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Theater der Grausamkeit

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Das Theater der Grausamkeit ist ein von Antonin Artaud geprägter Begriff. Er bezeichnet eine praktisch nicht umsetzbare Form des Theaters, die nicht den klassischen dramatischen Regeln folgt, sondern eine abstrakte und metaphysische Darstellung von Unterdrückung und Schmerz fordert.


Inhaltsverzeichnis


1 Begriff

2 Motiv

3 Umsetzung

4 Folgen

5 Literatur


Begriff

Inspiriert vom balinesischen Theater entwickelte Artaud seinen Begriff des Theaters der Grausamkeit. Er forderte eine Loslösung der Stimme, des Körpers und der Sprache vom Text. Im klassischen Theater war die Darstellung auf der Bühne immer dem dramatischen Text untergeordnet - nun sollten jede Bewegung und jeder Laut der Darsteller eine eigene Bedeutung bekommen und nicht mehr nur dazu dienen, eine Handlung voranzutreiben oder zu illustrieren. Die Idee vom Theater der Grausamkeit ist insofern dem postdramatischen Theater zuzuordnen.


Ebenfalls war Artaud stark vom Surrealismus beeinflusst. Er postulierte Anarchie als stärkste und wirksamste Ausdrucksform des Theaters; dies ist so zu verstehen, dass Laute, Bewegungen, Worte etc. keiner logischen Handlung folgen, sondern unvorhersehbar aufeinandertreffen sollten. Laut dem Surrealisten André Breton sei die surrealistischste Handlung die eines Amokläufers, der auf der Straße wild um sich schießt; denselben Effekt wollte Artaud im Theater erwirken. Grausamkeit bedeutete für Artaud, die Zweckmäßigkeit, Ordnung und Zuverlässigkeit des Theaters aufzuheben. Er forderte eine Darstellung von Metaphysik und Mystik auf der Bühne.


Motiv

Artaud sah Kunst und damit Theater nicht als losgelöste, einem Selbstzweck dienende Sache. Theater sollte vielmehr dazu dienen, eine neue Daseinsform anzustreben. Dieses Dasein sollte geprägt sein von Chaos, Negation und Anarchie - und somit ein eigentliches "Nicht-Sein" formen. Dabei spielte sicherlich Artauds Wut und Verzweiflung seiner eigenen Existenz gegenüber eine wichtige Rolle. Er sah seine eigene Person als absolute Leere und abgründige Bodenlosigkeit. Diese Ansicht übertrug er auf die Gesellschaft und forderte - insofern verständlich - die Aufhebung jeglicher Ordnung, die in der sozialen Welt aufrecht erhalten wird. So bedeutet die Grausamkeit im Theater also auch das Zeigen der Nutzlosigkeit von Vernünftigkeit und geordneter Zuverlässigkeit im Leben und die Betonung des Schmerzes, der mit dem Dasein verbunden ist.


Umsetzung

Das Theater der Grausamkeit lässt sich nicht praktikabel in einem Theaterbetrieb umsetzen. Da Artaud sich in seinen Überlegungen nicht nur auf das Theater, sondern vielmehr auf das Leben an sich bezog, kann jeder Versuch, seine Ideen künstlerisch umzusetzen, nur scheitern oder maximal in einem Kompromiss münden. Die Theorien, die Artaud über die Verfassung der menschlichen Seele aufstellte, lassen sich nicht in einem Theater verwirklichen - eben, weil Theater gemeinhin eine Darstellung von Handlung, also Drama, ist. Die Aufgabe, die er dem Theater stellte - das Leben zu erneuern, ihm einen Sinn durch Chaos zu verschaffen und den Menschen dazu zu bewegen, all das zu schaffen, was noch nicht existiert - war nicht realisierbar.


Folgen

Das Theater der Grausamkeit wird durch seine Loslösung vom dramatischen Text als Vorläufer der Idee von Performance angesehen. Auch ließen sich spätere Dramatiker von der Idee inspirieren und bezogen sich darauf; Tadeusz Kantor mit seinem Theater des Todes ist hier ein Beispiel, ebenso wie Sarah Kane, die in ihren Stücken die theatrale Umsetzung auf eine Art und Weise an ihre eigenen Grenzen bringt, wie Artaud es forderte.


Literatur

  • Artaud, Antonin: Über das balinesische Theater. In: Artaud, Antonin: Das Theater und sein Double. Matthes & Seitz, München 1996 ISBN_3882212764
  • Artaud, Antonin: Heliogabal oder der Anarchist auf dem Thron. Rogner & Bernhard, München 1980. ISBN_3-807700978
  • Artaud, Antonin: Schluss mit dem Gottesgericht. Das Theater der Grausamkeit. Letzte Schriften zum Theater. Matthes & Seitz, München 1988. ISBN_388221211X
  • Craig, Edward Gordon: On the Art of the Theatre. London, 1912
  • Heidegger, Martin: Was ist Metaphysik? In: Wegmarken. Klostermann, Frankfurt am Main 1978. ISBN_3-465017552


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