Identifikation (v. lat.: idem = derselbe + facere = machen ) bezeichnet den Vorgang, sich in einen anderen Menschen einzufühlen; dabei werden Teile des Gefühlslebens des anderen als eigene erkannt, und man empfindet mit dem anderen mit. Dieser Prozess spielt sowohl in der Psychologie als auch im Theater und im Film eine große Rolle.
Identifikation und Theater
K.S. Stanislawski legte in seinen Theorien und Anleitungen zur Schaupsielkunst großen Wert auf Identifikation des Schauspielers mit der Rolle, die dieser darstellen sollte. Der Schauspieler soll nach Stanislawski seine Rolle nicht spielen, sondern selbst die Figur dieser Rolle sein. In der Regel wird diese Identifikation als Einfühlen in die Rolle bezeichnet und besonders noch in der Schauspiellehre nach Stanislawskis Schüler Lee Strasberg praktiziert.
Der Prozess des Einfühlens beinhaltet körperliche Lockerung, das Imaginieren der Situation, in der sich die zu verkörpernde Figur befindet, und schließlich die tatsächliche Identifikation, indem der Schauspieler eigene Erlebnisse aus der Vergangenheit mit denen der Rolle verbindet. Stanislawski nennt dies emotionales Gedächtnis; der Schauspieler ruft also in sich selbst Gefühle hervor, die denen der Figur entsprechen, auch wenn sie andere Ursachen haben. Die Wirkung dessen ist, dass sowohl Schauspieler als auch Publikum die Handlungen und Reaktionen des Schauspielers als echt und authentisch wahrnehmen.
Dies wiederum ermöglicht es dem Zuschauer, sich mit der Rolle zu identifizieren. Rezeptionstheoretiker gehen weitestgehend davon aus, dass ein Theaterstück oder ein Film nur dann gefällt und somit als erfolgreich gilt, wenn Identifikation des Zuschauers mit der gespielten Figur möglich ist. Diese Identifikation muss allerdings nicht zwingend bewusst verlaufen und wahrgenommen werden, sondern unterliegt oft unterbewussten Vorgängen, die in der Psychoanalyse eine wichtige Rolle spielen.
Bertolt Brecht entwickelte mit seinem Epischen Theater eine Form, die vollständig auf diese emotionale Identifikation verzichten sollte. Der Schauspieler sollte nicht fühlen, sondern zeigen, und das Publikum sollte dementsprechend nicht mitfühlen, sondern nachdenken und reflektieren. Doch auch hier gibt es Identifikation - nicht mit der emotionalen, sondern mit der sozialen Situation der Protagonisten. Gesellschaftliche Zustände sollen gezeigt und wiedererkannt werden; dies ist nur durch Identifikation des Zuschauers mit dem Dargestellten möglich. Lediglich die Identifikation des Schauspielers bleibt aus; nach Brecht sollte der Darstellende bei jeder zu spielenden Situation bereits den Ausgang und die Folgen des Stückes und der Handlungen der Figur mitbedenken und dementsprechend selbst agieren.
Identifikation und Psychologie
Auch in der psychologischen Betrachtung der Identifikation ist das Einfühlen in eine andere Person bedeutend. Es bezieht sich hierbei allerdings nicht lediglich auf Rollen, die im Theater oder im Film gespielt werden, sondern zumeist auf real existierende Personen. So identifizieren sich bereits kleine Kinder erst mit den Eltern - dabei meist entweder mit der Mutter oder mit dem Vater - und später mit Gleichaltrigen. Die Identifikation mit Geschlechterrollen ist weit verbreitet - hier identifizieren sich z.B. Jungen mit dem Männerbild, das ihnen in ihrer Umwelt oder den Medien präsentiert wird, und übernehmen dementsprechend bestimmte Verhaltensweisen, die sie als ihrem Geschlecht zugehörig erachten. Übermäßige Identifikation im Erwachsenenalter kann zur Ausbildung bestimmter Fetische führen.
Literatur
Brecht, Bertolt: Schriften zum Theater. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1957
Hoffmeier, Dieter (Hg.): Konstantin S. Stanislawski. Moskauer Künstlertheater. verlag das westeuropäische buch 1988
Moore, Sonia: The Stanislavski Method. Viking Press, New York 1962
Styan, J.L.: Drama, Stage and Audience. Cambridge Universitiy Press 1975
Swift, Clive: The Job of Acting. George G. Harrap & Co. Ltd. 1976
Stanislawski, Konstantin: An Actor Prepares. Geoffrey Bles Ltd. 1937
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