Tiberius war von Geburt her ein "doppelter" Claudier: sein Vater war Tiberius Claudius Nero, die Mutter Livia Drusilla war ebenfalls Claudierin, deren Zweig der Familie allerdings durch Adoption in das plebejische Geschlecht der Livier übergegangen war. Nach der von Octavian erzwungenen Scheidung von Tiberius Claudius Nero heiratete sie Octavian im Jahr 38 v. Chr., wodurch Tiberius sein Stiefsohn wurde. Mit der Adoption durch Augustus am 26. Juni 4 n. Chr. wurde er in das Geschlecht der Julier aufgenommen. Die nachfolgenden Kaiser gehörten in unterschiedlichen Graden bis hin zu Nero beiden Familien an und waren Mitglieder dieser Doppel-Dynastie.
Tiberius als Heerführer
Tiberius war ein hervorragender Heerführer: 20 v. Chr. gewann er die römischen Feldzeichen zurück, die Crassus 53 v. Chr. in der Schlacht von Carrhae verloren hatte. 16 v.Chr. eroberte er gemeinsam mit seinem Bruder DrususRätien. 12-9 v. Chr. leitete er die Eroberung Pannoniens und als 9 v. Chr. Drusus in Germanien an den Folgen eines Sturzes vom Pferd starb, übernahm er den römischen Oberbefehl in Germanien. 6-9 n. Chr. unterwarf er den Aufstand in Pannonien und Illyrien.
Das Privatleben des Tiberius
Weniger glücklich verlief sein Privatleben: 12 v. Chr. war er aus politischen Gründen gezwungen worden, sich von seiner ersten Frau Vipsania Agrippina, der Tochter des Marcus Vipsanius Agrippa, scheiden zu lassen, und Julia, die Tochter des Augustus (und deshalb auch seine eigene Stiefschwester) zu heiraten. Allein ihre unterschiedlichen Charaktere (sie lebenslustig, er eher ernst mit einer gewissen Neigung zur Düsternis) trugen dazu bei, dass diese Ehe nicht glücklich war. 6 v. Chr. zog sich Tiberius nach Rhodos zurück und unterbrach damit seine Laufbahn. Der Tod der voraussichtlichen Nachfolger des Augustus, seiner Enkelkinder und Adoptivsöhne Gaius und Lucius machte Tiberius zum einzig möglichen Nachfolger des Augustus, zumal er auch die beiden dafür notwendigen Ämter bereits innehatte: das Imperium Proconsulare und die tribunicia potestas; 13 n. Chr. - also ein Jahr vor dem Tod des Augustus wurden diese Ämter auf weitere 10 Jahre verlängert.
Tiberius als Nachfolger des Augustus
Als Tiberius im Jahr 14 n. Chr. die Nachfolge des Augustus antrat, war er 56 Jahre alt. Tiberius war ein tüchtiger Verwalter des Reiches und vermied größere Kriege zur Ausdehnung des Reiches.
27 n. Chr. zog er sich auf die Insel Capri zurück und überließ seinem Freund und Gardepräfekten Lucius Aelius Seianus die Kontrolle über Rom. Als dieser immer mehr Macht an sich zog und schließlich einen Umsturzversuch plante, ließ Tiberius ihn 31 n. Chr. hinrichten.
Tiberius im heutigen Geschichtsverständnis
Das Bild, das wir noch heute von Tiberius haben, ist weitgehend von Tacitus geprägt, dessen vernichtendes Urteil jedoch von der modernen Wissenschaft mehr und mehr angezweifelt wird: "Völlig desillusioniert, ohne Glauben an die Menschheit, voll ingrimmiger Verachtung gegenüber den meisten seiner Standesgenossen, Fatalist, aber echter Religion und Philosophie kaum zugänglich, ist er doch nicht unter der Last des Verhängnisses zerbrochen. Seine stählerne Natur widerstand allen Belastungen und Bedrohungen, äußeren wie inneren. Er war ein echter Claudier, langsam in seinen Entschlüssen, aber nach reiflicher Überlegung blitzartig hervorbrechend, ein Mann, der bis ins höchste Alter mit rücksichtsloser Härte auch gegen sich selbst einen Lebenswandel beibehielt, der ihm alles abverlangte, und noch in den letzten Jahren Proben seiner ungebrochenen Willenskraft ablegte. So wird man von ihm, auch wenn mit der Zeit die dunkleren Seiten seines Wesens immer beherrschender hervortraten, nicht ohne Anteilnahme scheiden." (KOESTERMANN Erich, Kommentar zu Cornelius Tacitus, Annalen. Bd. II, Buch 4-6, Heidelberg 1965, S10).
Tiberius in der Bibel
In der Bibel wird Tiberius' Name nur einmal im Lukasevangelium (3, 1-2) erwähnt: Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa; HerodesTetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene; Hohepriester waren Hannas und Kajaphas. Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias.. Während dieser Zeit predigte auch Jesus Christus und in seinen Predigten gibt es viele Referenzen zu Caesar (oder dem Kaiser in einigen Übersetzungen), ohne weiter auf Tiberius einzugehen.
Tiberius Caesar Divi Augusti filius Augustus, Pontifex Maximus, Tribuniciae potestatis XXXIIX, Imperator VIII, Consul V
Ehefrauen
1. Vipsania Agrippina 16 v. Chr.
2. Julia 11 v. Chr. (geschieden 2 v. Chr.)
Kinder
1. Nero Claudius Drusus (mit Vispinia)
2. ein Sohn mit Julia, starb kurz nach der Geburt
Tiberius und der "Verzicht auf Germanien"
Die Katastrophe des Varus und die von Germanicus 14 vorgefundene Situation (Militärrevolten) ließen Tiberius von der Grenzverschiebung in Richtung Weser und Elbe endgültig Abstand nehmen.
Der nüchterne und illusionslose Germanienkenner Tiberius ging zu einer defensiven Grenzpolitik über, die die Germanen ihrem inneren Streit überließ und sich auf die Behauptung eines der Grenze vorgelagerten Gebietes beschränkte. Indirekte, die germanischen Stämme und Parteien gegeneinander ausspielende, Kontrolle des Vorfeldes trat an die Stelle einer aufwendigen Niederwerfungsstrategie, die ins Unendliche zu eskalieren gedroht hatte. Paradoxerweise hat gerade die Katastrophe der Varusschlacht die Haltbarkeit der römischen Grenze am Rhein erwiesen, um deretwillen die Besetzung Germaniens begonnen worden war.
Unter Augustus und zu Beginn der Herrschaft des Tiberius wollte Rom die clades Variana korrigieren, zumindest aber die aufrührerischen Germanenstämme formell unterwerfen und die Deserteure bestrafen, allein schon zur Abschreckung künftiger Aufrührer. Dies gelang aber nicht. Im Gegensatz zu Germanicus erkannte Tiberius höchstwahrscheinlich 15 n. Chr. (möglicherweise aber schon früher), dass Rom die Arminius-Koalition allein schon aufgrund der logistischen Gegebenheiten mit überschaubaren Mitteln nicht besiegen kann. Die römischen Truppen konnten sich nicht aus dem Lande ernähren und die Landkriegführung war durch die weiten Wege und Transporte bei den kurzen Feldzugszeiten nahezu unüberwindbaren Schwierigkeiten und Gefährdungen ausgesetzt. Die Notwendigkeit für die Römer, das mitzunehmen, was es im Lande nicht gab, und die Beutegier der Germanen, das zu bekommen, was diese selbst nicht hatten, schlossen sich zu einem Teufelskreis.
Die Römer hatten Glück, dass die anderen Fronten während dieser Zeit ruhig blieben. Denn über so viele Legionen verfügten die Römer nicht, um auf Dauer acht Legionen an der Germanenfront verweilen zu lassen. Die Lebensmittelbeschaffungen sorgten in Gallien für nicht wenig Unruhe, die schließlich zum Aufstand des Sacrovir (21 n. Chr.) führen sollte. Spätestens mit der Abberufung des Germanicus (16 n. Chr.) galt offiziell die neue Linie des Tiberius, die in den Tabula Siarensis (19 n. Chr.) ihren Niederschlag finden sollte: Befriedung Galliens, Rache für Varus , Rückgewinnung der Feldzeichen, aber keine Eroberung des rechtsrheinischen Germanien mehr . Diese Politik endete aber mit dem Tod des Tiberius (37 n. Chr.).
siehe auch Portal Rom und Themenliste Rom
Literatur
BAAR Manfred*, Das Bild des Kaisers Tiberius bei Tacitus, Sueton und Cassius Dio, Beiträge zur Altertumskunde Bd. 7, Stuttgart 1990
JAHN Ralf G.*, Der Römisch - Germanische Krieg (9-16 n. Chr.). Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn, Bonn 2001.
KUNTZE Claudia*, Zur Darstellung des Kaisers Tiberius und seiner Zeit bei Velleius Paterculus, Europäische Hochschulschriften, Reihe 3, Bd. 247, Frankfurt/Main 1985
SCHAFFNER Gerhard, Tiberius. Kommentar zu biographischen Textstellen aus Tacitus, Sueton und Velleius Paterculus, Frankfurt/Main, 1968
SCHRÖMBGES Paul, Tiberius und die Res Publica Romana. Untersuchungen zur Institutionalisierung des frühen römischen Principats, Bonn 1986
SYME Ronald, History or Biography. The Case of Tiberius Caesar, Historia 23 (1974), S 481-496
YAVETZ Zwi, Tiberius. Der traurige Kaiser, München 1999
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