Die Universitätsstadt Marburg ist die Kreisstadt des Landkreises Marburg-Biedenkopf in Hessen. Sie hat als größere Mittelstadt (wie noch 6 andere Mittelstädte in Hessen) einen Sonderstatus (Sonderstatusstadt) im Vergleich zu den anderen kreisangehörigen Gemeinden, das heißt sie übernimmt Aufgaben des Landkreises, so dass sie in vielen Dingen einer kreisfreien Stadt gleicht.
Die Philipps-Universität Marburg ist die älteste noch existierende protestantisch gegründete Universität und prägt auch heute noch das Stadtbild. Das Stadtgebiet erstreckt sich beidseits der Lahn westlich ins Gladenbacher Bergland hinein und östlich über die Lahnberge hinweg bis an den Rand des Amöneburger Beckens.
1933 letzte freie Reichstagswahl: die NSDAP errang 57,6% der Stimmen (Reichsdurchschnitt 43,9%)
1945 wurde der Leichnam des ehemaligen Reichspräsidenten Hindenburg sowie der Preußenkönige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. nach Marburg überführt. Hindenburg hat seitdem seine letzte Ruhestätte zusammen mit seiner Frau in der Elisabethkirche gefunden.
Einwohnerentwicklung
1866: 7.718 Einwohner in 781 Häusern, 51 Professoren, 264 Studenten
1945: 46.000 Einwohner (11.000 Flüchtlinge und Vertriebene), 2.543 Studierende im Wintersemester 1945/46
1974: Marburg wächst durch Eingemeindung auf 70.922 Einwohner an
2002: 78.138 Einwohner, viele Studenten, die Marburg nicht als Wohnsitz gemeldet haben
Politik
Marburg ist auch lokalpolitisch eine quirlige, lebendige Stadt.1
Der 1999 direkt gewählte Oberbürgermeister ist von der CDU, sein Stellvertreter von der SPD. Der dritte hauptamtliche Repräsentant und Sozialdezernent ist von den Grünen. Die Mehrheit im Stadtparlament und damit die Etathoheit hat eine Koalition aus SPD und Grünen. Die Akzente dieser lokalen Parteienvertreter sind oft deutlich verschieden von denen ihrer jeweiligen Bundespolitiker, nämlich kulturfreundlicher und unideologischer. Im kommunalen Parlament vertreten sind außerdem mit jeweils kleinen Fraktionen die PDS, die Freien Wähler BfM, die FDP sowie eine CDU-Abspaltung MBL (Marburger Bürgerliste).
Außerparlamentarisch gibt es hier ein vollständiges Spektrum von Gruppierungen wie sonst nur in Großstädten. Auf der Linken sind das ATTAC, eine spontaneistische studentische Szene (AStA, RUM, Trauma e.V.), eine rührige gewerkschaftliche Szene, eine kleine autonom-anarchistische Szene (Hausbesetzer, Bunte Hilfe), eine beständige Friedensbewegung und eine aus eher älteren Personen bestehende Kultur-Linke.
Auf der Rechten sind das einige Corporationen und außerdem vereinzelte Rechtsextremisten. Letztere haben dazu geführt, dass Marburg im Jahr 2004 bereits drei Neonazi-Aufmärsche (zuletzt 400 Personen) erlebt hat. Die Gegendemonstrationen waren jeweils doppelt so stark.
Im neutralen Mittelbereich des Spektrums gibt es die entwicklungspolitische Weltladen-Initiative, den aktiven Ortsverband der Humanistischen Union (Bürgerrechte, Datenschutz, Staat-Kirche-Trennung), BUND-Ortsgruppe, Greenpeace-Ortsgruppe, Mütterzentrum, Väteraufbruch, lesbische und schwule Gruppen, Selbsthilfegruppen aller Art, volkskirchliche Angebote sowie das werbefinanzierte Stadtmagazin "Marburger Express" und die Marburger Neue Zeitung.
Im Juni 2004 wurden für 280 Beschäftigte von ZLB Behring betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen. Eine hohe Zahl an zusätzlichen Erwerbsarbeitslosen, zumal in deren Familienmitgliedern hunderte Menschen mitbetroffen sind. Das Pharma-Unternehmen CSL/ZLB mit Zentrale in Bern hat seinen Marburger Standort Görzhäuser Hof (zwischen Marbach und Michelbach) und verspricht sich mittels der "betriebsbedingten Kündigungen", von denen alle Abteilungen betroffen sein sollen, besser im globalisierten Wettbwerb zu behaupten. Außerdem werden zusätzlich rund 200 weitere Vollzeitstellen in Marburg nach und nach abgebaut, zum Beispiel durch Teilzeitarbeit oder Wechsel zu anderen Standorten von ZLB.
Rund 81,7% der versicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmer Marburgs arbeiteten 1998 im Dienstleistungsbereich, 18,1% im produzierenden Gewerbe. Die höchsten Beschäftigungsanteile in Marburg hatten die Bereiche Gesundheit (Universitäts-Kliniken) und Wissenschaft (Universität) aufzuweisen. Insgesamt arbeiteten in diesen beiden Wirtschaftszweigen über 10.000 Menschen.
Bildung und Forschung
Größter Arbeitgeber der Stadt ist die Philipps-Universität, welche 1527 durch Landgraf Philipp den Großmütigen erste protestantische Universität gegründet wurde. Durch den auf die Einwohnerzahl gerechnet hohen Anteil an Studenten und Mitarbeiten (17.500 Studierende, 7.500 Angestellte) entwickelte sich das Marburger Sprichwort: "Andere Städte haben eine Universität, Marburg ist selbst eine". Die Universität bietet ein überdurchschnittlich breit gefächertes Studienangebot mit vielen exotischen Studiengängen.
"KIM" (Kirche in Marburg) - monatl. Programm der evang. und kath. Gemeinden
Kultur
Die Lebensqualität einer Stadt hängt nicht so sehr von Touristen-Attraktionen ab, vielmehr zählt die soziale und kulturelle Infrastruktur des Alltags. Auf diesem Gebiet kann Marburg glänzen, gar mit weit größeren Städte mithalten.
Zum Beispiel ist Marburg mit jährlich rund 1/2 Million verkauften Kinotickets (bei einem Einzugsgebiet von 300 000 Einwohnern im Landkreis) die heimliche deutsche Kinohauptstadt. Neben zwei eher studentischen Kinoangeboten gibt es 9 kommerzielle Kinos an 3 Standorten, darunter ein Cineplex mit 1700 Sitzen. Im Sommer gibt es Großleinwandvorführungen im Schlossparktheater.
Musik
Das musikalische Live-Angebot ist ebenfalls reichhaltig und breit gefächert. Insbesondere die drei Kulturzentren sorgen für ein weite Bandbreite von nicht nur für Jüngere attraktiven Konzerten der Bereiche Rockmusik, Pop, Hip Hop, A-capella, Tango, Ska, Punk, Reggae, Weltmusik. Vereine wie die Jazz-Initiative JIM sowie der Folkclub Marburg ergänzen weitere Klangfarben. Im Bereich der Klassischen Musik gibt es einen aktiven Konzertverein, zwei junge Sinfonieorchester und ungezählte Chöre im Stadtgebiet.
Trauma e.V., noch Robert-Koch-Str. 15a (seit 199x)
Waggonhalle, Rudolf-Bultmann-Str. 2a
Jazzinitiative Marburg c/o Cavete, Steinweg (Extra: jeden Montag ab 21h Open-Stage-Session)
Folkclub Marburg c/o kfz, Schulstr. 6 (seit 1976) (Extra: etwa alle 6 Wochen sonntags offene Bühne freier Eintritt)
Konzertverein Marburg
Tanzen
Tanzen ist in Marburg sehr vielfältig möglich. Neben sechs kommerziellen Diskotheken gibt es After-Work-Parties (19-23h) und zahlreiche Knete-Feten von sozialen und studentischen Gruppen, was den popmusikalischen Sektor angeht. Immer donnerstags ab 22h gibt's für Jüngere im Trauma den Donner'S'Dance. Das kfz bietet über's Jahr verstreut eine große Anteil Tanzfeten mit Themenschwerpunkten, nicht selten mit szeneprominenten Discjockeys. Auch das wie andernorts übliche Tanzschulspektrum ist krege, sogar erweitert um ein Tango-Argentino-Angebot. Im Bereich Folktanz gibt es ein Tanzhaus Wosien, freie Gruppen (donnertags abends im ESG-Saal) sowie Folktanznächte mit Live-Musik seitens des Folkclubs. Dort wird nach Polka, Mazurka, bretonischen und balkanischen Rhythmen gewaltzt und Bäumchen-wechsle-Dich gespielt. Eine große Besonderheit stellt die einzige regelmäßige rauchfreie (!) Tanzfete weit und breit dar, die organisiert von der "Freien Tanz Initiative" sonntags abends (1./3. im Monat) in der Alten Mensa Reitgasse Latin, Ethno und Oldies spielt.
Theater
Neben gelegentlichen Gastvorstellungen von Boulevardbühnen oder Musicalensembles in der Stadthalle sowie studentischen Theatergruppen und Produktionen der Waldorfschule besitzt Marburg drei Freie Theater (kommunal unterstützt) und das Hessische Landestheater.
Marburger Theaterwerkstatt, german stage service, Afföllerwiesen 3a
Hessisches Landestheater Marburg, Am Schwanhof 68 (5 örtl. Spielstätten plus Freiluftaufführungen)
Schnaps- und Poesie-Theater, Untergasse (eigene Ladenlokal-Spielstätte plus Gastauftritte)
Museen
Marburg bietet neben zwei privaten Galerien, mehreren zugänglichen Künstlerateliers und vielen weiteren Ausstellungsorten auch noch sechs Museen, wovon vier zur Universität gehören.
Kindheits- und Schulmuseum, Barfüßertor 5 (nur Gruppen, April-September, So 11-13 Uhr)
Archive
Außer dem Hessischen Staatsarchiv und der daneben befindlichen Ausbildungsstätte für Archivare beherbergt Marburg mehrere bundesweit bedeutende Archive.
Hessisches Staatsarchiv, Friedrichsplatz 15
Archivschule Marburg, Bismarckstr. 32
Deutsches Adelsarchiv (Nachweis und Stammbaum aller deutschen Adelsfamilien)
Deutsches Spiele-Archiv (wissenschaftliche Aufarbeitung der deutschen Karten- und Brettspiele)
Circus-, Varieté- und Artistenarchiv, Ketzerbach 21 (Programme, Kostüme, Requisiten, Fotos)
Kant-Forschungsarchiv der Philipps-Universität, Original-Schriften, nicht museal zugänglich
Baudenkmale
Die Elisabethkirche ist das bekannteste Kirchengebäude in Marburg. Sie wurde vom Deutschen Orden zu Ehren der Heiligen Elisabeth von Thüringen gebaut, deren Grabmahl sich in der Kirche befindet. Mit dem Bau wurde im Jahr ihrer Heiligsprechung (1235) begonnen und er wurde 1283 vollendet.
Das Marburger Schloss wurde im 11. Jahrhundert angelegt und ist neben seiner historischen Bedeutung als erste Residenz der Landgrafschaft Hessen von großem kunst- beziehungsweise bauhistorischem Interesse.
In der Marburger Oberstadt sind eine große Zahl von Fachwerk-Bauten rund um das das historische Rathaus von 1527 durch ein langjähriges planmäßiges Restaurieren erhalten worden.
Reste der mittelalterlichen Synagoge unter einem Glaskubus von außen einsehbar (oberhalb des Rathausplatzes)
Das vom Tagestourismus hauptsächlich wahrgenommene Angebot in Marburg ist die Besichtigung der berühmten gotischen Elisabethkirche (Marburg) von 1283. Wer nicht mit dem Ausflugsbus anreiste und noch besser zu Fuß ist, wird sich das Fachwerk-Ambiente der bergauf liegenden runderneuerten Marburger Oberstadt rund um das imposante historische Rathaus von 1527 sowie das Marburger Schloss und den Panoramablick von dort oben nicht entgehen lassen. Stadtführungen von 1,5-2 Stunden (auch zu Sonderthemen wie Märchen, Romantikepoche etc.) lassen sich bei der Touristinformation buchen. Von April bis Oktober gibt es zudem jeden Samstag kostenlose Kasematten-Führungen durch die unterirdischen Festungsanlagen des Schlosses. - -Für Übernachtungen bietet Marburg außer der Jugendherberge und dem Campingplatz -eine ganze Reihe Hotels und Pensionen in allen Preisklassen. Die über die städtische Webadresse http://www.marburg.de/ erreichbare Touristinformation bietet eine Zentrale Zimmervermittlung, überregionalen Kartenvorverkauf und Info-Prospektversand.
Wichtige jährliche Veranstaltungen
letzter Freitag im Januar: Großleinwandkino "Feuerzangenbowle" auf dem Rathausplatz
Anmerkung: hier sollten nicht allein gebürtige Marburger hin, vielmehr alle jene die über einen längeren Zeitraum in Marburg wohnten und wirkten. Daher beispielsweise nicht Lomonosov, Heinemann, Meinhof oder Heidegger, die nur recht kurz in Marburg residierten.
Literatur
Marbuch, 7. komplett überarbeitete Auflage 2003, (Marbuch-Vlg.) 280 S. (umfassend, mit Stadtplan) ISBN_3-9806487-1-0
Marburganderlahnbuch, hrsg. von Nils Folckers und Ambros Waibel. Verbrecher-Verlag, Berlin 2003. 170 S..
Bauer, Hermann: Alt-Marburger Geschichten und Gestalten (Rathaus-Vlg.) ISBN_3-923820-16-X
Beckmann, Carsten: Marburg und das Marburger Land in den 50er Jahren. Historische Aufnahmen (Wartberg Vlg.) ISBN_3-8313-1033-5
Braasch-Schwersmann, Ursula: Das Deutschordenshaus Marburg, Wirtschaft und Verwaltung einer spätmittelalterlichen Grundherrschaft (Elwert Vlg.) ISBN_3-7708-0907-6
Dettmering, Erhart: Eine Chronik zur Kommunalpolitik 1970-1990: "Alles für Marburg" Eine Chronik mit Texten, Dokumenten, Artikeln + Reden aus der 20jährigen Amtszeit von Dr. Hanno Drechsler als Oberbürgermeister der Universitätsstadt Marburg 1970-1990 (Rathaus-Vlg.) ISBN_3-923820-32-1
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