Die soziale Rolle ist ein Begriff der Soziologie und umschreibt in einer einfachen Modellierung, vom Akteur her gesehen, welche Spielräume er in einer Position hat, und, von den anderen Akteuren her gesehen, was er daraus macht. Doch ist der »Rollen«-Begriff in den soziologischen Theorien vielfach und fruchtbar erweitert worden.
Rollen lassen sich soziologisch nach (gesamt)kulturellen (zum Beispiel »die Priesterin«, »der Mann«), nach sozial differenzierten (zum Beispiel »die Physiklehrerin«, »der Industriemeister«) und nach situationalen (beispielsweise »die Augenzeugin«, »der Oberste auf der Rolltreppe«) unterscheiden.
Immer beeinflussen das Rollenhandeln (1) die legitimenNormen, die einer Position entgegen gebracht werden (von anderen, vom Positionsinhaber selbst), (2) eine Reihe von (fremden oder eigenen, durchaus nicht immer legitimen) Erwartungen, die an einen Akteur in einer bestimmten sozialen Position gestellt werden, und (3) die positiven und negativensozialen Sanktionen (‚Zuckerbrot‘ oder ‚Peitsche‘), mit denen andere Akteure einen Rollenspieler beeinflussen wollen und können. An diesen drei sozialen Tatsachen orientieren Akteure ihre eigenen Handlungen - ob offen ob verborgen - und bewerten Beobachter - ob offen ob verborgen - die Handlung anderer (vgl. dazu besonders das Modell des »Homo Sociologicus«).
Soziale Akteure spielen zeit ihres Lebens unterschiedliche soziale Rollen, auch sozialhistorisch entstehen soziale Rollen neu, wandeln sich dauernd und gehen unter.
Einzelthemen der Rollentheorie
Kulturelle Rollen wirken alltags als »Selbstverständlichkeiten« und werden oft erst durch Stiftung von Religionen (z.B. des Christentums) oder durch die Herausbildung politischer Bewegungen (beispielsweise der Frauenbewegung) in scharfen sozialen Konflikten bewusst und disponibel.
Sozial differenzierte Rollen (etwa in Folge der Arbeitsteilung) haben die meiste soziologische Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Robert K. Merton hat den bedeutsamen Unterschied zwischen dem intrapersonalen und dem interpersonalen Rollenkonflikt heraus gearbeitet. Im ersten Fall muss sich z.B. der Industriemeister in dieser Rolle zwischen den Erwartungen seiner Untergebenen, seiner Kollegen und seiner Vorgesetzten einen persönlichen Typ ausformen (Kurt Holm). Im zweiten Fall müsste er seinen eigenen Rollen-Kompromiss mit seinen anderen Rollen, z.B. als Betriebsratsmitglied, Familienvater, Vereinsmitglied und Hobbybastler, finden; Ralf Dahrendorf hat dafür den Unterschied zwischen den durch negative Sanktionen bewehrten »Muss-Erwartungen«, den durch negative und positive charakterisierten »Soll-Erwartungen« und den durch positiven Sanktionen bedankten »Kann-Erwartungen« unterschieden: Der Werkmeister z.B. muss unkorrupt ein, soll keine Bezugsgruppe nachhaltig unzufrieden machen und kann persönlich verständnisvoll sein.
Im Bereich differenzierter Rollen entsteht auch die Evidenz, mit der der »Rollen«-Begriff aus dem Theater übernommen worden ist - hierzu besonders vgl. Erving Goffman. Mit William Shakespeare: »All the world is but a stage.«
Situationale Rollen sind oft verborgen durch soziobiotische, kulturelle und sozial differenzierte Gegebenheiten vorprogrammiert, jedoch als Arbeitsgebiet sehr scharfäugigerer soziologischer Beobachter in Einzelstudien fruchtbar und, beispielsweise bei Georg Simmel, in speziellen Problembereichen, z.B. in der Polizeisoziologie (Manfred Brusten) und in der Katastrophensoziologie (Wolf R. Dombrowsky), wichtig geworden.
Rollen, die mit der (bio)soziologischen Primatenausrüstung des Menschen verquickt sind (siehe auch: Instinkt) wurden in der Soziologie selten thematisiert (Ausnahme: Dieter Claessens in »Das Konkrete und das Abstrakte«), weil sie z.B. aus der Tierheit mitgebracht wurden (beispielsweise 'der Eilige', 'der Dicke') und auch für Kleinkinder sehr bedeutsam sind, die die kulturellen, differenzierten oder situationalen Rollen noch nicht internalisiert haben (z.B. 'ein Fremder neben/über mir'), und obwohl sie ein Berufsproblem sein können, beispielsweise in der Medizinsoziologie 'der Sterbende'.
Kritik des Rollen-Begriffs
In akteurbezogenen (oft mikrosoziologisch fokussierten) soziologischen Theorien ist der Begriff der »sozialen Rolle« oft fruchtbar und wird gerne angewandt.
Schwieriger tun sich die kollektivbezogenen Theorien (z.B. Strukturfunktionalismus, Ethnotheorie), weil die stets notwendigen Rollen-Kompromisse der Akteure hier eher z.B. als Fehlverhalten oder als z.B. als von außen (‚europäozentrisch‘) hinein getragen aufgefasst werden und mit anderen Begriffen analysiert werden (»dysfunktional«, »kulturimperialistisch«).
Wo Theorien der Gesellschaft von soziologischen Theorien unterschieden werden (z.B. im Marxismus, in der Systemtheorie nach Niklas Luhmann), wird der Begriff entweder vehement zurück gewiesen: Frigga Haug (Haug 1994) bezweifelt, dass mit einem Rollenbegriff das gesellschaftliche Leben hinreichend und erkenntnisreich erläutert werden kann. Mit dieser Metaphorik, die dem Theater entlehnt wurde, verschwinde sowohl die Geschichte der Gesellschaft und ihre ökonomischen Bedingungen als auch das dialektische Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. In einer Analyse mittels eines Rollenbegriffs kommt es auch zu verhüllenden Schlussfolgerungen: Die Rollentheorie gilt als Ideologie (»falsches Bewusstsein), da sie Rollen als vorgegeben akzeptiere, gesellschaftliche Widersprüche ins Individuum verlege und zu Rollenkonflikten entschärfe, ohne die gesellschaftlichen Verhältnisse zu thematisieren.
Die Metapher "Rolle" bietet auch einen Ansatzpunkt für (individuelle) Ideologien (Vorurteile), etwa wenn gesellschaftliches Handeln als ein reines äußeres missverstanden wird, so dass man sich in die "inneren Emigration" zurück zu ziehen (s. a. Rollendistanz, Anomie) gezwungen sieht. Die Wirklichkeit wird dann leicht zur täuschenden Inszenierung ("es ist alles eitel und Haschen nach Wind"), und gesellschaftlichen Verhältnisse erscheinen dementsprechend als unveränderbar.
Literatur
Einführend:
Karl-Heinz Hillmann, Wörterbuch der Soziologie, 4. Aufl., Stuttgart 1994, ISBN_3-520-41004-4
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