Encheduanna ist die älteste, namentliche bekannte Schriftstellerpersönlichkeit / Dichterin der Menschheit. In der Dichtung kommt ihr ein vergleichsweise ebenso hoher Rang zu wie ihrem Vater, Sargon von Akkad, für die Geschichte des Imperialismus.
Encheduanna (auch En-chedu-Ana; * ca. 2300 v. Chr.) war oberste Priesterin (EN-Priesterin) und "Gemahlin" des Nanna, des Mondgottes von Ur (akkadisch: Su’en, babylonisch-assyrisch Sîn) und Priesterin des Himmelsgottes Anu in Uruk (später wohl auch der Inanna in Uruk). Sie war Tochter des Sargon von Akkad (2340-2285 v. Chr.), der sie aus politischen Gründen in die höchsten Priesterwürden einsetzte. Sie ist die erste sumerische Dichterin, deren Werke schriftlich überliefert sind, und zugleich der erste Schriftstellerpersönlichkeit in der Literatur Mesopotamiens.
Das Epithetonen steht für (Priester)herr und pontifikale Oberherrschaft. Die exakte Bedeutung ist unklar, jedoch war ihr Rang höher als ensi (Stadtfürst, später auch für Stadthalter). Die Sumerer unterschieden "En-tum" (nam-en), "Ensi-tum" (nam-ensi) und "lugal-tum" (nam-lugal). Der Titel lugal war der Herrschertitel par excellence.
Zur Herrschaftssicherung und wohl im Dienste der Integrationspolitik (der unterworfenen sumererischen Bevölkerung) blieb es auch unter den Nachfolgern des Sargon Brauch, die höchsten Priesterämter mit den Töchtern der Herrscher zu besetzen. So war Encheduannas Nachfolgerin die Tochter des Naramsins, Enmenanna.
Im Sinne dieser Politik ihres Vaters stellte Encheduanna eine umfangreiche Sammlung von Tempelhymnen zusammen. Die etwa 40 Hymnen folgen in ihrer Anordnung dem geographischen Prinzip von Süden (beginnend mit Eridu) nach Norden (Akkade, Sippar, Ešnunna usw.). Damit umfaßt die Hymnensammlung alle wichtigen Städte des Landes Sumer und Akkad zur Zeit Sargons.
Unter ihrem Namen sind einige auffallend lange, sehr eindrucksvolle Götterhymnen überliefert. In einem Hymnus an Inanna, der Göttin von Uruk, "Herrin aller göttlichen Kräfte", geht sie über die traditionellen Anreden hinaus und berichtet in der Erzählung von der Vertreibung Encheduannas aus ihrem Amt und ihrer späteren Rückkehr durch die Barmherzigkeit der Inanna. In einem anderen sehr persönlichen Text preist sie Inanna als "die großherzige Herrin". Mit viel Leidenschaft trägt Encheduanna ihre Gefühle vor, darunter trübe Gedanken über Leiden und Schicksal, über menschliches Tun und göttliche Vergeltung.
Ihrer einzigartigen literarischen "Pionierrolle" war sie sich durchaus bewußt: sie ist die erste Schriftstellerpersönlichkeit, die sich selbst namentlich erwähnt und die in ihren Werken Persönliches schreibt. Im Schlußteil der Texte nennt sie ihren Namen wie in einem Kolophon.
In den Hymnen an Inanna nennt Encheduanna ihren Namen an den Stellen, wo in den Königshymnen bzw. -inschriften gewöhnlich der Name des Herrschers stand. Sie dokumentiert damit eindrucksvoll ihre königliche Verfasserschaft. Dieses ausgeprägte Selbstbewußtsein eines Literaten blieb in Mesopotamien für lange Zeit singulär.
Literatur
A. Zgoll, Der Rechtsfall der En-hedu-Ana, AOAT 246, auch ZA 87 (1997)
J. Renger, Untersuchungen zum Priestertum in der altbabylonischen Zeit, ZA 58 NF(1967) pp. 110-188
E. Sollberger, Sur la chronologie des rois d'Ur et quelques problèmes connexes AfO 17, 1954/56
J. Bauer, R. K. Englund, M. Krebernik, Mesopotamien: Späturuk-Zeit und Frühdynastische Zeit, OBO 160/1, Freiburg, Göttingen 1998
Horst Klengel, Kulturgeschichte des alten Vorderasiens, Akademie-Verlag Berlin, 1989
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