Tradition heißt "Überlieferung" und meint in der Regel die Überlieferung des Wissens, der Fähigkeiten sowie der Sitten und Gebräuche in einer Kultur oder einer Gruppe. Der Gebrauch des Wortes ist nicht einheitlich. Unter Tradition versteht man unter anderem:
Tradition stammt von lateinischtraditio ("Übergabe, Auslieferung, Überlieferung"). Das Substantiv leitet sich wiederum her vom Verbtradere (aus "trans-" 'hinüber-' und -dare 'geben'). Die Wortbedeutung entspricht weitgehend dem altgriechischen Wort paradosis.
Allgemein
Insgesamt lassen sich zwei Hauptbedeutungen unterscheiden: 1. Tradition als kulturelles Erbe und 2. Tradition als Tradierung. Forschungen zum Begriff und zum Verhältnis der beiden Hauptbedeutungen fallen in den Bereich der Traditionstheorie.
Tradition als kulturelles Erbe
Unter Tradition wird in der Regel die Überlieferung der Gesamtheit des Wissens, der Fähigkeiten sowie der Sitten und Gebräuche einer Kultur oder einer Gruppe verstanden. Tradition ist in dieser Hinsicht das kulturelle Erbe, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Wissenschaftliches Wissen und handwerkliche Kunst gehören ebenso dazu, wie Rituale, moralische Regeln und Speiseregeln.
Neben diesen hochkulturellen Inhalten werden zuweilen auch nur temporär gültige Üblichkeiten als Tradition bezeichnet. In diesem Sinne wird der Ausdruck traditionell gebraucht; es ist das Übliche und Gewohnte. Der eher bildungssprachliche Ausdruck traditional wird dagegen auf die hochkulturellen Inhalte bezogen.
Tradition als Tradierung
Seltener bezeichnet Tradition die Tradierung, also den Prozess der Überlieferung selbst, auch wenn in systematischer Hinsicht der Traditionsprozess die Grundlage für die Tradition als kulturelles Erbe bildet.
Vor allem die Soziologie hat sich dem Phänomen Tradition zugewandt: Max Weber zählt die Orientierung an Tradition zu einem der vier Grundtypen sozialen Handelns. Edward Shils und Shmuel N. Eisenstadt haben der Entwicklung der Traditionstheorie für die Soziologie große Bedeutung beigemessen und ihre Überlegungen dazu monographisch dargelegt. Auch der Philosoph Karl Popper sah die Entwicklung einer Traditionstheorie vor allem als Aufgabe der Soziologie.
Auf philosophischer Seite haben sich insbesondere Josef Pieper, die so genannte Ritter-Schule und Alasdair MacInytre mit traditionstheoretischen Fragen befasst: Pieper hat vor allem die Verbindung von mittelalterlicher Philosophie und Katholizismus in den Blick genommen. Die Ritter-Schule hat Tradition vor allem wegen der geschichtlichen Einbettung allen kulturellen Lebens diskutiert. MacIntyre hat als Kommunitarist auf die Notwendigkeit traditionaler und regional gültiger Maßstäbe für die gegenwärtige Ethik und Politik verwiesen.
Traditionskritik
Historisch-kritische Methode
Traditionskritik ist zum einen der Name einer Methode der historisch-kritischen Textforschung. Die Methode dient dazu, in verschriftlichten Texten die zugrundeliegenden mündlich verbreiteten Fassungen zu rekonstruieren (beispielsweise bei biblischen Texten, Lehrmärchen, Gebetssammlungen, Mythen).
Hierzu bedient sich die historisch-kritische Methode insbesondere a) der Textkritik, also der kritischen Untersuchung, ob der heute vorliegende Text in der Zeit Veränderungen unterlegen ist, oder ob er das die originale Vorlage widergibt.
b) der Formkritik, in der untersucht wird, welcher Aussageform sich der Text bedient.
Kritik der Tradition
Traditionskritik ist zum anderen eine Bezeichnung der Kritik an Tradition als dem überlieferten, kulturellen Bestand.
Tradition wird problematisch, wenn Formen sich verselbstständigen, deren ursprünglicher Sinn verloren ging.
In Europa begann mit Rationalismus und Aufklärung ein kritisches Infragestellen überlieferter Formen des Wissens, Glaubens und der Moral. Mit der Betonung des Vernunftprinzips (das an die Stelle des reformatorischen Schriftprinzips trat) wurde die Gültigkeit jedes Traditionsprinzips in Frage gestellt. Darauf reagierte schon frühzeitig der Französische Traditionalismus, Ausdruck der konservativenReaktion.
Das Kräftemessen von Tradition und Vernunft hält bis in die Gegenwart an. Zusammen mit der Eigendynamik eines rationalisierenden Kapitalismus und den Folgen kultureller und ökonomischer Globalisierung ist derzeit eine weltweite Revision überkommener Werte und Überlieferungen zu beobachten. Als Gegenreaktion sind ebenfalls weltweit fundamentalistische Tendenzen zu verzeichnen. Wie schon der Französische Traditionalismus ist die konservative Reaktion in der Gegenwart häufig religiös legitimiert und gewaltbereit.
Tradition in den Kultur- und Geisteswissenschaften
Ethnologie
Geschichtswissenschaft
In den vergangenen Jahren sind so genannte "erfundene Traditionen" ("invented traditions", vergleiche Eric Hobsbawm), die zur Legitimierung bestimmter Dinge und Handlungsweisen dienen sollen, zunehmend ins Blickfeld der Historiker gekommen.
Rechtswissenschaft
In der antiken Rechtssprache (römischesRecht) war Tradition (traditio) der Übergabeakt einer (beweglichen) Sache zum Beispiel bei der Vererbung und beim Kauf. Daher auch die noch heute manchmal begegnende Verwendung von Tradition als Auslieferung (vergleiche englisch: trade).
Tradition und Religion
Allgemein
bitte ergänzen.
Tradition im Katholizismus
In der römisch-katholischenKirche wird unter Tradition die nachbiblische, aber genauso verbindliche Glaubenslehre seit den Aposteln und Kirchenvätern verstanden. Als Traditionsprinzip dient diese Glaubenslehre in der römisch-katholischen Exegese zur Auslegung der Heiligen Schrift; nach römisch-katholischer Auffassung kann die wahre Aussage biblischer Texte nur durch die Auslegungstradition der Kirche verstanden werden. Das Traditionsprinzip ergänzt demnach das Schriftprinzip.
Tradition in der christlichen Orthodoxie
Die Orthodoxe Kirche unterscheidet nicht zwischen Bibel und Tradition, sondern betrachtet die Bibel selbst als Kernstück der Tradtition. Tradition ist für die Orthodxie "die Demokratie der Toten", d.h. indem man die Ansichten vergangener Generationen berücksichtigt, kommt man nach orthodoxer Ansicht zu einem ausgewogeneren Christentum, das weniger den wechselnden Moden ausgesetzt ist.
Tradition im Protestantismus
Seit der Reformationszeit, in der das römisch-katholische Traditionsverständnis kritisiert wurde, entwickelte sich der Begriffsgegensatz von Heiliger Schrift und Tradition. Das Traditionsprinzip wurde zugunsten des Schriftprinzips als notwendiges Element des wahren Schriftverständnisses aufgegeben; nach evangelischer Lehre ist die heilige Schrift selbsterklärend und deshalb allein die Schrift verbindlich für Fragen des Glaubens (vergleiche sola scriptura). In einer gewissen Spannung hierzu stehen die neuen Traditionen, die sich in den einzelnen evangelischen Konfessionen herausgebildet haben.
Die neuzeitliche Traditionskritik der Aufklärung verdankt sich wesentlich des traditionskritischen Impulses der Reformation, ging aber auch wesentlich darüber hinaus, indem sie auch die Bibel selbst als zu kritisierende Tradition verstand.
Tradition im Judentum
Tradition ist im Judentum immer im Zusammenhang von Tradierung, Lehre und Erinnerung gesehen worden. In Deuteronomium 6 (5. Mose 6) findet sich die Anweisung, das jüdische Glaubensbekenntnis als Summe des (göttlichen) Gesetzes an den Sohn weiter zu geben, dass dieser es an seinen Sohn weiter gebe. Außerdem soll die Erinnerung an die Geschichte des eigenen Volkes tradiert werden.
Kern des jüdischen Traditionsverständnisses ist das Gesetz, die Tora. Bei der Überlieferung der Tora wird unterschieden zwischen der schriftlichen Tora (die so genannten fünf Bücher Mose) und der mündlichen Tora, der überlieferten Auslegung der schriftlichen Tora. Diese ist wiederum zum Teil verschriftlicht im Talmud. Die Unterscheidung von mündlicher und schriftlicher Tora entspricht der Unterscheidung von Schrift und Tradition im Christentum.
Einen eigenen Begriff für solche Tradition gibt es im Alten Testament nicht. Es gibt wohl das Wort magan, das überliefern im Sinne von ausliefern meint, nicht aber im hier behandelten Sinn. Ein solches Wort entwickelt sich erst später aus dem Wort masorät (das Verpflichtende, Bindende). Daraus leiten sich die Masoreten her, eine jüdische Gelehrtengruppe im Mittelalter, die die Masora erstellt haben. Die Masoreten haben sich um die textkritische, schriftliche Überlieferung des Alten Testamentes verdient gemacht. Masora gilt heute als Kernbegriff des jüdischen Überlieferungsverständnisses.
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