterliegt die Umgangssprache bis heute starken russischen Einflüssen. Dies ist besonders dann bemerkbar, wenn ein Vergleich mit dem Wortschatz der starken ukrainischen Diaspora in Kanada vorgenommen wird: hier tauchen wesentlich weniger Begriffe russischen Ursprungs auf, während "kanadisch-ukrainische" Wörter im einheimisch-ukrainischen Sprachgebrauch selten benutzt werden oder in der Umgangssprache veraltet und exotisch wirken.
Mit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 wurde Ukrainisch zur Amtssprache des neuen Staates. Es gab hierüber heftige Debatten, da auf dem Staatsgebiet der Ukraine einerseits 22% der Bevölkerung Russen leben, andererseits auch viele Ukrainer, besonders im Osten des Landes, ausschließlich russisch sprechen.
Aufgrund dieser historischen Entwicklung ist das Thema Sprache für viele gebildete Ukrainer - zumindest im Westen des Landes - bis heute ein hochpolitisches Thema, das vehement diskutiert werden kann.
Alphabet
Das heutige ukrainische Alphabet mit der wissenschaftlichen Transliteration und der deutschen Transkription:
2: nur nach Konsonanten; ein Großbuchstabe existiert nicht; palatisiert den vorangehenden Konsonanten; "j" vor "o", sonst (im Auslaut und vor Konsonanten) "'"; in der Transkription "j" vor "o", sonst nicht wiedergegeben
3: nur zwischen labialem Konsonanten und "j"+Vokal; in der Transkription gewöhnlich nicht wiedergegeben
Wortschatz und Aussprache
Aufgrund der relativ späten Differenzierung der einzelnen slawischen Sprachen aus dem gemeinsamen Ursprung Urslawisch ist der gemeinsame Wortschatz vergleichsweise groß, er beträgt etwa zwei Drittel. Ukrainisch unterscheidet sich in Wortschatz, Lautbildung und Satzbau vom Russischen etwas stärker als Weißrussisch und hat darüber hinaus viele Lehnwörter aus dem Polnischen.
Im direkten Vergleich mit der russischen Sprache nennt J. B. Rudnyckyj (Lehrbuch der ukrainischen Sprache, Wiesbaden 1964) u.a. folgende Lautverschiebungen (jeweils das erste Wort russisch und das zweite ukrainisch):
Itavismus: die Vokale e und o werden in geschlossenen Silben zu i
Bsp.: Львов (Lwow) - Львів (Lwiw), кошка (koschka - Katze) - кішка (kíschka)
Ikavismus: der "jat"-Laut je wird zu i
Bsp.: месяц (mjesjaz - Monat, Mond) - місяць (misjaz), медь (Mjed' - Kupfer) - мідь (Mid')
harte Konsonanten vor dem e
Bsp.: весна (vjesná - Frühling) - весна (vesna), перед (pjered - vor) - перед (pered)
Bsp.: голова (galavá) - Kopf - голова (holová), горло (górlo - Kehle, Hals) - горло (hórlo)
die Vokalisierung des l-Lautes, geschrieben в
Bsp.: пил (pil - er trank) - пив (pýu), брал (bral - er nahm) - брf#x0430;в (bráu)
Es existieren noch zahlreiche andere Unterschiede zwischen diesen beiden ostlawischen Sprachen, die z. T. auch interessante kulturhistorische Besonderheiten verdeutlichen. Ein Beispiel:
heiraten
russisch: жениться (für den Mann; Wortstamm жена - Frau), выходить замуж (für die Frau; wörtlich: hinter den Mann treten)
ukrainisch: одружуватися (für beide Geschlechter; Wortstamm дружба - Freundschaft)
Grammatik
Besonderheiten der Morphologie
Die ukrainische Sprache unterscheidet sieben Fälle (відмінки):
Nominativ (називний відмінок)
Genitiv (родовий відмінок)
Dativ (давалний відмінок)
Akkusativ (знахідний відмінок)
Instrumentalis (орудний відмінок)
Lokativ (місцевий відмінок)
Vokativ (клична форма)
Dabei ist der Vokativ eine reine Ansprech- oder Rufform und tritt nicht als Satzergänzung auf.
Bei der Flexion der Substantive unterscheidet man neben dem Terminus "Deklination" die so genannte "Deklinationsklassen" (відміна), wobei diese zusätzlich zum grammatikalischen Genus die Flexion bestimmen. Darüber hinaus werden innerhalb einiger Deklinationsklassen Gruppen unterschieden, die sich durch die Art ihrer Endungen (hart, weich, gemischt) charakterisieren.
Eine Eigenheit ukrainischer Adjektive ist die Bildung von Formen, die eine emotionale Einstellung zu Personen und Gegenständen kennzeichnen; diese kann verkleinernd, liebkosend, vergrößernd oder vergröbernd sein. So wird z.B. das Adjektiv "schön" (гарний) durch die Form гарненький "verzärtlicht".
Die Adjektive werden ebenfalls in zwei Gruppen (hart und weich) dekliniert.
Während man im Ukrainischen nur drei Zeitkategorien (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) des Verbs unterscheidet, spielt die Kategorie der "Aktionsart" (Aspekt) eine große Rolle (wie auch in anderen slawischen Sprachen). Jedes Verb existiert in zwei Aspekten, dem unvollendeten und dem vollendeten Aspekt. In seiner lexikologischen Bedeutung sind diese Aspektpaare identisch. Die jeweils imperfekte Verbform drückt eine unvollendete, in der Zeit nicht begrenzte Handlung in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft aus. Die perfekte Verbform dagegen kommt nur in Vergangenheits- und Gegenwartsform vor, wobei die Gegenwartsform die grammatikalische Zukunft ausdrückt. Diese Besonderheit des Verbs kann viele verschiedene Funktionen und Merkmale annehmen, die dem Nicht-Muttersprachler schwer zu vermitteln sind; der Bedeutungsunterschied kann manchmal nur aus dem Kontext verstanden oder gar erspürt werden.
Bereits seit dem 11. Jahrhundert entstanden auf dem Gebiet der Kiewer RusChroniken und Heldenepen wie das Ihorlied, das mit dem Nibelungenlied verglichen werden kann. Im Wesentlichen bilden sich jedoch erst nach dem Niedergang des Kiewer Reiches getrennte Literaturen für die drei Sprachen heraus. Im 17. Jahrhundert ist der Philosoph und Dichter Hryhorij Skoworoda der wichtigste Vertreter der Barockliteratur.
19. Jahrhundert / Ukrainische Romantik
Mit der Entwicklung einer rein ukrainischen Schriftsprache (im Gegensatz zum bis dahin geschriebenen Altkirchenslawischen) entstand eine eigenständige ukrainische Literatur erst vergleichsweise spät. Wegbereiter war Iwan Kotljarewskyj mit seinem Werk "Aeneis" (Enejida) 1798, eine volkstümliche Travestie auf das klassische Werk von Vergil.
Der Dichter Taras Schewtschenko, der in der Ukraine mehrheitlich als bedeutendste historische und literarische Gestalt verehrt wird, trug maßgeblich zur weiteren Ausbildung der Schriftsprache bei. Gedichte wie "Vermächtnis" (Sapowit) aus seiner Gedichtsammlung "Kobsar", sind bis heute im Bewusstsein aller Generationen und Gesellschaftsschichten tief verankert. Neben Schewtschenko, dem "Kristallisationspunkt" (Literatur-Brockhaus) der ukrainischen Nationalromantik, stehen im 19. Jahrhundert Dichter wie A. L. Metlynskyj, M. I. Kostomarow, M. S. Schaschkewytsch.
Während des strengen Verbots ukrainischer Literatur auf dem Boden des russischen Zarenreichs, unter dem Schewtschenko zu leiden hatte, konzentrierte sich ab 1876 das kulturelle Leben und die Literatur auf das Staatgebiet Österreich-Ungarns, zu dem damals die westliche Ukraine (Lemberg, Galizien, Karpaten) gehörte. Zu den bedeutendsten Dichtern und Schriftstellern dieser Periode gehören Lesja Ukrainka und Iwan Franko.
20. Jahrhundert
Lyrik
Die ukrainische Literatur des vergangenen Jahrhunderts ist geprägt von der Sowjetzeit, ihren Chancen und Einschränkungen. Man kann vier Strömungen unterscheiden, die jeweils in ihrer Zeit betrachtet werden müssen: die Dichter der 20er und 30er Jahre, wie Wolodymyr Swidzynskyj, Pawlo Tstschyna und Jewhen Pluzhnyk; die "Tauwetter"-Periode unter Chruschtschow brachte in den 60er Jahren Lina Kostenko, Mykola Wnhradowskyj, Wasyl Stus hervor. Als "chancenlos" galt die Dichtergeneration der stagnierenden 70er unter Breschnjew, darunter die so genannte Kiewer Schule sowie Ihor Kalynez und Hryhorij Tschubaj aus Lwiw. In den 80ern sind Dichter wie Wassyl Herassymjuk, Ihor Rymaruk, Oksana Sabuschko und Iwan Malkowytsch bekannt geworden.
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