Als Autorenfilm werden in strenger Hinsicht nur Filme bezeichnet, in denen Autor (Drehbuchautor) und Regisseur identisch sind, und das Drehbuch keine Adaption, sondern die originale Schöpfung des Autors darstellt. Der Autorenfilm erhebt oft Anspruch auf künstlerische Originalität, in der - im Gegensatz zum kommerziellen Filmprojekt - ein persönlicher Stil des Filmemachers erkennbar ist. Viele moderne Filmemacher des Autorenkinos sehen in ihren Filmen Kunstwerke mit literarischem Ausdruck.
Fast zwei Monate später, am 28. Dezember1895, führten die Gebrüder Lumière ihren ersten Film im PariserGrand Café auf, der beim anwesenden Publikum einen Schock auslöste, weil auf der Leinwand ein ankommender Zug zu sehen war, der scheinbar in das Publikum hineinfuhr.
In diese Pionierzeit des Kinos ging es den Filmemachern vordergründig um den kuriosen Schaueffekt der bewegten Bilder. In der Folgezeit entstanden viele kleine Einakter, die alltägliche Szenen und kleine humoristische Farcen zum Inhalt hatten.
Als den ersten "echten" Autorenfilmer kann man Georges Méliès (1861 bis 1938) - den Urvater des phantastischen Films - ansehen. Er betrieb in Paris ein Zaubertheater und besuchte die erste Kinovorführung der Gebrüder Lumière im Pariser Grand Café und erkannte die Möglichkeiten des neuen Mediums. Sogleich begann er, neben seiner Bühnenarbeit mit trickreichen Filmen zu experimentieren, die sich schon bald regen Publikumsinteresses erfreuten. Diese ersten phantastischen Filme von Méliès waren kurze, karikaturistisch übersteigerte Farcen, die sich selbst nie ernst nahmen, aber doch die Faszination und Begeisterung für zukünftige Technologien zeigten. In seinem "Les Rayons Roentgen" (Die Röntgenstrahlen, Frankreich 1897, 1min) wird ein Patient vom Arzt geröntgt, worauf sein Skelett sich vom Körper löst und zu Boden fällt. Der erboste Patient beginnt mit dem Arzt zu streiten, bis der schließlich explodiert.
Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg
In den umfangreichen filmtheoretischen Debatten in Deutschland vor 1914 wurde der Begriff in einem anderen als dem heutigen Sinne gebraucht: Autorenfilme nannte man jene Filme, die einen Bezug zu einem möglichst renommierten literarischen Autor hatten - entweder als Originaldrehbuch eines Schriftstellers (z.B. "Der Student von Prag" von Hanns Heinz Ewers) oder als Adaption eines literarischen bzw. dramatischen Werkes (z.B. "Atlantis" nach Gerhard Hauptmann).
Während der kurzen Zeit des "New Deals" (1929-1941) - der amerikanischen Wirtschaftsdepression, entstand in den USA ein neues Kino, dass sich sozialkritischen und gesellschaftlichen Themen widmete, und sehr stark vom französischen kritischen Realismus beeinflusst war (Carné, Renoir, Duvivier); zum Beispiel John Ford "Früchte des Zorns (The Grapes of Wrath)" (1940), nach einem Roman von John Steinbeck.
Nach zwei Weltkriegen versank die europäische Filmindustrie in die Bedeutungslosigkeit, während in den USA sehr produktive und auch aggressive Oligopole (Trusts) entstanden, die mittels Studio- , Starsystem, Verleihmonopolen und Lizenzen einen Weltmarkt eroberten. Die neuen Produktionsweisen machten den Autorenfilm so gut wie unmöglich, und erst Einflüsse aus dem wiedererstarkten Europa - vor allem den französischen Film (Film Noir) und italienischen Film (Neorealismus) betreffend - führten in den USA kurzfristig zu einem kleinen Boom des Autorenkinos, an dem in erster Linie immigrierte Filmemacher beteiligt waren (Ernst Lubitsch, Billy Wilder, Otto Preminger) und der frühe Alfred Hitchcock (als Ausnahme! Siehe weiter unten!).
Die Übermacht der US-amerikanischen Filmindustrie (Hollywood) mit ihren Majors und dem eingeführten Prinzip des Casting-Systems, führte zur Entwicklung einer stereotypen Filmsprache, in der sich der Filmautor nicht mehr als primär unabhängiger Künstler sah. Er war nurmehr zum Drehbuchlieferanten eines Filmprojektes abgesunken, und musste den Erfordernissen und Gesetzmäßigkeiten einer filmindustriellen Produktion nachkommen.
Erst in der nächsten großen Epoche des Autorenfilms, der Nouvelle Vague aus Frankreich, die wiederum sehr stark von den Filmen Alfred Hitchcocks beeinflusst waren, gewann der Autorenfilmer seinen künstlerischen Stellenwert wieder zurück. Alfred Hitchcock ist hier jedoch als Ausnahme zu sehen; obwohl er kein echter Autorenfilmer war (alle Drehbücher waren Adaptionen von literarischen Vorlagen), entwickelte er eine eigene Filmsprache, und trat als Starregisseur in den Vordergrund. Ebenso dürfte auch in der frühen Phase des amerikanischen Kinos der Autorenfilmer Orson Welles (1915-1985) als singuläre Erscheinung gesehen werden. Zum ersten Mal wurden beim Film "Citizen Kane" (1941) alle wesentlichen Produktionsschritte dem Autor überlassen: Drehbuch, Regie, Kamera, Schnitt (Final Cut). Auch der Einfluss des japanischen Autorenfilmers Akira Kurosawa (1910-1998), mit seinen zwei Filmen "Die sieben Samurai" (1954) und "Rashomon" (1952) auf das amerikanische Hauptgenre Western soll hier nicht unerwähnt bleiben. Die Nouvelle Vague des französischen Films der 50 und 60er Jahre glänzte mit bedeutenden Filmemachern wie François Truffaut (1932-1984), Jean-Luc Godard, Louis Malle, Jacques Rivette, dem Spanier Luis Buñuel (1900-1983), und Eric Rohmer.
Einen Sonderstatus wie Alfred Hitchcock hat der amerikanische Filmemacher Stanley Kubrick (1928-1999) verdient. Auch Kubrick war kein "echter" Autorenfilmer - seine Drehbücher sind Adaptionen, oder gemeinsam mit den Originalautoren erarbeitet worden; beispielsweise mit Arthur C. Clarke bei "Odyssee 2001" (1965), oder mit Vladimir Nabokov in "Lolita" (1961). Dennoch hat er mit neuer Bild- , Filmsprache und neuen Techniken das Kino revolutioniert. "2001: Odyssee im Weltraum" gilt nach wie vor als Meilenstein des Science-Fiction-Films.
Als weitere bedeutende Gegenbewegungen zum Mainstream des Kinos können noch "New british Cinema" (mit dem wichtigsten Vertreter Peter Greenaway), "British Cinema of the Sixties", und der "Neue deutsche Film" genannt werden, der vor allem von dem Filmemacher und Autor Alexander Klugeinitiiert wurde. Als Gegenentwurf zum gefälligen deutschen Kino der Wirtschaftswunderjahre, fanden sich 26 Filmautoren, die das so genannte "Oberhausener Manifest" formulierten, und damit eine fruchtbare Zeit für den deutschen Autorenfilm einleiteten. Bedeutende Vertreter sind Volker Schlöndorff, Alexander Kluge, Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog und Hark Bohm.
Selten in Betracht gezogen, und von der Filmliteratur sträflich vernachlässigt, sind die hervorragenden Autorenfilme der ehemaligen DDR. Trotz des Diktats der Agitationspropaganda und anderen politischen Zwängen und Einschränkungen, entstanden einzigartige Autorenfilme (Die Legende von Paul und Paula (1973) von Heiner Carow/Ulrich Plenzdorf; Spur der Steine (1966) von Frank Beyer) , die nicht nur junge Filmemacher aus der BRD beeinflussten (Rainer Werner Fassbinder), sondern auch den russischen Film, dessen unangefochtene Ikone des Autorenfilms der "Filmphilosoph" Andrei Tarkowski (1932-1986) war.
Rege Aktivitäten des Autorenkinos können derzeit in aufstrebenden europäischen Ländern beobachtet werden: In Spanien mit seinem Starfilmemacher Pedro Almodovar, in Belgien mit Benoit Poelvoorde und in Dänemark mit der programmatischen Gruppe Dogma 95. Auch in den USA sind seit den 90er Jahre einige unabhängige Filmemacher zu beobachten zum Beispiel Quentin Tarantino, Jim Jarmusch, Darren Aronofsky, Paul Thomas Anderson, der Franzose Luc Besson und die Coen-Brüder Ethan und Joel. Ein Phänomen, das in den letzten Jahren zunahm, ist die amerikanische Wertschätzung für europäische Autorenfilme. Nicht selten wurden Autorenfilme adaptiert und neu verfilmt:
Wim Wenders "Himmel über Berlin" (BRD 1987) / "Stadt der Engel" (City of Angles) (USA 1998)
Alejandro Amenabars "Öffne die Augen" (Abre los Ojos) (Spanien 1997) / "Vanilla Sky" (USA 2001),
Ole Bornedals "Nachtwache" (Dänemark 1993) / Nightwatch (USA 1996),
Helmut Diederichs: The Origins of the Autorenfilm, 1895-1920, hg.v.P.Cherchi Usai u. L.Codelli. Pordenone (1990), S.380-401
Leonardo Quaresima: Dichter, heraus! The Autorenfilm and German Cinema of the 1910s, In: Griffithiana Nr.38/39 (1990), S.101-120
Deniz Göktürk: Atlantis oder: Vom Sinken der Kultur. Die Nobilitierung des frühen Kinos im Autorenfilm, In: Schwarzer Traum und weiße Sklavin, M.Behn (Red.), München (1994), S.73-86
Hermann Kappelhoff: Der möblierte Mensch, Berlin (1995)
Gustav Ernst: Autorenfilm, Filmautoren, Wien (1996)
Corinna Müller: Das andere Kino? Autorenfilme in der Vorkriegsära, In: Die Modellierung des Kinofilms, hg.v.C.Müller + H.Segeberg, München (1998), S.153-192
Markus Stiglegger (Hg.): Splitter im Gewebe. Filmemacher zwischen Autorenfilm und Mainstreamkino, Mainz (2000)
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