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Philosophische Anthropologie

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Die philosophische Anthropologie (griech. anthropos: Mensch) ist die (philosophische) Lehre vom Menschen. In einem gewissen Sinn wird der Mensch als unhistorisch, d.h. seinem Wesen nach ewig gleichbleibende Erscheinung aufgefasst. Die (philosophische) Anthropologie ist die Wissenschaft, die das Wesen des Menschen philosophisch erfasst, also ein philosophisches Menschenbild entwirft.


Die philosophische Anthropologie reflektiert auf den Menschen schlechthin, auf das vorgegebene Ewige in ihm und an ihm. Sie sieht vom konkreten Menschen ab und zielt auf die Abstraktion. Die philosophische Anthropologie betrachtet den Menschen i.a. vom Boden metaphysischer Grundgewissheiten. Dabei werden jedoch naturwissenschaftliche, soziologische sowie alle weiteren relavanten einzelwissenschaftlichen Erkenntnisss beachtet und - wo sinnvoll - integriert.


Inhaltsverzeichnis


1 Klassische Auffassung des Menschen

  2 Erste Vorläufer der modernen und postmodernen phil. Anthropologie

  3 Max Scheler: Begründer der neueren phil. Anthropologie

  3.1 Zu den Einzelheiten der Programmatik bei Max Scheler

4 Literatur

5 Weblinks


Klassische Auffassung des Menschen

Die klassische Auffassung des Menschen sieht diesen aus Leib und Seele bzw. Geist konstituiert. Durch seine geiste Seele, die auch Geist-Seele genannt wird, unterscheidet er sich unüberbrückbar vom Tier, mit seiner lediglich sensitiven und erst recht von der Pflanze mit ihrer vegetativen Seele.


Erste Vorläufer der modernen und postmodernen phil. Anthropologie

Als unmittelbare Vorläufer der modernen und postmodernen phil. Anthropologie werden u.a. Kierkegaard und Friedrich Nietzsche angesehen. Die Vorstufe ihrer Entwicklung erreicht sie in der Lebensphilosophie vor dem Ersten Weltkrieg, aus deren Problemkreisen sie als selbständige philosophische Disziplin zwischen den beiden Weltkriegen hervorwächst, um dann nach dem Zweiten Weltkrieg allgemeinen Eingang in die Philosphie zu gewinnen.


Max Scheler: Begründer der neueren phil. Anthropologie

Der eigentliche Einsatz der neueren philosophischen Anthropologie wird auf Max Scheler zurückgeführt. Seine Schriften gelten als Programmatik:


  • Zur Idee des Menschen, 1915
  • Vom Umsturz der Werte, 1915
  • Vom Ewigen des Menschen, 1923
  • Die Stellung des Menschen im Kosmos, 1928


Und als quasi Leitsatz schreibt er 1915:


In einem gewissen Verstande lassen sich alle zentralen Probleme der Philosophie auf die Frage zurückführen, was der Mensch sei und welche metaphysische Stelle und Lage er innerhalb des Seins, der Welt und Gott einnehme.

Zu den Einzelheiten der Programmatik bei Max Scheler

Scheler entwickelte bereits während des Ersten Weltkrieges programmatisch die Grundzüge der philosphischen Anthropologie, die ihre späteren Ausgestaltungen in der einen oder anderen Form hier ihren Ursprung besitzen. Sie beinhalten hauptsächlich folgende Thesen:


  • Die von Aristoteles überlieferte und von der klassischen Philosophie vertretene humanistische Auffassung des Menschen als eines vernünftigen Lebewesens, als eines animal rationale wird abgelehnt.
  • Mit der Tradition des Humanismus, vor allem mit seinem diesseitigen Menschenbild, ist zu brechen.
  • Die Entwicklungslehre (d.h. die Lehre von der Evolution), jeder Entwicklungsgedanke überhaupt im Hinblick auf den Menschen ist zu verwerfen. Die Lehre von Charles Darwin ist ein Irrtum, bestenfalls eine unbewiesene Hypothese. Es führt "kein noch so enger Steg und Weg vom 'homo naturalis' und seiner hypothetisch konstruierten Vorgeschichte zum 'Menchen' der Geschichte", (in: Scheler, Vom Umsturz I,275).
  • Der Mensch ist kein Produkt der natürlichen Entwicklung, schon gar nicht das höchste Entwicklungsprodukt der Tierreihe. Deshalb gibt es in bezug auf das eigentliche Wesen des Menschen weder eine biologische noch eine soziale Problematik.
  • Als biologische Erscheinung, als Lebewesen sei der Mensch ein "erblich krankes Tier", das sich "in einer Sackgasse verlaufen" hat, ein "Übergang", ein "faux pas", im Grunde eine bloße Verlegenheit der Natur. Insofern ist diese Annäherung an den Menschen von der Natur aus abzulehnen.
  • Der Versuch einer natürlichen Erklärung des Menschen führt immer wieder zur Wiederholung des großen Irrtums der europäischen Geistesgeschichte: zum Humanismus.
  • Das wahre Wesen des Menschen liegt jenseits seiner biologischen und sozialen, auch vernünftigen Funktionen: der Verstand ist biologisch gesehen eine Krankheit.
  • Das wahre Wesen des Menschen sei seine geistige Personalität, ist, geistige Person zu sein, die darin gründet, dass der Mensch transzendiert, ja selbst eine Gestalt der Transzendenz ist. Als geistige Person ist der Mensch nicht "Teil der Welt", der objektiven Realität, sondern der idealen Wirklichkeit.
  • Um sich als geistige Person zu konstituieren, muss er die Wirklichkeit "entwirklichen", von dem, was "ist" abstrahieren, es als nicht existierend denken.


Mit anderen Worten: Der Mensch ein Wesen, "das Gott sucht", ein "Gottsuchender" und als solcher "das lebendige x". Insofern ist Gott, so dekrediert Scheler gegen die wissenschaftliche, auf Ludwig Feuerbach zurückgehende Religionskritik, keine anthromorphe Erfindung, sondern umgekehrt: der Mensch ist theomorph.


  • Der Mensch ist als "das lebendige x, das Gott sucht", der Mensch als "Gottsucher" - in dieser armseligen Auslassung, das letztlich nur auf eine transzendente Bestimmung reduziert, besteht die Antwort Schelers auf die Frage nach dem Wesen des Menschen.


Das von Scheler entwickelte Menschenbild wird zum Menschenbild der philosophischen Anthropologie. Mögen die Unterschiede zwischen den einzelnen Ausgestaltungen noch so groß sein, in ihren wesentlichen Thesen gehen sie mit ihm konform. So bestimmt Arnold Gehlen als "Mängelwesen", und Karl Jaspers gesteht, dass die Existenzphilosophie verloren wäre, "wenn sie wieder zu wissen glaubte, was der Mensch ist". Die Schlussfolgerungen der anderen Vertreter der philosophischen Anthropologie gehen annähernd in die gleiche Richtung.


Zu nennen sind u.a.: Ludwig Binswanger, Otto Friedrich Bollnow, Bernhard Groethuysen, Romano Guardini, Hans-Eduard Hengstenberg, Michael Landmann, Siegfried Landsahut, Gabriel Marcel, Helmuth Plessner, Erich Rothacker, auch Martin Heidegger und Jean Paul Sartre.


Da die philosophische Anthropologie als Problem- und Fragestellung der Mehrzahl der Richtungen der gegenwärtigen Philosphie immanent ist, würde eine Aufzählung aller ihrer Vertreter gleichsam mit einer Aufzählung der repräsentativen Vertreter dieser Philosophie identisch werden. Besonderns gepflegt wird diese Disziplin innerhalb des Existenzialismus und teilweise auch im Neuthomismus.


Der gesamten philosophischen Anthropologie ist als Grundzug die Abkehr von der humanistischen Menschenauffassung der klassischen Philosophie eigen. Eine ahumane und apologetische Tendenz durchzieht diese Disziplin von ihren Anfängen bis zu ihren gegenwärtigen Ausgestaltungen. Scheler schrieb dereinst:


"Wer sehe nicht, daß hinter der scheinbar so harmlosen Gleichheitsforderung stets und immer, um welche Gleichheit es sich auch handle - nur der Wunsch auf die Erniedrigung der Höherstehenden, Mehrwertbesitzenden auf das Niveau der Niedrigstehenden verbirgt" (in: Umsturz 193).

Und Alexis Carrel fragt bezeichnend in seiner Schrift Der Mensch, das unbekannte Wesen, "ob die starke Abnahme der Sterblichkeit im kindlichen und judendlichen Alter nicht ihre unerwünschten Seiten hat...Mit all ihrer großzügigen Arbeit zum Besten des Menschengeschlechts erreichen die Ärzte und Erzieher doch niemals ihr Ziel, denn sie haben schamatische Vosretllungen, die nur einen Teil der Wirklichkeit umfassen".


Damit wird deutlich, wie sehr sich diese Auffassungen vom Menschen von der klassischen Periode der Philosophie entfernt haben. Aristoteles bestimmte den Menschen als "zoon politikon". Wie weit die altgriechische Philosophie überhaupt zu einer Bestimmung des Menschen vorgestoßen war, unterstreicht der Streit zwischen Anaxagoras und Aristoteles darüber, ob der Mensch Hände habe, weil er ein vernünftiges Wesen sei, oder ob er ein vernünftiges Wesen sei, weil er Hände habe.


Die Auffassung vom Menschen der altgriechischen Philosophie als eines vernünftigen Lebewesens wird zum humanistischen Gemeingut der klassischen Philosophie von der Renaissance über die Aufklärung bis zur klassischen deutschen Philosophie und ihrem Ausgang in Ludwig Feuerbach. Sie findet u.a. Ausdruck in den Fragen von Immanuel Kant: "Was kann ich wissen?, Was soll ich tun?, Was darf ich hoffen?", die nur dazu angetan sind beizutragen, "die Rechte der Menschheit herzustellen".


Sie ist die Voraussetzung der Warnung Hegels, das Individuum als ein Einzelnes ohne Beziehung auf das Ganze, d.i. die Gesellschaft, zu nehmen. Denn das Einzelne "bedarf._.. noch anderer Wirklichkeiten, die gleichfalls als besonders für sich bestehende erscheinen; in ihnen zusammen und in ihrer Beziehung ist allein der Begriff realisiert."


Das Einzelne für sich entspricht seinem Begriffe nicht; diese Einschränkung seines Daseins macht seine Endlichkeit und seinen Untergang aus" (in: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, § 213). Sie findet nicht zuletzt ihren Niederschlag in der Anschauung des französischen Materialismus im 18. Jahrhundert, dass das soziale Milieu wesentlich das Dasein des Menschen bestimmt.


Literatur

  • Eraßme, Rolf: Der Mensch und die "Künstliche Intelligenz" - Eine Profilierung und kritische Bewertung der unterschiedlichen Grundauffassungen vom Standpunkt des gemäßigten Realismus. philosophische Dissertation an der RWTH Aachen (elektronisch veröffentlicht, siehe Weblinks), Aachen 2002
  • Krafczyk, Andreas: Naturphilosophische Erwägungen im Vorfeld einer theoretischen Anthropologie, Kritische Einschätzung der Tragfähigkeit und Konsequenzen neodarwinistischer Erklärungsmuster zur Evolution unter besonderer Berücksichtigung der Thesen Bruno Vollmerts. Würzburg 2002
  • Pieper, Josef: Wahrheit der Dinge, Eine Untersuchung zur Anthropologie des Hochmittelalters. München 1947
  • Zwischen Natur und Kultur, Der Mensch - Anthropologie heute, 3 Bände, Trias Verlag


Weblinks

Siehe auch:

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