Das Wort "Pietismus" ist eine lateinisch-französisch-griechische Hybridbildung. Zum französischen Wort "piété", das seinerseits aus dem Akkusativ "pietatem" des lateinischen Wortes "pietas" ("Pflichtgefühl") gebildet ist, tritt die Latinisierung der griechischen Endung "-ismós" für intensivierte Denkhaltungen oder übersteigerte Ideologien. Ursprünglich diente das Wort als spöttische Bezeichnung für "Frömmelei". Als positive Selbstbezeichnung bedeutet es das Streben nach intensivierter, vertiefter Frömmigkeit.
Eigenart
Der Pietismus ist eine Bibelbewegung, Laienbewegung und Heiligungsbewegung. Er betont die subjektive Seite des Glaubens, entwickelte aber auch einen starken missionarischen und sozialen Grundzug. In der pietistischen Praxis haben Hauskreise mit gemeinsamem Bibelstudium und Gebet oft größere Bedeutung als Gottesdienste.
Der Pietismus hat das Priestertum aller Gläubigen betont und deshalb neben Theologen auch Laien ohne akademische Bildung, vorrangig Männer, zum Predigtamt geführt: als Redner, "redende Brüder", in den Hauskreisen ("Stunden", das heißt Erbauungsstunden / Bibelbesprechstunden). Zinzendorf hat gesagt:
"Gesegnet sei die Gnadenzeit,
In der auch ungeübte Knaben
Befehl und Macht erhalten haben
Zu werben für die Seligkeit."
Strömungen
"Pietismus" ist eine Sammelbezeichnung für viele unterschiedliche Strömungen. Neben dem lutherischen Pietismus, als dessen "Vater" der ElsässerPhilipp Jacob Spener (1635-1705) gilt, entwickelte sich der reformierte Pietismus, zu dessen Vertretern Theodor Undereyck und Gerhard Tersteegen gehören. Als Programmschrift des lutherischen Pietismus gilt Speners 1675 erschienenes Werk Pia desideria (Fromme Wünsche), in denen er für eine persönliche Frömmigkeit eintrat. Als neue Form der Zusammenkünfte entwickelten sich die Privatversammlungen (Konventikel, Versammlungen, in Württemberg "Stunden"), in denen man die Predigt des Pfarrers noch einmal besprach, christliche Erbauungsbücher las, betete und sang. Aber Spener forderte auch eine Reform der Theologenausbildung.
Mit der Verwirklichung dieser Forderungen wies der Pietismus den Gläubigen eine eigenständige religiöse Autorität zu. Zudem förderte er die Individualisierung der Persönlichkeit, indem er die persönliche Glaubensüberzeugung in den Mittelpunkt rückte. Auch die Lesefähigkeit wurde durch das Lesen und Hören der oftmals nicht einfachen Texte aus den Erbauungsbüchern stimuliert.
Sowohl beim lutherischen als auch beim reformierten Pietismus ist jeweils eine kirchliche und eine kirchenkritische Strömung (Radikaler Pietismus) zu unterscheiden.
Lutherischer Pietismus
Der lutherische Pietismus des Barock im 17. Jahrhundert und 18. Jahrhundert war eine Reaktion auf Erstarrungserscheinungen innerhalb der orthodoxenlutherischen Kirche; der Pietismus konnte allerdings auch an Erneuerungsbestrebungen innerhalb dieser Institution anknüpfen, wie sie zum Beispiel bei Johann Gerhard sichtbar werden.
Zentren
Als besonders pietistisch geprägt gilt neben Westfalen das Gebiet des einstigen Herzogtums Württemberg, wo es heute noch eine starke pietistische Strömung gibt (repräsentiert im Gesprächskreis "Lebendige Gemeinde" innerhalb der Württembergischen Landessynode) (vergleiche Pietismus, Württembergischer). Allerdings ist der Einfluss des Pietismus gerade in diesem Land häufig überschätzt worden, weil man allgemeine Verhaltensweisen ungeprüft pietistischen Einflüssen zuschrieb. Im frühen 19. Jahrhundert kam es zur Gründung der beiden pietistischen Gemeinden Korntal (1819) und Wilhelmsdorf (Württemberg) (1824), die mit religiösen Sonderrechten ausgestattet wurden.
Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung des Pietismus für die deutsche Literatur in der Epoche der Aufklärung. Pietisten waren gehalten, ihr Inneres genau zu beobachten und ein etwaiges Erweckungserlebnis im Kreise der pietistischen Brüder und Schwestern zu berichten. Dies führte zu einem sensibleren Umgang mit seelischen Entwicklungen, durch den auch in der Literatur das Innenleben der Helden größere Bedeutung gewann. Ein Beispiel für das Zusammenspiel von Pietismus, Psychologie und Literatur ist Karl Philipp Moritz' Roman Anton Reiser. Goethes Wilhelm Meister diskutiert im 6. Buch der Lehrjahre ("Die Bekenntnisse einer schönen Seele") unter anderem den Pietismus Zinzendorfs und der Herrnhuter, der ihn in seiner Jugend stark beeinflusst hatte.
Kritik am Pietismus
An Kritik an pietistischen Lehrinhalten und pietistischer Frömmigkeitspraxis hat es zu keiner Zeit seit seiner Entstehung gemangelt.
Vor allem aus Kreisen der so genannten Dialektischen Theologie wurde eine fruchtbare Auseinandersetzung mit Grundproblemen des Pietismus geboten.
So hat der Berliner Privatdozent und Pfarrer Dietrich Bonhoeffer den Pietismus als letzten Versuch bezeichnet, den christlichen Glauben als Religion zu erhalten.
Bei der negativen Beurteilung der Religion - er wurde gleichsam als Gegenbegriff zur Offenbarung Gottes angesehen - wiegt diese Kritik schwer.
Weiter verwarf Bonhoeffer gerade als biblisch-reformatorischer Theologe das Grundanliegen des Pietismus, beim Menschen eine 'erwünschte Frömmigkeit' erwirken zu wollen.
Spannungen
Heute grenzen sich manche Kirchen und Gruppen in pietistischer Tradition oft speziell von Charismatischen Kirchen und Gruppen ab.
Die heutigen Pietisten werden zu den Evangelikalen gerechnet.
Freikirchen und Gruppen in pietistischer Tradition
Geschichte des Pietismus. 4 Bände. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1993-2003. (Standardwerk)
Reinhard Breymayer: Pietismus. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Herausgegeben von Gert Ueding, Bd. 6. Tübingen: Niemeyer 2003, Sp. 1191-1214. (Verhältnis Pietismus-Redekunst (Rhetorik))
Eberhard Fritz: Radikaler Pietismus in Württemberg. Religiöse Ideale im Konflikt mit gesellschaftlichen Realitäten (Quellen und Forschungen zur württembergischen Kirchengeschichte 18). Tübingen 2003. (Über den radikalen Pietismus in Württemberg)
Pietismus und Neuzeit. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. (Mit der aktuellen Pietismus-Bibliographie, hg. von Udo Sträter)
Eberhard Busch: Karl Barth und die Pietisten. Die Pietismuskritik des jüngeren Barth und ihre Erwiderung, München 1978. (Zur Auseinandersetzung von Karl Barth mit dem Pietismus)
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