Der Sohar, hebräisch זהר, gilt als das bedeutendste Schriftwerk der Kabbala. Der Name bedeutet "Glanz" und geht zurück auf biblische Texte bei den ProphetenEzechiel (Ez 1,28; 8,2) und Daniel (Dan 2,31; 12,3).
Das in Aramäisch, zu geringen Teilen in Hebräisch verfasste Werk der jüdischenMystik enthält vor allem Kommentare zu Texten der Tora in Form von homiletischen Meditationen, Erzählungen und Dialogen.
Der Sohar ist eine Sammlung von Texten in fünf Bänden. Als Autor wird Schimon ben Jochai genannt, ein bedeutender talmudischerRabbiner des zweiten Jahrhunderts, der auch die wichtigste handelnde Person ist. Schimon ben Jochai gilt zwar historisch als "Vater der Kabbala", seine tatsächliche Autorschaft für den Sohar ist jedoch vor allem aus sprachlichen Gründen fraglich, sodass von einem pseudepigraphischen Charakter der Schrift ausgegangen werden muss.
Der Sohar tauchte zuerst gegen Ende des 13. Jhdts. in Spanien auf. Um seine Verbreitung hat sich der Kabbalist Mosche ben Schemtow de Leon verdient gemacht, der bis 1305 in Kastilien, zuletzt in Avila lebte. Aufgrund literarischer, sprachlicher und quellentheoretischer Beobachtungen gilt Mosche de Leon auch als der tatsächliche Verfasser des Sohar. Dies schließt jedoch nicht aus, dass ältere - auch schriftliche - Traditionen von ihm verwendet wurden.
Inhalt
Der Sohar versucht das Wesen Gottes zu erfassen und dieses dem Menschen mitzuteilen. Da Gott verborgen ist, kann dies nur in höchst spekulativer und kontemplativer, nicht in beschreibender oder lehrhafter Form geschehen. Dabei steht immer die Auslegung der Tora als des wesentlichen religiösen Fundaments im Vordergrund. Der Sohar erkennt für die biblische Exegese vier Stufen des Verständnisses:
1. der wortwörtliche Text (Literalsinn, hebr. pschat)
2. die intuitive Erfassung des Sinnes (Traum, hebr. remes)
3. die Bedeutung im Leben (Auslegung, Auskunft, hebr. deresch)
4. die mystische Bedeutung (Geheimnis, hebr. sod)
Die Anfangsbuchstaben dieser vier hebräischen Wörter bilden den Begriff PaRDeS (Paradies), wodurch der Sinn des Schriftstudiums angedeutet wird als der Weg zum Paradies. Dieser Weg wird auch gesehen als geistiger Weg durch die verschiedenen Hallen des jüdischen Tempels.
Der Sohar nimmt die kabbalistischen Vorstellungen der zehn Sefirot auf als Sphären der Manifestation Gottes. Als letzter Ausdruck göttlichen Seins wird darüber das "Nichts" (hebr. en-sof) erkannt. Aus dem en-sof entsteht das Sein wie in einem einzigen Punkt, der sich in der Bewegung ausfächert zu den vielen Erscheinungen des Lebens.
In der Ethik vertritt der Sohar als höchsten Wert die tätige Liebe zu Gott (hebr. debekuth), die sich auch in der sozialen Hinwendung zum Mitmenschen äußert. Daneben vertritt der Sohar ein starkes Armutsideal. Der gerechte Mensch (hebr. Zaddik) ist sowohl ein Tora-Gelehrter und Gottsucher, als auch der Wohltäter, der seine eigenen Bedürfnisse hinter die Sorge für den Nächsten radikal zurückstellt.
Bedeutung
Schon bald nach seiner Entstehung hat der Sohar eine außergewöhnliche Bedeutung zuerst unter Kabbalisten, dann auch im Judentum allgemein gewonnen. Seine Verbreitung nahm insbesondere nach der Vertreibung der Juden aus Spanien (1492) stark zu. Vor allem für die chassidische Tradition im osteuropäischen Judentum erlangte der Sohar geradezu kanonisches Ansehen.
Auch unter christlichen Gelehrten hat der Sohar einige Resonanz hervorgerufen. Die spekulative Kraft seiner Sprache hat sogar dazu geführt, thematische Verbindungslinien zur christlichen Lehre zu ziehen bis hin zu Ähnlichkeiten im Wesen des dreifaltigen Gottes.
Andererseits wird auch der Sohar Elemente eines esoterischen Christentums im Südeuropa des 12. Jhdts. integriert haben, so dass eine klare Bewertung von Ursachen und Wirkungen schwer fällt. Grundsätzlich zeigen sich in mystischen Traditionen noch die stärksten und fruchtbarsten Verbindungen zwischen den Religionen.
Aufbau
Die fünf Bände des Sohar bestehen aus folgenden Teilen:
The Zohar. Pritzker Edition by Daniel C. Matt (Übersetzer). Stanford 2004 (engl.). ISBN_0804747474
Der Sohar. Das heilige Buch der Kabbala. Hrsg. von Ernst Müller. München 1993 = Diederichs Gelbe Reihe Bd. 35 (Auswahltexte; Ausgabe ist vergriffen, Neuauflage in Vorbereitung).
Literatur
Scholem, Gershom: Der Sohar I + II, in: ders., Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen. Frankfurt 1980, S. 171-266. ISBN_3518079301
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