Als spiritistische Fotografie bezeichnet man das Fotografieren übersinnlicher und paranormaler Phänomene. Es handelt sich dabei um einen Grenzbereich zwischen Esoterik, Kunst und Wissenschaft. Ausgangspunkt ist dabei die Feststellung, dass mit fotografischen Verfahren nicht nur der für den Menschen sichtbare Anteil des elektromagnetischen Spektrumsvisualisiert werden kann.
In der Frühzeit der Fotografie wurden die Möglichkeiten und Grenzen des neuen Mediums entdeckt; dabei gelang in unterschiedlichen Bereichen die Visualisierung des zuvor Unsichtbaren; im Rahmen einer visuellen Zeitenwende wurden zunächst die Möglichkeiten der Optik und des Lichtes erkundet und ausgereizt.
Der Fotografie selbst wurde dabei ein acheiropoietischer Charakter zugeschrieben, wie bereits aus Talbots Bezeichnung des Verfahrens als photogenic drawing und dem Buchtitel Pencil of Nature hervorgeht (vgl. dazu auch Theorie der Fotografie).
In einem weiteren visuellen Paradigmenwechsel als mit der Entdeckung des Phänomens der Nebenstrahlung 1895 die Röntgenstrahlen entdeckt und etwa ab 1896 als Röntgenbild (z.B. John McItyre, A. W. Wright u.a.) fotografisch fixiert werden konnten. Hier wurde erstmals "etwas anderes als das sichtbare Licht zur Visualisierung" genutzt (Rumpf).
Anwendung in Grenzbereichen
Die Fotografie wurde im 19. sowie zu Beginn des 20. Jahrhundert als als grafisch ungedeutetes Bild betrachtet, das dem Menschen einen Zugang zum Unsichtbaren eröffnete. Diese der Fotografie zugeschriebene Objektivität machte sie zur "wahren Retina des Gelehrten" (Janssen) und ließ die wissenschaftliche Fotografie entstehen, bei der der Fotoapparat als das "vorrangige Hilfsmittel des menschlichen Auges" (Frizot 1998: 274) betrachtet wurde. Angesichts der Wunderleistungen der Fotografie fiel es schwer, die Grenzen der fotografischen Möglichkeiten zu determinieren, die Möglichkeiten des neuen Mediums wurden noch erkundet.
Einen frühen Versuch, die "Lichtschwingungen der Seele" fotografisch aufzuzeichnen, findet sich bei Hippolyte Baraduc in L'Ame humaine von 1896, der von einer "spontanen Ikonographie" sprach. Seine Bilder zeigen beispielsweise die "vitale Kraft, die durch den mitfühlenden Seelenzustand eines Kindes angezogen wird" als strömungsartig angeordnete "Schleier"; wie diese Bilder entstanden ist nicht detailliert bekannt.
Auch eine Variante des Naturselbstdrucks wurde um 1900 wiederentdeckt: Das nach Untersuchungen aus dem Jahr 1988 aus dem Mittelalter stammende Turiner Grabtuch wurde 1898 von Secondo Pia sowie 1931 von Giuseppe Enrie fotografiert; auf den Fotografien ist ein "Bild von Christus" zu sehehn, "das viel klarer war als der nur schemenhafte Umriß auf dem Grabtuch. Diese Entdeckung verlieh dem Grabtuch eine neue theologische Bedeutung, dessen mögliche Echtheit durch die Fotografie bekräftigt wurde. Das Grabtuch selbst konnte als eine empfindliche Oberfläche betrachtet werden, auf der sich ein Körper durch den direkten Kontakt abgebildet hatte" (Frizot 1998: 283; vgl. auch P. Vignon, Le Linceul de Christ; étude scientifique. Paris 1902).
1898 behauptete Emil Jacobson in der Photographischen Rundschau, er habe mit sogenannten Elektrographien "nachweisen können, daß Liebe und Haß sich auch in der Tierwelt elektrographisch feststellen lassen"; er zeigte - im wahrsten Sinne des Wortes - "Bilder glühenden Hasses" von Tieren, die er aufeinander gehetzt und mit einem elektrografischen Verfahren fotografiert hatte. Dass sich Jacobsons Strahlen nicht nur bei belebter Materie zeigten, sondern auch noch bei Würstchen ("Das Würstchen links leuchtet wenig, es scheint kränklich [...]"), mag heutzutage nur noch anekdotischen Wer am Rande haben, zeigt aber, dass man auch zum Ende des 19. Jahrhunderts offensichtlich bereits einige Zweifel bezüglich der Seele von Lebewesen hatte.
"Es mochte zunächst scheinen, als kehrte die Zeit der Ikonen zurück, wenn in der Dunkelkammer, wie von Engelshand geführt, ein Bild aus der Fläche stieg. Es wundert daher nicht, dass die Fotografie im 19. Jahrhundert gerne vereinnahmt wurde von Geistersehern, die mit dem neuesten technischen Medium spiritistische Experimente durchführten, um die uralte Annahme zu beweisen, es gäbe ein paranormales Leben neben dem Alltag" (Beat Wyss, Über die Herstellung des Unsichtbaren in [1]).
Das Bild Teleplasma und spiritistisches Bild von Deane, ein so genanntes Gedankenfoto, entstanden um 1920, zeigt beispielsweise einen weiblichen Torso, der aus einem schleierumhüllten Kopf aufsteigt; in derartigen Werken mischen sich Einflüsse der Psychoanalyse mit fotografischen Montagetechniken zu einem ästhetischen Ausdruck des Seelenlebens.
Die so genannte Aura (auch Fluidum oder Bioplasma) - nicht zu verwechseln mit BenjaminsAura-Begriff - lässt sich angeblich als Emanationsphänomen chemisch durch die Effluviographie aufnehmen.
Der Japaner Masaru Emoto behauptet, mit seinen Fotografien von Wasserkristallen nachweisen zu können, dass Wasser auf Emotionen reagiere sowie Informationen speichern und mit anderen Flüssigkeiten austauschen könne. Diese Experimente sind jedoch mit konventioneller wissenschaftlicher Methodik nicht reproduzierbar.
Wissenschaftliche Fotografie
Einen Grenzbereich zur wissenschaftlichen Fotografie bildet schließlich die paraphysikalische Methode der so genannten Kirlianfotografie, die um 1939 von Semjon Kirlian und Valentina Kirlian entwickelt wurde präzise Bezeichnung hierfür lautet Hochfrequente Hochspannungsfotografie, ist wissenschaftlich reproduzierbar und wurde 1949 patentiert.
Mit dieser Methode der Koronaentladungsfotografie können elektrische Entladungen um Lebewesen visualisiert werden. Die aura-ähnlichen Erscheinungen werden mit dem paranormalen Phänomen des Energiekörpers der Theosophie und der Anthroposophie in Verbindung gebracht, jedoch auch pragmatitisch in der medizinischen Krebsdiagnostik eingesetzt.
S. Sanzenbacher: Fotografie als Medium zwischen Wissenschaft und Okkultismus, Diplomarbeit an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Januar 2003
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