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Holismus

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Der Holismus ( griech. holon: "das Ganze") bezeichnet die philosophische Position, dass man eine totale Perspektive einnehmen muss, um echtes Verständnis über ein System zu erlangen. Mit total ist gemeint, dass sämtliche Freiheitsgrade des Systems eine Rolle für seine weitere Zukunft spielen. Ebenso ist der Holismus eine philosophische Grundhaltung, die das Primat des Ganzen gegenüber seinen Teilen behauptet; das Ganze wird dabei zu einer mystischen immateriellen Erscheinung, der eine Schöpferkraft innewohnt.


Inhaltsverzeichnis


1 Zu den historischen Auffassungen des Holismus

2 Zur Prägung des Begriffs "Holismus" und seinen hauptsächlichen Vertretern

3 Zu den drei Axiomen des Holismus

4 Zum Verhältnis des Postulats der verschiedenen Wirklichkeiten im Holismus

  4.1 Zum Prinzip der "Simplifizierbarkeit" im Holismus

  4.2 Zur Theorie der Feldes im Holismus

  4.3 Zum Postulat eines "schöpferischen Prinzips" als Konsequenz von Teil und Ganzes im Holismus

5 Zu einigen politischen Konsequenzen des Holismus

6 Zur Anwendung der holistischen Methode bei der Erstellung von Weltmodellen

7 Zur Ablehnung der mystischen These der Wirkungen des Ganzen in der materialistischen Dialektik

8 Weblinks


Zu den historischen Auffassungen des Holismus

Diese Auffassung ist in allen Epochen der Philosophiegeschichte in irgend einer Form vertreten, z. B. bei Aristoteles, Thomas von Aquin, G.W. Leibniz, F.W.J. Schelling und G.W.F. Hegel. Es ist dabei gleich, ob die Autoren der neueren Zeit das Ganze als immanenten Zweck der Erscheinung (bei Richard Wolterek als "ontische Zentren", Jan Christian Smuts als "Innerlichkeit des Feldes", Bernhard Dürken als "primäre Ganzheit"), andere ihr "transzendentes Ziel" auffassen, dem sich die Erscheinung annähert, ohne es vollkommen erreichen zu können (Gerhart Wolff, Paul Feyerabend, Aloys Wenzl).


In diesem Sinne vertreten alle Neuvitalisten (siehe Neuvitalismus) und Neothomisten (siehe Neuthomismus) einen holistischen Standpunkt, der gegen den Merismus (Wilhelm Roux, August Weismann, Karl Sapper, H.J. Feuerborn) gerichtet ist, der die Ganzheit als Summe ihrer Teile auffasst: Alle Erscheinungen sind mosaikhaft aus Teilen zusammengesetzt.


Zur Prägung des Begriffs "Holismus" und seinen hauptsächlichen Vertretern

Der Terminus Holismus wurde von Jan Christian Smuts in seinem Buch "Holism and Evolution" (1926) geprägt, fand also zuerst eine Anwendung in der Biologie, wurde jedoch im Späteren als umfassenderer Standpunkt gewertet. Die wesentlichen Vertreter des Holismus sind


  • John Sanderson Haldane (in: The philosophical Basis of Bilogy, 1931)

  • Adolf Meyer-Abich (in: Naturphilosophie auf neuen Wegen, 1948; Geistesgeschichtliche Grundlagen der Biologie, 1963)


Die Philosophie der "emergent evolution" (W.M. Wheeler, Alfred North Whithead) entspricht dem Holismus.


Zu den drei Axiomen des Holismus

Der Holismus ist im wesentlichen durch drei Axiome gekennzeichnet:


  • 1. Das Axiom der Ganzheit alles Wirklichen; alles Wirkliche bilde in allen seinen Gestalten und Stufen eine in sich geschlossene und zusammenhängende Ganzheit

  • 2. das Axiom von der abgestuften Gliederung des Wirklichen

  • 3. das Axiom von der "holistischen Simplifizierbarkeit der höheren Wirklichkeitsstufen in die jeweils niedrigeren" (in: A. Meyer-Abich, Naturphilosophie auf neuen Wegen, 1948)


Die Holisten verstehen sich als Vollender der Bemühungen um die Ganzheitsproblematik, die von Aristoteles, Leibniz, Schelling und Hegel schon betrachtet wurde. Dabei wollen sie den Mechanizismus wie den Vitalismus durch eine "höhere Synthese" überwinden. Ihrer Auffassung nach sehen die Vertreter des Mechanizismus in allen "Wirklichkeitsstufen" die "gleiche Dignität", d. h. Kausalität, Gesetzmäßigkeit u. a. Zugestimmt wird dem Mechanizismus insoweit, wie er biotische und psychologische Ganzheiten aus natürlichen Ursachen erklärt.


Zum Verhältnis des Postulats der verschiedenen Wirklichkeiten im Holismus

Der Neuvitalismus oder (wie die Vertreter meinen) die "pluralistische Auffassung" setze wesensmäßig verschiedene Wirklichkeiten "unableitbar nebeneinander", so dass es viele Kausalitäten, Gesetzmäßigkeiten u. a. gäbe, wie Wirklichkeiten vorhanden sind (physikalische, organismische und psychische Wirklichkeit). Die holistische Auffassung erkennt zwar den qualitativen Unterschied der Wirklichkeitsbereiche an (hierbei stimmt sie mit den Vertretern des Vitalismus überein), wobei es aber nicht möglich sei, die jeweils komplexere Ganzheit aus der einfacheren abzuleiten, "wohl aber ist diese qualitativ in der komplexeren enthalten und aufgehoben" (A. Meyer-Abich, Naturphilosophie..., 1948).


Zum Prinzip der "Simplifizierbarkeit" im Holismus

Hierin äußert sich das oben genannte 3. Axiom des Holismus, das von Schelling übernommene Prinzip der "Simplifizierbarkeit". Mit ihm "steht und fällt der Holismus" (A. Meyer-Abich, Zwischen Scylla und Charybdis, 1935). Nach dieser Auffassung sollen die jeweils niedrigeren Gesetze, Kausalitäten u. a. (z. B. die physikalsichen) aus den nächst höheren (z. B. den biotischen) abgeleitet werden. Im Holismus wird die "innere Dynamik" der Dinge verabsolutiert, dadurch wird die Ganzheit zu einem mystischen immatriellen Feld, das der unerkennbare "Träger" aller Eigenschaften des materiellen Systems ist.


Zur Theorie der Feldes im Holismus

In den Strukturen dieses "Feldes" seien Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft enthalten. "Immaterielle Felder" bilden auch die Qualität anorganischer Systeme ("chemisches Feld", "physikalisches Feld"). Die Wechselwirkung "innerer und äußerer Felder" bewirke eine "fortschreitende Stufung eine holistische Synthese in der Natur" (J.C. Smuts, Die holistsiche Welt, 1938). Die Ganzheit ist also einmal die Kraft, die in die Beziehungen und Funktionen der Teile zweckmäßig eingreift - die Triebkraft der Entwicklung - zum anderen aber auch das im "Feld" vorgebildete "Ziel" der Entwicklung.


Die holistische Entwicklungskonzeption ("schöpferische Evolution") beruht also in letzter Konsequenz auf der Wechselwirkung innerer und äußerer Felder. Dabei ist das immaterielle "innere Feld" die aktive Ganzheitswirkung der materiellen Erscheinung, das "äußere" verbindet die Erscheinung mit seiner Umwelt zu "einer Ganzheit höherer Ordnung". Auf diese Weise ist die gesamte Wirklichkeit ein "universeller, in sich ganzheitlich gegliederter Organismus"(J.S. Haldane, Die Pgilosophie eines Biologen, 1936). Die "immaterielle Ganzheitskraft" wird zur Ursache des "schöpferischen Verhaltens der Materie".


Zum Postulat eines "schöpferischen Prinzips" als Konsequenz von Teil und Ganzes im Holismus

Aus den ersten Anfängen der Ganzheit wächst nach holistischer Auffassung in einem kontinuierlichen Prozess "die Wirklichkeit Schritt für Schritt an, bis sie eine geistige Welt aufbaut" (J.C. Smuts, Die holistische Welt). Smuts, Meyer-Abich und Haldane vertreten die idealistische Auffassung, dass sich hinter dem Ganzheitsphänomen ein planvoll wirkendes aktives schöpferisches Prinzip verbirgt. Die dialektisiche These, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist, wird für die Vertreter des Holismus der Angelpunkt für die Erneuerung einer Ganzheitsmystik.


Zu einigen politischen Konsequenzen des Holismus

Die holistische Denkweise kann politische Konsequenzen haben, denn unter Verwendung der Thesen des Holismus können antidemokratische, extrem nationalistische und kolonialistische Gesellschaftsstrukturen gerechtfertigt werden. So ist der holistische "Überstaat" Ausdruck des Strebens der menschlichen Gemeinschaften nach einer überindividuellen Ganzheit, die die ihr untergeordnete Ganzheit "Persönlichkeit" reguliert. Das dabei entstehende "gesellschaftliche Feld" oder die "gesellschaftliche Atmosphäre" wird zum "Aufsichtssystem", dem alle Mitglieder der Gesellschaft unterliegen.


Auf diese Weise wird das Individuum in ein "Netzwerk von Ansichten" hineingeboren, dem es von der Geburt bis zum Tode nicht mehr entrinnen könne. Smuts benutzte diese Auffassung, um als Premiermenister der Südafrikansichen Union (1939-1948) das Regime der Rassendiskriminierung zu rechtfertigen. Wie in einem Organismus als Ganzes jedes Teil eine bestimmte Funktion ausüben müsse, so sollte jeder einzelne sich dem "Überstaat" der herrschenden Elite unterordnen. Die Farbigen als Angehörige einer "minderwertigen Rasse" hätten den "weißen Herren" zu dienen, analog bestimmter Organe des Organismus, die anderen untergeordnet sind.


Zur Anwendung der holistischen Methode bei der Erstellung von Weltmodellen

Das unter der Leitung von Michajlo D. Mesarovic und Eduard Pestel 1974 entwickelte Weltmodell wendet die holistische "Simplifizierbarkeit" als Methode an. Die Autoren fordern "eine holistische, alle Lebensaspekte umfassende Betrachtungsweise". (in: Menschheit am Wendepunkt. Weltmodelle und ihre Problematik. Stuttgart 1974). Ihr in allen Regionen wirksames "Subsystem", bestehend aus "Kausalebene, Entscheidungsebene und Normenebene", sei im Sinne des Holismus ganzheitlich wirksam. Die Normenebene nehme die zentrale Stellung in der "Hierarchie der Subsysteme" ein.


Die Entscheidungsebene - "die Ganzheit aller kollektiven Handlungen der in der Region tätigen Entscheidungsträger" - sei aus den in der Normenebene erfassten Normen und Werten politischer Gruppierungen "holistisch" ableitbar. Die Kausalebene wird wiederum durch "holistische Simplifikation" aus der Entscheidungsebene abgeleitet. Wenn die untergeordneten Systeme nur als vom übergeordneten Ganzen her gesteuert verstanden werden, "können die einzelnen Menschen für das proklamierte Wohl des Staates beliebig unterdrückt und ausgebeutet werden". (P. Haas, Kritik der Weltmodelle - philosophischer Aspekt globaler Modellierung, Berlin 1980).


In der Soziologie der USA tritt der Holismus als methodologisches Prinzip auf, das dem Sozialbehavorismus gegenübersteht.


Zur Ablehnung der mystischen These der Wirkungen des Ganzen in der materialistischen Dialektik

Innerhalb der Auffassung der materialistischen Dialektik lässt sich die Gesellschaft nicht auf eine Summe von Individuen reduzieren, aus der sich dann mystische Kräfte entwickeln. Die Gesellschaft bildet vielmehr unter der Berücksichtigung der gewachsenen historischen Eigenheiten einen besonderen sozialen Organismus, der in seiner Entstehung, Funktion und des ständigen Übergangs zu einer anderen Form besonderen Gesetzmäßigkeiten unterliegt.


Siehe auch: Reduktionismus


Weblinks



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