Von dem friesischen Missionar und Klostergründer berichten zuvorderst die Lebensbeschreibungen über Liudger (Ludgerus) (Liudgervita Altfrids, Vita Liudgeri secunda, Vita tertia u.a.), dann die frühen Werdener Urkunden als etwas spätere versehene Abschriften, schließlich mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichtsschreiber, die aber gegenüber den zuerst genannten Quellen nichts Neues bringen. Aus dem Überlieferten ergibt sich:
Der Friese Liudger wurde um 742 bei Utrecht geboren. Er war der Sohn christlicher Eltern (Thiadgrim und Liafburg) und Mitglied eines angesehenen und weitverzweigten friesischen Adelsgeschlechts. Schon früh für eine geistlichen Laufbahn bestimmt, finden wir Liudger zwischen 756 und 767 als Schüler an der Utrechter Domschule (Martinsstift). Hier vermittelte ihm der Missionar Gregor von Utrecht (†775) als theologische Grundausbildung die Disziplinen der artes liberales, der "sieben freien Künste". Zur Vervollständigung seiner Studien reiste Liudger 767 nach York zur Domschule des Gelehrten Alkuin (*730-†804). Dort weihte noch im selben Jahr Erzbischof Ethelbert von York Liudger zum Diakon. Von einem Aufenthalt in Utrecht (768/769) unterbrochen, hielt sich Liudger bis Mitte 772 in England auf. Konflikte zwischen Angeln und Friesen zwangen ihn zur Rückkehr ans Utrechter Martinsstift, das er erst nach dem Tod Gregors wieder verließ (775). Im Andenken an seine Utrechter Zeit verfasste Liudger bald nach dem Tod seines Lehrers eine Lebensbeschreibung Gregors, die Vita Gregorii.
Ein erster Missionsauftrag führte Liudger nach Deventer, wo er über dem Grab des Friesenmissionars Lebuin (†773) die Kirche neu errichtete (775/776). 776 begann er mit der Friesenmission. Im friesischen Ostergau missionierte Liudger nach seiner Priesterweihe in Köln (7. Juli777), indes unterbrochen von der Sachsenerhebung unter Widukind (784). Liudger begab sich damals auf Pilgerreise nach Rom (784) und Montecassino (784/785-787). Nach seiner Rückkehr nach Friesland ernannte der Frankenkönig Karl der Große (768-814) Liudger zum Missionsleiter für das mittlere Friesland (787), auch wurde der Missionar mit Leitung und Besitz des Petrusklosters zu Lothusa (Leuze) betraut. In die Zeit der Friesenmission fällt die Reise Liudgers nach Helgoland (um 791). Der Sachsen- und Friesenaufstand von 792 war vielleicht Anlass, dass Karl der Große Liudger die Missionsleitung im westlichen Sachsen übertrug. In der Folgezeit entstand um Münster und das dort 793 von Liudger gegründete Kanonikerstift ein Missionsbistum mit einem ausgedehnten Pfarrsystem. In Nottuln ließ Liudger eine Kirche erbauen und soll dort die Gründung einer Gemeinschaft von Sanktimonialen gefördert haben.
Die Pläne Liudgers, selbst eine geistliche (Mönchs-) Gemeinschaft zu errichten, müssen um diese Zeit Auftrieb bekommen haben. Aus Rom soll Liudger dazu Salvator-, Marien- und Apostelreliquien erhalten haben. Doch die ersten Versuche einer Klostergründung (in Wierum, in Wichmond, an der Erft) scheiterten. Aber die Klostergründung in Werden an der unteren Ruhr gelang. Sie ist von Liudger, der seit 796 dort systematisch Gütererwerb betrieb, von langer Hand geplant worden. Um 800 gründete der Friese auf 799 erworbenem Grund und Boden schließlich sein Werdener Eigenkloster. Unterdessen ging die Ausgestaltung des künftigen Münsteraner Bistums weiter: Liudger wurde am 30. März805 vom Kölner (Erz-) Bischof Hildebold (787-818) zum ersten Bischof von Münster geweiht, das Bistum damit auf augenfällige Weise der Kölner Kirchenprovinz angegliedert. Die letzten Jahre vor seinem Tod hat der Bischof seinen Sprengel mehrfach bereist. Auf solch einer Reise ist Liudger am 26. März809 in Billerbeck gestorben. Zunächst wurde der Leichnam in Münster aufgebahrt, dann gelangte er nach Werden, wo man Liudger seinem Wunsch gemäß begrub (26. April809).
Fallbeispiele
Zur Liudgerverehrung in Werden
folgt
Das Münsteraner Büchlein über die Wunder des heiligen Liudger
Die Verehrung Liudgers, des ersten Münsteraner Bischofs (805-809), war in Münster vielfältig und doch nicht sehr prominent. Neben Dom und Kapelle in der Marienkirche (Ludgerusturm) war die von den Bischöfen Ludwig von Wippra (1169-1173) und Hermann II. von Katzenelnbogen (1174-1203) im Süden der Stadt errichtete Ludgerikirche ein Bezugspunkt münsterischer Liudgerverehrung. Ein wohl vom ersten Priester dieser Kirche um 1170 verfasster Libellus Monasteriensis de miraculis sancti Liudgeri ("Münsteraner Büchlein über die Wunder des heiligen Liudger") schildert den Kult um ein wundertätiges Kreuz mit Reliquien Liudgers, das in der Ludgerikirche Wunder wirkte.
Der Libellus, in einfachem, manchmal etwas unverständlichem Latein verfasst, von Germanismen durchsetzt und in der Überlieferung direkt der Vita Liudgeri tertia folgend, schildert in 17 Kapiteln hauptsächlich die durch Liudger bewirkten Wunder, die ausschließlich mit der Heilung von Krankheiten zu tun haben. Augenkrankheiten stehen im Vordergrund, es folgen Krankheiten an den Beinen, aber auch die Heilung von Irrsinn wird geschildert. Sogar ein verschwundener Junge kann mit göttlicher Hilfe und mit der seines Heiligen Liudger wieder gefunden werden. Das Muster der Heilungen ist dabei dasselbe: Die Heilung erfolgt nach der Anrufung Liudgers und dem Versprechen nach Münster zu kommen und dahin, d.h. zu Kirche und wundertätigem Kreuz, Opfergaben zu bringen. Heilung also nicht ohne Gegenleistung. (Fast) immer wird auch die Wahrheit der vollzogenen Heilungen betont durch das Zitieren von Zeugen, die die Heilung mitverfolgt haben. Das Zeugnis göttlichen Handelns wird ebenso herausgestellt.
Wirkung entfaltete das "Münsteraner Büchlein über die Wunder des heiligen Liudger" in der Folge kaum. Auch den Liudgerkult in der Ludgerikirche wird man nicht überbewerten, stand er doch schon damals, am Ende des 12. Jahrhunderts, in Münster und Umgebung im Schatten wesentlich bedeutenderer Wallfahrten, etwa nach Santiago de Compostella. Dem feststellbaren Zurücktreten der Liudgerverehrung im Münster des späteren Mittelalter entspricht schließlich die Tatsache, dass aus dieser Zeit keine weiteren Zeugnisse über die Verehrung des heiligen Missionars an der Ludgerikirche überliefert sind. Insbesondere fehlen jegliche Hinweise auf das Kreuz mit den Liudgerreliquien.
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Diekamp, Wilhelm (Hg.): Die Vitae sancti Liudgeri (= Die Geschichtsquellen des Bistums Münster, Bd.4), Münster 1881
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Kaus, Eberhard: Zu den Liudger-Viten des 9. Jahrhunderts, in: WZ 142 (1992), S.9-55
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Löwe, Heinz: Liudger als Zeitkritiker, in: HJb 74 (1955), S.79-91
Senger, Basilius (Hg.): Liudger in seiner Zeit. Altfrid über Liudger. Liudgers Erinnerungen, Münster 4. Aufl. 1986
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