Konkretes (lat. concretio : das Zusammenwachsen, die Verdichtung) bezeichnet die Einheit des Mannigfaltigen oder der unterschiedlichen Bestimmungen des Ganzen.
Zu den verschiedenen Anwendungen des Begriffs des Konkreten
"Konkretes" in diesem Sinne läßt sich auf die Charakterisierung objektiv-realer Erscheinungen anwenden. Häufig wird der Ausdruck jedoch im Rahmen der Erkenntnistheorie und der Methodologie zur Kennzeichnung des dialektischen Gegensatzes zum Abstrakten verwendet. Der philosophische Sprachgebrauch unterscheidet sich vom allgemeinen, in dem "Konkretes" die sinnlich gegebene Mannigfaltigkeit einzelner Dinge und Erscheinungen, das unmittelbar Gegebene, Anschaulichkeit, Faßlichkeit u.ä. ausdrückt. Der Ausdruck in dieser Art der Anwendung geht auf G.W.F. Hegel zurück. Er verlieh dem Begriff des Konkreten einen spezifischen Sinn in seiner Lehre von der objektiven und subjektiven Dialektik, der in der materialistischen Dialektik aufgenommen und fortgeführt wurde.
Zur Auffassung des Konkreten bei Hegel
Für Hegel ist das Konkrete die "Einheit unterschiedlicher Bestimmungen", ein Ganzes, in dem die unterschiedlichen Bestandteile oder Momente sich gegenseitig bestimmen und bedingen, in ihrer wechselseitigen Bedingtheit und Gegensätzlichkeit das Ganze als Einheit konstituieren. Dagegen bedeutet die Abstraktion die Auflösung des Mannigfaltigen, die Vereinfachung und Vereinseitigung des Konkreten, das Ignorieren der Verschiedenheit der "mannigfaltigen Bestimmtheiten" (Hegel). Im Abstrakten sind die unterschiedlichen Bestimmungen des Konkreten isoliert. Volle Konkretheit kommt nur der absoluten Idee zu. "Alles andere Konkrete" ist "eine äußerlich zusammengehaltene Mannigfaltigkeit" (Hegel). Das gilt insbesondere für die Natur als Entäußerung , als "Form des Andersseins " der absoluten Idee. Die Bestimmungen des Mannigfaltigen sind in der Natur indifferent zueinander, vereinzelt.(Hegel)
Zwei Konzeptionen der Auffassung des Konkreten bei Hegel: Natur und absolute Idee
Demgemäß ist die Art der auf Natur und absolute Idee gerichteten Erkenntnis. Das Erkennen der "mannigfaltigen Tatsachen der äußeren Natur" besteht "darin, das gegebene Konkrete aufzulösen, dessen Unterschiede zu vereinzeln und ihnen die Form abstrakter Allgemeinheit zu geben; oder das Konkrete als Grund zu lassen und durch Abstraktion von den unwesentlich scheinenden Besonderheiten ein konkretes Allgemeines, die Gattung oder die Kraft und das Gesetz, herauszuheben - analytische Methode.(Hegel). Mittels der synthetischen Methode wiederum würden die so erhaltenen Abstraktionen zueinander in Beziehung gesetzt. Beide Methoden seien für das philosophische Erkennen nicht brauchbar. Letzteres ziele auf auf die absolute Idee, das Absolut-Konkrete; es löse das Abstrakte, die Vereinzelung der Bestimmungen des Mannigfaltigen auf, erfasse sie in ihrer gegenseitigen Bestimmtheit, ihrem Ineinanderübergehen, ihrer Widersprüchlichkeit und ihrer Totalität.
Zur Analyse und Synthese als Methode und dem philosophsichen Erkennen des Konkreten bei Hegel
"Dieser Begriff der Philosophie ist die sich denkende Idee, die wissende Wahrheit"; "die Idee" jedoch "ist selbst die Dialektik"(Hegel). Die analytische und synthetische Methode werden nach Hegel vom Verstand gehandhabt. Auch die Synthese hebe die Abstraktion nicht auf; sie bedeute ein äußerliches In-Beziehung-Setzen der Bestimmungen des Mannigfaltigen. Die Methode der Vernunft, des philosophischen Erkennens, sei dagegen die Dialektik. Hegels Aufspaltung der Arten des Erkennens auf Naturerkentnis und Philosophie entspringt seiner Auffassung des Wesens von Natur und absoluter Idee, ist insofern seiner philosophischen Grundposition verbunden.
Zur Auffassung des Konkreten in der materialistischen Dialektik
In der materialistischen Dialektik ist die materielle Wirklichkeit die unerschöpfliche Mannigfaltigkeit von Objekten, Eigenschaften, Beziehungen, Prozessen u.a. In der wechselseitigen Bedingtheit, Bestimmtheit, in der Widersprpüchlichkeit der materiellen Wirklichkeit besteht die objektive Dialektik, die durch die subjektive Dialektik in der menschlichen Erkenntnis abgebildet wird. Der Erkenntnisprozess geht dabei vom sinnlich Konkreten als einer ungeordneten Mannigfaltigkeit aus, kommt von dort durch Anwendung der analytischen Methode zu immer einfacheren, abstrakten Bestimmungen. Von dieser Position aus, aber nicht als chaotische Vorstellung eines Ganzen, sondern als einer reichen Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen, gilt es das Konkrete neu zu fassen: "Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also die Einheit des Mannigfaltigen"(Karl Marx). In dieser Festlegung darf der Begriff des Mannigfaltigen nicht im Sinne von Menge vestanden werden, denn Mannigfaltiges ist als Menge stets etwas Abstraktes.
Zur Methode des Erkennens und der Dialektik der Methodik und der Mittel selbst
Dieses Aufsteigen vom ungeordneten sinnlich Konkretem zum Abstrakten und von dieser Position aus zur Darstellung des Wirklichen als einer geordneten Mannigfaltigkeit von Bestimmungen ist eine notwendige Wegstrecke jeder wissenschaftlichen Erkenntnis. Heute eine Zuordnung des verstandesmäßigen Erkennens der Naturerkenntnis und der dialektischen, vernünftigen Erkenntnis zum philosophischen Denken vorzunehmen, hieße, die idealistische naturphilosophische Konstruktion Hegels anzuerkennen bzw. wiederzubeleben.
Die Zuordnung des Verstandes zur Naturerkenntnis basiert auf der Negierung der Naturdialektik. Analyse und Synthese lassen sich jedoch nicht der Dialektik als Methode gegenüberstellen. Einerseits sind Analysieren und Synthetisieren Aspekte dialektischen Denkens; andererseits muß bei der Analyse und Synthese selbst die dialektische Natur der Begriffe beachtet werden. So lassen sich nicht beliebige Begriffe aufeinander beziehen; insofern muß der Zugang zum Konkreten bis zu einem gewissen Grade durch Analyse (und Abstraktion) gewährleistet werden.
Zur Unterscheidung von Repräsentation eines Abstrakten und des Konkreten
Die Beziehung zwischen dem Abstrakten und dem Konkreten wird häufig dergestalt mißverstanden, man etwas "konkret" nennt und tatsächlich aber den Repräsentanten eines Abstrakten ausdrücken will. Das ist in der Regel dann der Fall, wenn die materiellen Gegenstände in ihrer Einzelheit als "konkrete Dinge" gekennzeichnet werden, ihr Gemeinsames, ihr Allgemeines aber das "Abstrakte" genannt wird. Damit aber werden die Kategorienpaare "Allgemeines und Abstraktes" und "Einzelnes und Konkretes" als synonym behandelt. Das aber ist der Sache nach nichts anderes als das Verbleiben in den Gegensätzen der Abstraktion; d.h. das Verharren in der Unterscheidung zwischen dem Repräsentaten einer Abstraktionsklasse und dieser Klasse selbst, wie dies z.B. charakteristisch ist für den Gegensatz zwischen der konstruktiven und mengentheoretischen Begründung in der Mathematik.
Es ist jedoch nicht die Einzelheit, die die Bestimmung des Konkreten ausmacht, sondern die Einheit der spezifischen Gleicheit und Verschiedenheit der Teile des Ganzen.
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