Dass Theodor Adornos Thesen zur Aufarbeitung der Vergangenheit auch heute noch eine gewichtige Rolle spielen, und dass die Erziehung nach Auschwitz nicht lückenlos funktioniert hat, wie Adorno es sich vorstellte beziehungsweise wie er es für nötig hielt, schildert der israelische Botschafter in Deutschland, Berlin, Avi Primor in der Europäischen Rundschau 4/2002 sehr genau. Um sein Gesamtbild von der Lage wirklich gut darzustellen, soll er ausführlich zitiert werden:
Anders gesagt, die [...] Vorurteile der Deutschen gegen die Juden in der Nazizeit sind nach Kriegsende in den Köpfen der meisten Deutschen mehr oder weniger bestehen geblieben. Die Deutschen, die behaupten, dass das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs als ?Pech? bezeichnet werden sollte, haben aus der Naziideologie, die sie zu diesem Pech geführt hat, vorerst keine Konsequenzen gezogen. [...] Langfristig gesehen konnte aber nur eine Echte und tiefgreifende Erziehung der Jugend die Deutschen mit anderen Ideen als jenen, mit denen sie während der Nazizeit indoktriniert worden sind, prägen. [...] Diese Erziehung war in den ersten Jahren nicht lückenlos. [...] Die Geschichte Nazideutschlands und die Konsequenzen, die man daraus ziehen sollte, waren in den meisten Schulen und in deren Lehrplänen vollkommen abwesend. [...]
Zwei Fragen sind jedoch bis heute noch offen geblieben:
[1.] Inwiefern ist die neue Einstellung gegenüber den Juden tiefgreifend und stabil oder, zumindest zum Teil, nur politisch korrekt und infolgedessen vielleicht sogar vorübergehend? [...]
[2.] Betrachten die Deutschen die gleichberechtigten Juden [...] als Deutsche schlechthin? Gibt es für die Deutschen heute katholische Deutsche, evangelische Deutsche und jüdische Deutsche, die alle gleiche und echte Deutsche sind?
[...] Die Begründung dieser Haltung lautet immer: Muss man immer als Antisemit betrachtet werden, wenn man Meinungsverschiedenheiten mit der Politik einer israelischen Regierung äußert? Ich akzeptiere diese Argumente nicht, [...], ich sage, dass man eine Politik, auch einen Menschen, einen Juden, kritisieren darf, dass aber in dieser Kritik keinerlei Bezugnahme auf die jüdische Herkunft der kritisierten Person etwas zu suchen hat. [...] Solange wohlwollende Deutsche dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland nach der Rede des israelischen Präsidenten vor dem deutschen Bundestag sagen können: 'Ihr Präsident hat eine wundervolle Rede gehalten', wird eine Empfindlichkeit bestehen, die auf gegenseitigem Argwohn beruht.
Vor allem im ersten Teil fallen viele Argumente auf, die sich mit Thesen Adornos, etwa hinsichtlich des Verhältnisses Erziehung/Entstehung von Antisemitismus decken. Avi Primor schildert aber vor allem, dass der Jude, und das nicht nur in Deutschland, oft als Fremdkörper wahrgenommen wird. Das Beispiel mit der Rede des israelischen Präsidenten ist dabei besonders eindrucksvoll. Dieses aber zu verhindern, dass der Jude also Fremdkörper und somit auch als ausgegrenztes Subjekt in der Gesellschaft steht, das sich im Ernstfall nicht wehren kann, das war Adornos Bestreben. Zu einer entsprechenden Erziehung der Kinder gehört eben im wesentlichen eine Aufarbeitung der Vergangenheit, wie Adorno sie beschrieb.
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