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Toleranz

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Unter Toleranz (lat.: tolerare, dulden) versteht man umgangssprachlich Duldsamkeit, ihre Gegenbegriff ist der Fanatismus.


Ergänzend oder abweichend wird der Begriff in den Bereichen Technik, Toxikologie, Soziologie, Pädagogik und Ökologie (siehe Toleranz (Ökologie)) weiter gehend definiert.


Inhaltsverzeichnis


1 Technik

2 Toxikologie

3 Soziologie

4 Erziehung

  4.1 Passive Toleranz

  4.2 Aktive Toleranz

  4.3 Intoleranz

  4.4 Toleranz gegenüber Intoleranz

  4.5 Ignoranz

5 Zitat


Technik

Hier meint "Toleranz" hier den Zustand eines Systems, in dem eine von einer störenden Einwirkung verursachten Abweichung vom Normalzustand (noch) keine Gegenregulierung oder Gegenmaßnahme notwendig macht oder zur Folge hat. Im engeren Sinn ist dann Toleranz das Ausmaß der Abweichung einer Größe vom Normzustand oder Normmaß, das die Funktion eines Systems eben noch nicht gefährdet. Abweichend von dieser Definition wird als Fertigungstoleranz oft eine kleinere Abweichung bezeichnet, die bei der Herstellung eines Werkstücks eben noch hingenommen wird. (Siehe auch: Toleranz (Technik).)


Toxikologie

In der Toxikologie bezeichnet man mit dem Begriff Toleranz (synonym: Gewöhnung) die Anpassung eines Organismus an den Einfluss eines Gifts, die die Giftwirkung reduziert oder beseitigt. Meist geschieht die Anpassung durch vermehrte Biosynthese eines Enzyms, das den Giftstoff abzubauen vermag. Zum Beispiel wird als Folge regelmäßigen Genusses alkoholischer Getränke vermehrt Alkoholdehydrogenase in der Leber hergestellt. In der Folge wird Alkohol besser "toleriert". (Neben diesem existieren für Trinkalkohol (Ethanol) noch andere Toleranzmechanismen.)


Soziologie

In der Soziologie bedeutet Tolerieren, dass ein einzelner Mensch oder eine Gruppe nach Maßgabe der Gleichberechtigung störende Einflüsse, die von anderen Menschen oder Gruppen ausgehen, nicht mit (scharfen) sozialen Sanktionen ahndet. Toleranz geht nicht so weit wie Akzeptanz - bei letzterer wird ein Zustand als von den eigenen Wünschen zwar abweichend, aber als dem Gemeinnutz dienlich anerkannt.


Im Bereich der öffentlichen Meinung hat die Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann in diesem Zusammenhang eine Wechselbestärkung scheinbarer Toleranz als "Schweigespirale" beschrieben.


Erziehung

Hier wird Toleranz, oft im Rahmen der "Politischen Bildung", als aktive Bürgertugend gefördert und gilt als Kennzeichnung eines funktionierenden Rechtsstaates und einer 'lebenden' Demokratie.


Es werden auch Formen der Toleranz unterschieden:


Passive Toleranz

Tolerieren im passiven Sinn bedeutet, dass eine negative, Akzeptanz ausschließende Beurteilung zwar getroffen wurde. Der Bewertende enthält sich jedoch einer offenen Reaktion, zum Beispiel um des 'lieben Friedens' willen. In diesem Sinne sagen z.B. Eltern mit entsprechendem Unterton zu ihren Kindern: "Na gut, ich toleriere das!" Im Ergebnis wird ausschließlich negative Toleranz pädagogisch nicht begrüßt, weil sie eine Abkehr von Problemem (Robert K. Merton: retreatism) verrät und der Ignoranz sehr nahe kommt.


Aktive Toleranz

Toleranz im positiven Sinn und als Grundwert freier, pluralistisch ausgerichteter Gesellschaften bedeutet absolute geistige Offenheit bezüglich der Option einer möglichen Akzeptanz des tolerierten Sachverhaltes in der Zukunft. Beim positiven Tolerieren wird eine abschließende Bewertung des tolerierten "Einflusses" nicht nur durch entsprechende Reaktionen nicht zum Ausdruck gebracht, sondern eine Beurteilung unterbleibt auch bewusst im Geiste.


Die Gründe dafür bilden auch die charakterliche Grundlage toleranter Menschen: Ein toleranter Mensch ist sich im sokratischen Sinne über die Grenzen des eigenen Wissens bewusst, insbesondere lässt er eine intuitive Gefühlsreaktion, die oft auf Grund von allgegenwärtigen Vorurteilen oder Stereotypien ins Bewußtsein gelangt, nicht als Grundlage für eine abschließende Bewertung gelten. Das Nicht-Nachgeben gegenüber solchen Gefühlslagen wird zu einer charakterprägenden Übung, die das Entstehen dieser irrational negativen Gefühlsreaktionen in der Zukunft vermindert und die tolerante Grundhaltung dieses Menschen festigt.


Kann ein toleranter Mensch aus dem eigenen, sicheren Wissen heraus keine negative Bewertung des Einflusses ableiten, dann wird er auch kein Urteil fällen und keine entsprechende Reaktion äußern. Wirkt der Einfluss aber als Beeinträchtigung und erfordert somit eine Bewertung, bemüht sich der dem Wesen nach tolerante Mensch um ein genaues Verständnis der Situation, auf dessen Grundlage er sich mit dem Einfluss adäquat auseinander setzen kann.


Toleranz im positiven Sinn (deshalb auch "Aktive Toleranz" genannt) schließt die Fähigkeit ein, zu erkennen, wann eine Urteilsfassung und das zum Ausdruck Bringen derselben geboten ist. Dieses schließt die Fähigkeit zur Non-Akzeptanz und ihrer angemessenen Äußerung ein; damit unterscheidet sie sich wesentlich von der Ignoranz.


Liegt eine Not, ein Urteil zu fällen und zu artikulieren, nicht vor, gebietet schon die soziale Lebenseffizienz, sich der Urteilsfindung zu enthalten.


Gemäß der Mesotes-Lehre des altgriechischen Philosophen Aristoteles haben gute Charaktereigenschaften immer zwei negative Gegensätze, in deren Mitte sie sich befinden. So ist es auch bei der (aktiven) Toleranz: ihre Gegensätze sind Intoleranz und die Ignoranz.


Intoleranz

Intoleranz (Unduldsamkeit) bedeutet, dass Akzeptanz abschließend versagt wird, obwohl


  • außer einer irrationale Gefühlsregung nichts für eine solche Bewertung spricht
  • das eigene Wissen für eine abschließende Bewertung nicht ausreicht
  • die zuvor angestrengte gedankliche Auseinandersetzung der abschließenden Beurteilung nicht gerecht wird, oder
  • keine Not bestand, eine solche abschließende Bewertung zu treffen, da Beeinträchtigungen für einen selbst und andere, die von dem entsprechenden Sachverhalt ausgehen, offensichtlich vernachlässigbar sind


Toleranz gegenüber Intoleranz

Zur Charaktereigenschaft der Toleranz gehört in der Politischen bildung Nicht-Akzeptanz gegenüber Intoleranz unbedingt mit hinzu (siehe Aktive Toleranz).


Toleranz ohne diese Fähigkeit zur Non-Akzeptanz entspricht ziemlich genau dem anderen Gegenteil der Toleranz: der Ignoranz.


Ignoranz

Ignoranz als Gegensatz zur Toleranz ist die Unfähigkeit oder der Unwillen, Nicht-Akzeptanz zu äußern, auch wenn sie z.B. aus ethischen Gründen geboten ist.


Bei der Ignoranz finden prinzipiell entweder gar keine Bewertungsbemühungen statt oder diese Bemühungen bestehen in einer vorhersagbar simplen Gedankenmechanik, die stets zu positiven Ergebnissen kommt. Zum Ausdruck gebracht werden von ignoranten Menschen entweder völlige Gleichgültigkeit oder es wird stets Zustimmung signalisiert - zum Beispiel aus Opportunismus. Im Ergebnis ähnelt Ignoranz der oben erwähnten passiven Form von Toleranz, wobei im Unterschied dazu bei passiv toleranter Haltung Non-Akzeptanz verdeckt vorhanden ist und nicht selten subtil (z.b. durch die Tonlage) ausgedrückt wird.


Ignoranz steht mit Toleranz insofern im Widerstreit, da sie auch echte Intoleranz, das Gegenteil von Toleranz, duldet. Ignoranz ist deshalb mit einer toleranten Geisteshaltung unvereinbar. Dennoch können die beiden Charaktereigenschaften leicht verwechselt werden, insbesondere bei Abwesenheit intoleranter oder anderer schwerwiegend negativer Einflüsse.


Zitat

Der Bürger aber ist tolerant. Seine Liebe zu den Leuten, wie sie sind, entspringt dem Hass gegen den richtigen Menschen.


Theodor W. Adorno, 1947: Minima Moralia


Siehe auch: Toleranzpreis, Toleranzedikt, Toleranzprinzip (Studentenverbindung).


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