Während des Spätmittelalters herrschte eine Zeitlang eine krisenhafte, teilweise gar apokalyptische Stimmung, die die Menschen beherrschte. Ursachen waren Missernten, Hungersnöte, Pestepidemien und die Krise des Papsttums. Daraus ergaben sich Judenverfolgung und Aufstände in Städten und unter den Bauern.
Das noch in der älteren Forschung vertretende Bild des Spätmittelalters als eine reine Verfallszeit, ist inzwischen aufgegeben worden. Es war vielmehr sowohl eine Herbst- als auch eine Frühlingszeit der Geschichte.
Denn gleichzeitig war das Spätmittelalter eine Übergangszeit zur Moderne, die keineswegs nur negative Züge trug: Es entwickelte sich bereits in diesem Zeitraum die Vorläufer der modernen Staatlichkeit, mit Verwaltung und Ämterwesen. Der Nationalstaat rückt an die Stelle der alten Staatengebilde (außer in Deutschland, wo weiterhin das universale Kaisertum vorherrschend war).
In Norddeutschland entsteht die Hanse, zunächst als Kaufmannsgilden, dann als Städtebund. Sie beherrscht bald den Handel zwischen Norwegen und Schweden im Norden und den deutschen Landen mit Flandern im Süden, zwischen England und Frankreich im Westen und Russland und dem Baltikum im Osten. In Italien blühte derweil die Kultur der Renaissance.
Die in Abschnitten, aber keineswegs insgesamt, herrschende gefühlgedrückte Stimmung führte vielfach zum Wunsch der direkten Erfahrung von Gott, wie generell in bestimmten Phasen des Mittelalters und der Neuzeit. Das Bibelstudium vermittelte den Menschen das Bild der einfachen Lebensweise von Jesus Christus und den Aposteln, ein Vorbild, dem die existierende Kirche nicht gerecht wurde, gerade weil das Papsttum seit 1309 in Avignon residierte und sich immer mehr von den Menschen entfernte, woraus das abendländischen Schismas von 1378 und der Konziliarismus resultierte. So entstanden auch vermehrt Bettelorden und apostolische Gemeinden, die sich dem einfachen Leben widmen wollten. Viele davon wurden als Ketzerei verfolgt, so z. B. die Waldenser, Katharer oder die Brüder vom freien Geist.
Der vorherrschende Baustil im Spätmittelalter war die Gotik.
Literatur
Ulf Dirlmeier u.a.: Europa im Spätmittelalter 1215-1378 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte 8), München 2003. Die zur Zeit beste wissenschaftliche Einführung mit umfangreicher Bibliographie und Begriffserklärungen.
Johan Huizinga: Herbst des Mittelalters, Stuttgart 1975.
Malte Prietzel: Das Heilige Römische Reich im Spätmittelalter, (Geschichte kompakt), Darmstadt 2004. Grundsolide, wenn auch knappe Darstellung der Ereignisgeschichte, aber auch der politischen Strukturen.
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