Der Sprachgebrauch ist eine Eigenschaft von "lebenden" Sprachen, die im größeren Umfang bzw. im Alltag gesprochen werden.
Er kann den Wörtern innerhalb weniger Jahre neue oder verschobene Bedeutungen zuordnen, oder andere Wörter dem Vergessen anheimgeben. Dies ist nicht nur in der Umgangssprache der Fall, sondern auch in den sogenannten Fachsprachen.
Das Wort Sprachgebrauch lässt an flexibel denken, er berücksichtigt die sich wandelnden Bedürfnisse einer Sprache.
Je mehr die "Native Speakers" einer Sprache im Kontakt zu anderen Sprachen sind, desto bedeutsamer wird die Funktion des "Sprachgebrauchs".
Im Gegensatz zur derzeit laufenden Rechtschreibreform hat die Redaktion des Dudens keine Regeln definiert, sondern sie nur aus der allgemein üblichen Redeweise extrahiert.
Sie hat also den Sprachgebrauch beobachtet, ohne ihn zu beeinflussen. Martin Luther, dessen Bibelübersetzung unser Deutsch maßgeblich beeinflusst hat, nannte das "dem Volk aufs Maul schauen".
(Die Feststellung zum Thema Rechtschreibung soll keinerlei Abwertung von Sprachreformen bedeuten, sondern nur den o.a. Begriff zu klären helfen)
Daraus lässt sich schließen, dass ihr Sprachgebrauch stabiler ist, sich weniger oft ändert als z.B. in Industriestaaten.
Beispiel "gemein"
Dieses Wort hatte früher eine völlig andere Bedeutung als heute. Es bezeichnete meist das Allgemeine, den Gemeinsinn, die gemeinsamen Werte, Traditionen usw. und das Normale.
Vor einigen Jahrzehnten änderte es seine Bedeutung in unfair, ja teilweise sogar in bösartig -
was möglicherweise mit dem heraufsteigenden Individualismus zusammenhängt, oder mit der Überbetonung der (Volks)-Gemeinschaft vor 60 Jahren.
Dennoch gibt es Worte, in denen die geänderte, negative Bedeutung (fast) nicht mitschwingt: gemeinhin, Gemeingut, Gemeinsinn oder die die alte Bedeutung aufrechterhalten: Gemeine Stubenfliege usw.
Oft wandelt sich der Sprachgebrauch durch Einflüsse von außen (z.B. gegenwärtig durch Anglizismen), doch spielt auch der "interne" gesellschaftliche Wandel eine Rolle.
An vielen Wörtern von Dialekten ist zu merken, dass der Sprachgebrauch auf dem Land stabiler ist und ältere Worte in größerer Zahl bewahrt als in der Stadt. Dies hat auch mit der stabileren Tradition in noch teilweise agrarisch geprägten Regionen zu tun -
die ja mit der stärkeren Bodenverbundenheit zusammenhängt.
(was nichts über den Wert dieser Traditionen aussagen soll)
Der so genannte Volksmund geht aber auch "am flachen Land" auf gesellschaftliche Wandlungen ein. So sterben Sprichwörter aus, deren Basis verlorengegangene Gegenstände oder Betriebsweisen sind, oder die durch geändertes Freizeitverhalten ihren Sinn verlieren.
So scheint das Wort "mit der Kirch'n um's Kreuz" bereits eine leichte Sinnverschiebung zu erleben (weil "man" zwar weniger oft in die Kirche geht, aber dennoch ihre "Vertreter" genauer beobachtet als früher ¹).
Fachsprachen und Fachausdrücke
Viele Fachgebiete haben Ausdrucksweisen entwickelt, die sich deutlich von der Umgangssprache abheben. Dazu gehört unter anderem das "Juristendeutsch"
Der Sprachgebrauch in diesen Fachsprachen ist - oft noch schneller sonst - in Wandlung begriffen. Spezielle Gründe dafür sind Fortschritte der Wissenschaft, Änderungen im Kunstverständnis oder die Tatsache, dass immer mehr englische Fachwörter in Gebrauch kommen.
Zum Beispiel
hat sich bei uns - aus den USA kommend - das Wort "Technologie" eingebürgert. Zwar unterscheidet es sich dem Sinn nach etwas vom Wort "Technik" - doch wird es in vielen Fällen lieber verwendet, weil es "besser" bzw. hochtrabend klingt.
Beispiele für Variationen im (fachlichen) Sprachgebrauch finden sich besonders oft in der Musik. Italienische Ausdrücke der Klassik oder Zwölftonmusik gelten in der Popmusik wenig, ganz zu schweigen von der Blas- oder Volksmusik. Jene Musiker, die in mehreren Stilrichtungen arbeiten, müssen hin- und herspringen, doch zeigen sich bei einigen Sparten der heutigen U-Musik auch Tendenzen zu gewisser Vereinheitlichung. Features gibt es inzwischen fast überall..._ Nur wird der Manager eines Konzerthauses beim Einladen klassische Solisten andere Worte gebrauchen. Flexibilität ist hier angesagt - was ja auch Zeichen einer lebendigen Sprache ist.
Beispiel Bauernregeln und Blasmusik
Die alten Bauernregeln - die primär mündlich von Generation zu Generation übertragen wurden - werden es jetzt weniger. Dennoch haben sie Hochkonjunktur.
Einige (oft fragwürdige) Regeln, die manche Forstarbeiter und Christbaumverkäufer an die Mondphasen knüpfen, haben einen "Mondboom" ausgelöst, der z.B. beim Wort "Vollmond" viele an Schlaflosigkeit denken lässt. Vielleicht werden hier neue Sprüche entstehen (und spätestens bei der nächsten Jahrhundertwende durch neue abgelöst ;-)
Beispiel Esoterik/ Astrologie
Das Wort esoterisch bedeutet laut Brockhaus1960 "nach innen zu", bzw. "nur für Eingeweihte zugänglich".
Doch wer nur 1 Minute vor manchen Buchhandlungen stehenbleibt, bekommt den konträren Eindruck. Doch vielleicht hat sich das Wort den Marktchancen angepasst. Die Basis dieser "Modewelle" - die Suche nach Erkenntnis, nach Heimat, nach bleibenden Werten usw. - hängt allerdings mit der (oben ¹) angesprochenen glaubensfernen Situation von Vielen zusammen.
Oder: die ziemlich häufige Frage "Was bist Du?" wäre früher mit "Bauer", "Ingenieur" oder "Hausfrau" beantwortet worden. Heute wird aber anderes erwartet:
im besten Fall ein Gefühl oder Zustand - "ich bin missmutig", "ich bin unausgeschlafen"..._
doch meistens "ein Skorpion", "eine Jungfrau" (oho ;-), ein "Stier" (nicht unbedingt 'stier' = ohne Geld).
wer aber wagt zu antworten: "No na, ein Mensch!" ist OUT. Wenn er/sie Glück hat, dann vielleicht wenigstens ein interessanterAut-ler. Man wird dann nächstesmal gefragt "Wo stehst Du?" -
Und darf sich nur still denken: auf beiden Beinen direkt vor Dir.
In diesem Sinn - für meine vielleicht auch nach-denklichen Zeit-Genossen.
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