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Reinkarnation

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Der Begriff Reinkarnation (lateinisch Wiederfleischwerdung) bezeichnet die Idee, dass die menschliche Seele nach dem Tod (Exkarnation) auf dieser Erde oder anderen Existenzbereichen wieder als empfindendes Wesen geboren (inkarniert) wird. Dieses Konzept wird auch als Wiedergeburt, Seelenwanderung, Transmigration, oder Metempsychose bezeichnet. Die Außerkörperliche Erfahrung steht in engem Zusammenhang mit dem Begriff Reinkarnation.


Die Vorstellung eines neuen Lebens nach dem Tod ist (in Verbindung mit animistischen und/oder gnostischen Vorstellungen) in vielen Kulturen und religiösen Lehren verbreitet: im Griechenland der Antike, im römischen Kaiserkult, im Manichäismus und weiteren gnostischen Strömungen, in der jüdischen Kabbala, in der Mystik des Islam und in der modernen Esoterik. Eine systematische Reflexion erfuhr die Reinkarnationslehre vor allem aber in den östlichen Religionen Hinduismus, Jainismus und Buddhismus.


Inhaltsverzeichnis


1 Antikes Griechenland und Rom

2 Judentum

3 Christentum

4 Islam

5 Hinduismus

6 Buddhismus

7 Esoterik und New Age

8 Reinkarnationsforschung

9 Literatur

10 Weblinks


Antikes Griechenland und Rom

Die am Anfang der klassischen Antike stehenden, um 800 v. Chr. verfassten Epen von Homer - die Ilias und die Odyssee - kennen noch keine Reinkarnationslehre. Bekannte Vertreter der Reinkarnationstheorie innerhalb der griechischen Philosophie waren Pythagoras (um 600 v.Chr.), Empedokles (5. Jh. v.Chr.) und Platon (5. Jh. v.Chr.). Sie alle lehrten, dass die unsterbliche Seele sich zwangsläufig reinkarnieren müsse, sei es aufgrund einer inneren Notwendigkeit oder zum Zwecke ihrer moralischen Läuterung in einer neuen Daseinsform, die auch die Tierwelt und/oder die Pflanzenwelt umfasst. Bei Platon spielte jedoch nur das moralische Kriterium eine Rolle. Nach ihm wird man allein aufgrund früheren Verhaltens wiedergeboren.


In den nachfolgenden Strömungen des Neuplatonismus und des Neupythagoreismus lebte der Reinkarnationsgedanke weiter, doch spalteten sich die Geister an der Frage, ob die Einkörperung in Tiere wörtlich (Plotin) oder metaphorisch (Porphyrius) zu verstehen sei, dieweil das von Platon angeführte moralische Motiv vor allem von Plutarch und dem Römer Vergil vertreten wurde.


Judentum

Der Reinkarnationsgedanke kommt im orthodoxen Judentum nicht vor, es findet sich weder Zustimmung noch Ablehnung.


Das Judentum entwickelte nie eine eindeutige Vorstellung über das Geschehen im Jenseits, nach dem Tode. Es haben sich vielmehr wesentlich zwei Lehrmeinungen herausgebildet, die sich auf eine unbestimmte Menge von Hinweisen im Tanach beziehen.


  • 1. Die eine Lehrmeinung nimmt die Auferstehung der Toten an, d.h. die Menschen sterben mit Leib und Seele, aber werden in der messianischen Zeit wiederbelebt und leiblich auferstehen (Daniel 12,2; Sanhedrin 10,1), reinkarniert.


Die Auffassung von einer Auferstehung der Toten entwickelte sich im nachexilischen Judentum (Diaspora, Babylonische Gefangenschaft).


In der jüdischen Apokalyptik wurde diese Vorstellung weiter ausgebaut zu einer Auferstehung in Verbindung mit einem Gericht Gottes über die Welt. Mit dieser Auferstehung war nach jüdischen Begriffen eine körperliche Auferstehung gemeint - entweder die körperliche Auferstehung aller Menschen oder die körperliche Auferstehung der Menschen, die im Bund Israels mit Gott eingeschlossen sind. Das Schicksal des einzelnen Menschen trat in dieser kollektiven Sicht zurück, war aber darin eingeschlossen.


Das Pharisäertum zur Zeit Jesu bejahte den Glauben an eine Auferstehung; das herrschende Priestertum (vorwiegend aus der Grupper der Sadduzäer, die mit der römischen Besatzungsmacht kollaborierte) lehnte sie ab.



  • 1. Die andere jüdische Lehrmeinung nimmt an, das die reine Seele, unbefleckt durch Geburt, Leben und Tod, wieder rein zu Gott zurückkehrt. Sie geht von der Unsterblichkeit der Seele aus und davon, dass diese nach dem Tod unabhängig vom Körper weiterlebt (Schabbat 152b, Proverbien 12,28). Das herrschende Priestertum (vorwiegend aus der Gruppe der Sadduzäer), kollaborierend mit der römischen Besatzung, zur Zeit Jesu, lehnte die fleischliche Auferstehung ab.
  • 2. Weiterhin gab es eine Vermengung dieser beiden Lehrmeinungen zur folgenden, dass nämlich die Seele den Tod des Menschen überlebe und bis zur messianischen Zeit weiterlebe und sich schließlich mit dem Körper neu vereinige und leibhaftig auferstehe.


In der Kabbala, der jüdischen Mystik, ist die Wiederverkörperung eine göttliche Strafe und dazu bestimmt, die Seele durch Umkehr in einem neuen Körper der Vervollkommnung zuzuführen. In Teilen des Chassidismus und anderen Strömungen innerhalb des orthodoxen Judentums werden heute verschieden Varianten der Reinkarnation gelehrt, stehen aber nicht gerade im Mittelpunkt der Lehre.


Christentum

In den Hauptströmungen des Christentums (orthodox, katholisch, evangelisch) war Reinkarnation nie ein Glaubensinhalt oder Teil der Lehre.


Es gab und gibt jedoch einige im weiteren Sinn christliche Splittergruppen die an Seelenwanderung glauben, z.B. die Gnosis in der Antike, die Katharer im Mittelalter, oder die Christengemeinschaft innerhalb der Steiner'schen Anthroposophie heute. Ebenso gibt es heute Christen, die, unabhängig von der Lehre des Christentums, unter dem Einfluss von New Age oder östlichen Religionen an die eine oder andere Variante von Reinkarnation glauben.


In New Age-Kreisen wird gesagt, dass das frühe Christentum an Reinkarnation geglaubt habe, wobei man sich auf Bibelstellen, und Kirchenväter (insbesondere Origenes) beruft und behauptet, die spätere Kirche habe die Beweise für Reinkarnation vernichtet.


Bibelstellen, die von New Age Anhängern als Beweis für die Reinkarnationslehre der frühen Christen angesehen werden, sind z.B. Mt 11,14 und 17,12f, sowie Joh 9,1 ff. Diese Stellen können so interpretiert werden, wenn sie mit einer New-Age-Weltsicht gelesen werden, werden jedoch von christlichen Theologen aller Jahrhunderte nicht so ausgelegt (auch nicht von Origenes, siehe unten).


Ebenso wird behauptet, dass der Kirchenvater Origenes ein Anhänger der Reinkarnationslehre gewesen sei. Tatsächlich vertrat Origenes das Konzept der Präexistenz der Seele - die menschliche Seele soll schon vor der Geburt existiert haben. Das ist jedoch nicht das gleiche Konzept wie Reinkarnation, und Origenes kannte den Unterschied - allerdings wird diese Präexistenzlehre von einigen Vertretern des New Age mit der Reinkarnationslehre verwechselt. Tatsächlich kannte Origenes die Reinkarnationslehre aus der griechischen Philosophie, mit der er sehr vertraut war, und redet auch davon in seinen Schriften. Aber gerade in seinen Bibelauslegungen der Stellen, die gerne vom New Age als Reinkarnationsbelege gewertet werden, diskutiert er zwar, wie Reinkarnationsanhänger sie interpretieren, betont jedoch, dass die Lehre der Seelenwanderung der Kirche Gottes fremd ist, z.B. Origenes, Kommentar zum Johannesevangelium, Buch VI, Kapitel 7 (englisch)).


New Age Anhänger behaupten auch, dass die (katholische) Kirche (oder der Papst) in späteren Jahrhunderten alle Hinweise auf Reinkarnation aus der Bibel gestrichen habe. Shirley MacLaine zitiert z.B. im Buch Out on a Limb: "Die Theorie der Reinkarnation ist in der Bibel aufgezeichnet. Aber die richtigen Interpretationen wurden herausgestrichen während eines ökumenischen Konzils der katholischen Kirche in Kontantinopel etwa um 553, das das Konzil von Nizäa genannt wurde".


Für diese Behauptung gibt es keine historische Basis. Es gab kein Konzil von Nizäa im Jahr 553, und die zwei tatsächlichen Konzile von Nizäa (325 und 787) haben Reinkarnation nirgends auch nur erwähnt. Das zweite ökumenische Konzil von Konstantinopel von 553 (das nicht unter der Führung des damaligen Papstes sondern des Kaisers Justinian I. stattfand), erwähnte Reinkarnation ebensowenig wie irgendein anderes Konzil der alten Kirche. Die Ursache für die Behauptung ist vermutlich, dass dieses Konzil, ziemlich nebenbei, die Lehre von der Präexistenz, die Origenes und einige seiner Schüler vertreten haben verurteilt hat.


Dass Stellen bezüglich Reinkarnation auf Befehl eines Papstes oder Konzils aus der Bibel gelöscht wurden, ist wissenschaftlich nicht vertretbar. Aufgrund der zahlreichen Papyri des Neuen Testaments aus dem dritten Jahrhundert und den altsyrischen und altlateinischen Übersetzungen aus dem 2. Jahrhundert kann die Textkritik des Neuen Testaments nachweisen, dass es keine solchen Streichungen gegeben hat - die einzige zentrale Instanz für Lehrfragen waren die ökumenischen Konzilien, die erst im 4. Jahrhundert anfingen. Eine Einzelaktion des Papstes, die sich in der Gesamtkirche des ersten Jahrtausends durchsetzt, ist historisch nicht denkbar - schon bei der Filioquefrage, wo es nur um ein einziges Wort im Glaubensbekenntnis ging, stellten sich die orthodoxen Kirchen quer. Zudem kannten in der Alten Kirche viele Christen die Bibel recht genau und hätten einer Streichung sicher nicht zugestimmt. Auch z.B. die Assyrische Kirche im Iran, die schon ab Mitte des 4. Jahrhunderts kaum noch Kontakt zur Reichskirche hatte, sich 431 offiziell von dieser trennte, und keine Veranlassung gehabt hätte danach noch auf den Papst oder ein westliches Konzil zu hören, benutzt die gleichen Bibeltexte wie die anderen Kirchen. Das gleiche gilt nach dem Jahr 451 auch für die altorientalischen Kirchen.


Die christlichen Konzepte von Wiedergeburt und Auferstehung, die von allen christlichen Hauptrichtungen gelehrt werden, sind völlig verschieden vom Konzept der Reinkarnation.


Islam

Auch im Islam ist die Reinkarnationsvorstellung dem Bereich der Mystik zuzuordnen. Ihr bekanntester Vertreter war Dschalal ad-Din Rumi [Jalâl’ud-Dîn Rûmî ] (1207-1273), der einen Aufstieg der Seele über das Menschliche hinaus und ihr Aufgehen im »Nichtsein«, im unaussprechlichen göttlichen Wesen, beschrieb. Doch solchen Lehren haftete im Islam immer das Merkmal der Häresie an, weshalb sie nicht selten verfolgt wurden.


Innerhalb des Islam bildet die Reinkarnationslehre allein bei den Drusen eine zentrale Rolle. Die Drusen bilden eine kleine Minderheit, stammen von den Ismaeliten ab und sind in Syrien, Libanon, Israel und Jordanien beheimatet. Wegen ihrer sehr speziellen Lehren ist es jedoch umstritten, ob sie überhaupt noch als Muslime angesehen werden können.


Hinduismus

Im Hinduismus entwickelte sich die Reinkarnationslehre (Sanskrit: punarbhava = beständiges Werden) erst nach dem Ende der vedischen Zeit und mit dem Aufkommen der Literatur der Upanishaden (ab 700 v.Chr.). Die klassische Ausformulierung der hinduistischen Reinkarnationslehre ist in der Bhagavadgita enthalten.


Nach hinduistischer Vorstellung eignet dem Menschen eine unsterbliche Seele (atman) (âtman), die nach dem Tode sich in einem neu in Erscheinung tretenden Wesen - wobei auch Tiere angenommen werden - wieder verkörpert. Die Qualität der Wiedergeburt oder Seelenwanderung ist abhängig von den in der/den Vorexistenz/en gewirkten Taten (Karma). »Wie einer handelt, wie einer wandelt, ein solcher wird er. Aus guter Handlung entsteht Gutes, aus schlechter Handlung entsteht Schlechtes«, lehren die Upanishaden. Karma (die Tat) ist verknüpft mit der Vorstellung an eine sittliche Weltordnung, wodurch alle moralisch relevanten Handlungen gemäß dem Prinzip von Ursache und Wirkung die Voraussetzung für die künftige Wiedergeburt darstellen. Ein jedes Wesen besteht aufgrund seines in früheren Daseinsformen angesammelten Tatenpotenzials, welches also das Gesamtergebnis einer jeden Existenz bewirkt. Folglich ist der Tod nicht der Abschluss des Lebens, sondern lediglich der Übergang zu einer neuen Daseinsform. Erhalten bleibt die durch den âtman (Seele) begründete ewige und unveränderliche Individualität, die sich in einer durch Wiedergeburt und also dem ständigen Wandel bestimmten Persönlichkeit aufs Neue manifestiert.


Das Ziel des frommen Hindu besteht darin, den ewigen und mit ständigen Leiderfahrungen verbundenen Kreislauf von Werden und Vergehen (samsara) zu überwinden. Da es die Werke (karma) sind, die die Wiederverkörperung bedingen, wird im Abstehen vom Handeln, in der Selbstentäußerung Askese und moralischen Vervollkommnung die grundlegende Voraussetzung für die Erlösung (moksha) und den damit verbundenen Austritt aus dem Geburtenkreislauf (samsâra) gesehen.


Buddhismus

Der im 6./5. Jahrhundert v. Chr. aus dem Hinduismus hervorgegangene Buddhismus teilt mit seiner Mutterreligion die Vorstellungen von Karma und Wiedergeburt. Dennoch bestehen zwischen den beiden Systemen grundlegende Unterschiede, vor allem hinsichtlich der Reinkarnationslehre. Diese ergeben sich aus der buddhistischen Ablehnung eines Gottesbegriffs und aus der Rückweisung eines seelischen Prinzips.


Im Buddhismus ist Karma die den Wesen innewohnende Fähigkeit zu gezieltem,absichtsvollem Handeln ("Die Absicht nenne ich Karma, ihr Mönche" Buddha). Auf individueller Ebene bedeutet Karma Tat, Handeln, Wirken, weshalb Karma immer auch das willentliche Tun des Menschen umfasst. Jede positive oder negative Erfahrung ist durch eine frühere positive oder negative Tat (als körperlicher, sprachlicher und gedanklicher Ausdruck) bedingt und führt ihrerseits wieder zu positiven oder negativen Auswirkungen, die keineswegs zufällig sind, aber auch keinem überseienden (göttlichen) Diktat (Fügung, Vergeltung usw.) unterliegen.


Vor allem in der Frage der Reinkarnation geht der Buddhismus grundlegend andere Wege als der Hinduismus. In Ablehnung einer individuellen Seele kennt der Buddhismus keinen Übergang einer seelischen Substanz von der einen auf die andere Existenz, keine Transmigration, keine Wanderung der Seele. Wiedergeburt wird verstanden als eine Kontinuität der Geistesprozesse, als Fortsetzung der beim Ableben eines Individuums noch nicht erloschenen mentalen Kräfte, die sich, dem Gesetz der Gravitation folgend, in einer neu in Erscheinung tretenden Existenz aufs Neue reaktualisieren. Die Ursache der Wiedergeburt liegt im Begehren nach Sinnesbefriedigung, im Trieb nach Sein und Verwirklichung. Wiederwerden ist also solange gegeben, als verursachende, nach Realisierung drängende Triebkräfte vorhanden sind. Da dieses Begehren der unstillbare Werdetrieb im Buddhismus gleichgesetzt wird mit Leiden, besteht das Ziel darin, diesen leidvollen Daseinskreislauf (samsâra) zu durchbrechen und aufzuheben. Erreicht ist der Zustand des Nirvana, das Ende allen Leidens und der Abschluss der Wiedergeburten.


Esoterik und New Age

In der Esoterik und im New Age wird das Konzept der Reinkarnation von den meisten Richtungen vertreten, wenn auch nicht immer mit identischen Details.


In der Theosophie wurde zuerst von Helena Petrovna Blavatsky die Reinkarnation der östlichen Religionen mit dem Konzept der Evolution kombiniert - die Einzelseele entwickelt sich von Leben zu Leben weiter und steigt zu immer höheren Seinszuständen auf, wobei es, im Gegensatz zum Hinduismus und Buddhismus, keine Rückschritte sondern höchstens Stillstand gibt. Ebenfalls im Gegensatz zu den traditionellen östlichen Religionen ist das Ziel der Weiterentwicklung gewöhnlich eine Vervollkommnung des Individuums, das ein Individuum bleibt und nicht im Brahma oder Nirwana aufgeht.


Dieses Konzept wurde, mit leichten Abwandlungen, von den meisten neueren Richtungen der Esoterik übernommen, z.B. von Anthroposophie, Rosenkreuzern Eckankar und New Age ebenso wie von einigen (nicht allen) Vertretern von Wicca und Okkultismus.


In Deutschland war es vor allem Thorwald Dethlefsen, der die Idee der Wiedergeburt populär machte. Er entwickelte die Münchner Schule der Reinkarnationstherapie.


In manchen totalitär ausgerichteten Gruppen wie dem Universellen Leben oder Scientology wird ebenfalls Reinkarnation gelehrt, aber geistlicher Aufstieg zu höheren Seinszuständen ist nur innerhalb der spezifischen Gruppe möglich und außerhalb droht eine Hölle des ewigen Abstiegs.


Reinkarnationsforschung

Die berühmtesten Vertreter der Reinkarnationstheorie waren, wie bereits eingangs erwähnt, Pythagoras (um 600 v.Chr.), Empedokles (5. Jh. v.Chr.) und Platon (5. Jh. v.Chr.). Heute gilt die Reinkarnationsforschung als Parawissenschaft.


In den vergangenen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts untersuchte Prof. Ian Stevenson [1] (University of Virginia) etwa 1.000 Fälle von Kindern, die angaben, sich an frühere Inkarnationen zu erinnern. Er glaubt, in der Mehrzahl der Fälle das Phänomen als zutreffend belegt zu haben. Seine Untersuchungen finden bei Reinkarnationsforschern besondere Beachtung, weil man Kindern nicht vorwerfen kann, dass sie sich das Wissen für ihre "Spinnerei" vor der Untersuchung des Falles aus historischen Quellen beschafft haben könnten.


In ihren exakten Details konnten Reinkarnationserinnerungen von historischer Seite nicht verifiziert werden. Versuchspersonen, die etwa unter Hypnose angaben, in einem früheren Jahrhundert als Soldat gelebt zu haben, waren nicht in der Lage, zu konkreten Ereignissen zum lokalen Kriegsgeschehen exakt und in Übereinstimmung mit den (unabhängig von ihnen) historisch ermittelten Daten Stellung zu beziehen. Im Gegenteil: Ihre Angaben zu den verwendeten historischen Waffen oder zu Bränden bestimmter Gebäude waren entweder zu ungenau oder sie widersprachen völlig den historisch dokumentierten Tatsachen.


Dies soll, nach Ansicht der Reinkarnationsforscher, vor allem auf den Effekt zurückzuführen sein, dass mentale Details i. d. R. nicht mit zur Seelenerfahrung zählen, sondern beim physischen Tod abgelegt werden. Nur die wichtigsten Erinnerungen sollen "mitgenommen" werden und die schemenhafen und zum Teil sehr vagen Erinnerungen seien zumeist nicht geeignet, um einer derartigen Untersuchung stand zu halten. Dies könnte ein Grund dafür sein, dass diese Art der Befragung vor allem von Kritikern bevorzugt wird. Die Tatsache, dass bei Erwachsenen nicht verifizierbar ist, ob sie sich vielleicht selbst Auskünfte über die entsprechende Zeitspanne vor der Hypnose eingeholt haben, erschwert die Bewertung dieser Untersuchungen zusätzlich.


Aufgrund der hohen Anzahl untersuchter Fälle mit entsprechend hoher Validität sowie des Verzichts auf kriminologische Befragungstechniken, genießen die Untersuchungen Professor Stevensons bei einigen Fachleuten Anerkennung.


Skeptische Autoren wie Paul Edwards haben viele der von Stevenson und anderen angeführten Fälle analysiert. Sie behaupten, dass genauere Untersuchungen der betroffenen Individuen genügend Anhaltspunkte dafür liefern, um die These, dass es sich um glaubwürdige Beispiele von Reinkarnation handelt, zu schwächen.


Kritiker, die behaupten, dass Reinkarnation unmöglich ist, vertreten oft die alternative Theorie, dass eine große Zahl mentaler Phänomene wie etwa Erinnerung und besondere geistige Fähigkeiten schon durch normale, im menschlichen Gehirn ablaufende physiologische Prozesse erklärbar sind. Außerdem können sie auf moralische und praktische Inkonsistenzen in den verschiedenen Reinkarnationstheorien verweisen. Aus materialistischem Blickwinkel scheint das Ockhamsche Rasiermesser eine kritische Sicht zu verlangen, denn diese benötigt keine außerordentlichen neuen Annahmen über das hinaus, was in den Wissenschaften schon bekannt ist.


Bei noch skeptischerer Sichtweise kann die Reinkarnationstheorie nicht einmal als eine wissenschaftliche Theorie mit empirischem Gehalt betrachtet werden, solange es (unabhängig vom gegenwärtigen Stand der Wissenschaft) keinen allgemein anerkannten, wissenschaftlich fundierten, zweifelsfreien Beleg dafür gibt, dass es Reinkarnation tatsächlich gibt. Einige Skeptiker erklären das umfangreiche Material, das als Beweis für die Reinkarnation angeführt wird, als Ergebnis selektiven Denkens und psychologischer Mechanismen, die zu falschen Erinnerungen führen, die oft das kombinierte Resultat eigener Glaubensüberzeugungen und Grundängste seien; es könne daher nicht als empirische Evidenz akzeptiert werden.


Anders ausgedrückt; nach Johann Clauberg (1622-1665 der Begründer wissenschaftlicher Sparsamkeitsargumentation "Rasiermesseransatz") sind die Berichte von Menschen zur Reinkarnation aus naturwissenschaftlicher Sicht das Produkt kranker Menschen, deren Gehirn unter Wahnvorstellungen leidet.


In diesem Zusammenhang sei auf den vorgelagerten Diskurs zum Thema Nahtodeserlebnis (engl. near-death experience, NDE) und der damit im engen Zusammenhang stehenden Außerkörperlichen Erfahrung (AKE; engl. Out-of-the-body experience, abgekürzt OBE) verwiesen.


Unabhängig von einer wachsenden Auseinandersetzung mit dem Thema wird in westlichen wissenschaftlichen Kreisen das Phänomen jedoch noch immer belächelt, und Forscher, die sich damit befassen, müssen mit der Streichung ihrer Forschungsetats rechnen. Dies erklärt sicher die Zurückhaltung mancher Menschen, darüber zu berichten, sowie die geringe Bereitschaft auf universitärer Ebene, an der wissenschaftlichen Forschung mitzuarbeiten.


Merkmale der wissenschaftlichen Reinkarnations- und OBE-Forschung


  • Der größte Teil der Ergebnisse stammt von Universitäten
  • Material und Methoden sind offengelegt
  • Wissenschaftliche Diskussionen in Fachpublikationen
  • Replikationen (Versuchswiederholungen) mit vergleichbaren Ergebnissen sind von 4 Universitätsinstituten bekannt
  • Die Menge der Daten/Fälle ist inzwischen so groß, dass das Phänomen bei Anhängern der Reinkarnationstheorie als gesichert gilt.
  • Die Arbeit ist unabhängig von Kirchen / Religionen
  • Die Sorgfalt in der Untersuchungstechnik wird von den meisten Kritikern anerkannt. Streitpunkt ist die Interpretation der Daten.
  • Keine kommerziellen Interessen


Literatur

Perry Schmidt-Leukel (Hrsg.): Die Idee der Reinkarnation in Ost und West. Mit Beiträgen zahlreicher Wissenschaftler. München : Diederichs, 1996

Helmut Zander: Geschichte der Seelenwanderung in Europa. Alternative religiöse Traditionen von der Antike bis heute. Darmstadt: Primus Verlag 1999


Weblinks



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