Der Phönomenalismus (lat. phaenomenon : (Luft)erscheinung) bezeichnet erkenntnistheoretische Lehren, die die menschliche Erkenntnis auf das unmittelbar sinnlich Gegebene (die Welt der Erscheinungen bzw. der Phänomene) einschränken, wobei entweder ein Wesen dieses sinnlich Gegebene negiert oder voraussetzt, jedoch für unerkennbar erklärt wird.
Der Phänomenalismus zeichnet sich durch eine außerordentliche Variationsbreite der erkenntnistheoretischen Standpunkte aus. Die Positionen der Vertreter reichen vom subjektiven Idealismus wie Berkeleys, Humes u.a. (als extremer Phänomenalismus) bis zum Sensualismus, Agnostizismus und gemäßigten Positivismus (als gemäßigter Phänomenalismus). Einige gemäßigte Strömungen erkennen die Existenz einer vom menschlichen Bewusstsein unabhängigen "Seinssphäre" zunächst an, reduzieren sie jedoch im allgemeinen auf die Gesamtheit des sinnlich Wahrnehmbaren, letztlich auf die Gesamtheit der Sinnesdaten; sie betrachten die realen Dinge, Prozesse u.a. nur als logische Konstruktionen aus diesen Sinnesdaten und kehren damit zum Standpunkt des erkenntnistheoretischen subjektiven Idealismus zurück.
Zur Charakterisierung des Phänomenalismus im Neukantianismus
In der vom Neupositivismus entwickelten verbalen Variante lautet die These der Vertreter des Phänomenalismus:
Alle Aussagen über Dinge, Prozesse u.a. sind auf Aussagen über Sinnesdaten zurückführbar
Theoretisch begründet wurde der gemäßigte Phänomenalismus durch Kants Lehre vom Ding an sich. Im Neukantianismus werden die Bestrebungen hervorgehoben, das Ding an sich zu elliminieren und die Welt der Erfahrungsgegenstände subjektiv-idealistisch umzudeuten; so ist nach Otto Liebmann die Außenwelt nur ein "Phänomen innerhalb unserer wahrnehmenden Intelligenz und daher den Gesetzen derselben unterworfen"(in: Zur Analyse der Wirklichkeit, 1876). Die Marburger Schule (z.B. Hermann Cohen, Paul Natorp u.a.), die auf rein begrifflichem bzw. mathematischem Wege zur philosophischen Erkenntnis kommen will, betrachtet die Außenwelt als "Gewebe logischer Relationen", die nicht gegeben sind, sondern durch das Bewusstsein gesetzt werden.
Zur Charakterisierung des Phänomenalismus im Positivismus
Eine Vielfalt pahönomenalistischer Lehren hat der Positivismus hervorgebracht. Schon Auguste Comte forderte, vom Gegebenen, Tatsächlichen, "Positiven", d.h. von den Erscheinungen auszugehen und die Frage nach dem Wesen aus der Philosophie zu verbannen. John Stuart Mill schränkt die Aufgaben der Wissenschaft auf die Erforschung der Bewusstseinstatsachen (Erfahrungen und deren Verbindungen) ein. Herbert Spencer sieht die Hauptaufgabe der Wissenschaft in der Ordnung und Systematisierung der Erscheinungen.
Zum Phänomenalismus bei Wittgenstein
Von der logischen Sprachanalyse ausgehend, kommt Ludwig Wittgenstein zu der Auffassung, dass die Wirklichkeit aus atomaren, voneinander isolierten Einzeltatsachen bestehe, deren Struktur in entsprechenden Elementarsätzen wiedergegeben werde. Die Welt sei die Gesamtheit der atomaren Tatsachen. Alles, was sich über die Welt sagen lässt, werde durch deskriptive Aussagen gesagt. Die Gesamtheit der deskriptiven Aussagen sei die Naturwissenschaft. Neben den Sätzen der Naturwissenschaft seien keine sinnvollen Aussagen, insbesondere keine philosophischen Aussagen möglich.
Zur Reduktion der Erkenntnis auf Feststellung von Ähnlichkeiten und Beschreibungen
In seiner Spätphilosophie vertritt Wittgenstein die Ansicht, dass die auf Wesenserkenntnis gerichtete Bildung logischer Klassen bzw. entsprechenden Begriffe der realen Grundlage entbehre, da zwischen den Individuen einer betrachteten Gesamtheit zwar Ähnlichkeiten ("Familienähnlichkeiten"; siehe auch Operationalismus), aber keine echten Übereinstimmungen, d.h. keine Invarianzen beobachtbar seien. Da es kein erkennbares Wesen gibt, "da alles offen daliegt, ist auch nichts zu erklären"(in: Philosophische Untersuchungen, 1953): "Alle Erklärung muß fort und nur Beschreibung an ihre Stelle treten". Die Aufgabe der Philosophie besteht nach ihm nicht darin, zu verallgemeinern, nach allgemeinen Zusammenhängen zu suchen oder über die Bedeutung von Wörtern nachzudenken.
Zum Arbeitsprgramm des Wiener Kreises auf phänomenalistischer Basis
Die Bedeutung der Wörter zeige sich nach ihrem Gebrauch. Der Philosoph soll den Gebrauch der Wörter beschreiben; auch in dieser Hinsicht ist seine Aufgabe "in Wirklichkeit rein deskriptiv". Die in Wittgensteins "Tractatus Logico-Philosophicus" angebahnte Reduktion der wissenschaftlichen Aussagen auf deskriptive Aussagen, der Wesenserkenntnis auf phänomenalistische Erkenntnisse von Erscheinungen, wird von den logischen Positivisten des Wiener Kreises (z.B. Rudolf Carnap, Moritz Schlick, Otto Neurath u.a.) weitergeführt. Arbeitsprogramm des Wiener Kreises war zunächst die Rückführung der einzelwissenschaftlichen Aussagen auf Aussagen über Sinnesdaten, später die Reduktion der einzelwissenschaftlichen Begriffe auf Begriffe der physikalischen Einheitssprache bzw. die Übersetzung der einzelwissenschaftliche Aussagen in diese Sprache mit dem Ziel einer physikalischen Einheitswissenschaft, die nur verifizierbare Aussagen (siehe Verifikation) über beobachtbare physikalische Tatbestände bzw. Vorgänge enthalten sollte.
Der Phänomenalismus in der spezifischen Form des Physikalismus
Der Phänomenalismus tritt hier in der spezifischen Form einer Reduktion des Theoretischen auf Empirisches (siehe Empirisches und Theoretisches) und Identifizierung des Empirischen mit dem Sinnlichen (siehe Sinnliches und Rationales) bzw. einer Reduktion beliebiger qualitativer Bestimmungen auf quantitative Bestimmungen (siehe Physikalismus) in Erscheinung.
Zur Entwicklung der Widersprüche bei Reduktion der Erkenntnis auf Beobachtbares
Während ältere Richtungen des Phänomenalismus die Welt der Erscheinungen, also die "wirkliche" Welt, mit der Welt des Beobachtbaren bzw. des sinnlich Gegebenen identifizierten, nichtbeobachtbare Gegebenheiten als bloße Fiktionen bzw. Gedankenschöpfungen bezeichneten und damit zwangsläufig in eklatante Widersprüche beispielsweise zur Atom- und Quantenphysik gerieten (der Positivist Ernst Mach hielt selbst dann noch an der Negierung der Realität des Atoms fest, als der radioaktive Zerfall und das Elektron entdeckt waren und bereits wesentliche theoretische Beiträge zur Ausarbeitung der wissenschaftlichen Atomtherie vorlagen), erkennen neuere Richtungen unter dem Druck der realen Wissenschaftsentwicklung auch die Existenz nichtbeobachtbarer Gegebenheiten an.
Hans Reichenbach erweitert zunächst den Begriff des Phänomens, indem er Koinzendzen, die aus makroskopischen Daten erschließbar sind (Zusammenstöße zwischen Elektronen usw.), mit unter diesen Begriff subsumiert. Ereignisse, die sich zwischen den Koinzidenzen abspielen (z.B. die Bewegung eines Elektrons vom Ausgangspunkt bis zum Anprall an ein anderes Elementarteilchen), werden Interphänomene genannt. Das Problem der Verifikation von Aussagen über nichtbeobachtbare Phänomene bzw. Interphänomene versucht Reichenbach durch den Aufbau einer dreiwertigen Logik mit den Wahrheitswerten "wahr", "falsch" und "unbestimmt" zu lösen. Aussagen über Nichtbeobachtbares sind zwar sinnvoll, jedoch weder wahr noch falsch, sondern unbestimmt. Die Regeln der dreiwertigen Logik ermöglichen es, Aussagen über Nichtbeobachtbares mit Aussagen über Beobachtbares zu verknüpfen.
Nach Carl Gustav Hempel ist es nicht erforderlich, alle Begriffe einer empirischen Theorie durch Definitionsketten auf beobachtbare Eigenschaften zurückzuführen. Aussagen, in denen komplexe Begriffe wie "Gravitationspotential", "Schrödingersche
ψ-Funktion" u.a. vorkommen, erhalten ihren Sinn durch den Zusammenhang mit unmittelbar verifizierbaren Aussagen, also auf indirektem Wege. Eine weitere Abschwächung des ursprünglichen phänomenalistischen Standpunktes ist auch in dem Bestreben zu sehen, die Klasse der Aussagen über die phänomenale Welt durch Einbeziehung irrealer Konditionalsätze (z.B. "Wenn sich zum Zeitpunkt t ein Beobachter am Ort p befände und in die und die Richtung blickte, dann hätte er die und die Sinneseindrücke") zu erweitern, wobei aber das Problem des Wahrheitskriteriums für solche Sätze noch weitgehend ungeklärt ist.
Zur kritischen Bilanzierung der Wirkungen des Phänomenalismus
Gemeinsam ist allen phönomenalistischen Lehren die Reduktion der menschlichen Erkenntnisfähigkeit auf eine Erkenntnis der Erscheinungen bzw. Sinnesdaten. Eine solche, lediglich registrierende und beschreibende Erkenntnispraxis ist jedoch weder in der Lage, in die Dialektik von Einzelnem und Allgemeinem, Zufälligem und Notwendigem u.a. der objektiven Realität noch in den Erkenntnisprozess selbst einzudringen. Sie erweist sich als nicht geeignet, die Struktur- und Entwicklungsgesetze der Realität, des Denkens und der Wissenschaft als System zu erfassen.
Phänomenalistischer Erkenntnis kommt eine bestimmte Bedeutung im Frühstadium jeder empirischen Wissenschaft (d.h. Sammeln, Registrieren und Beschreiben von Daten) sowie in jedem Erkenntnisakt überhaupt zu, sie stagniert und verharrt jedoch in diesem Stadium, wenn sie nicht durch Wesenserkenntnis erweitert und vertieft wird.
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