Atlantis ist die allgemein geläufige Bezeichnung für jenen Inselkontinent, der von dem griechischen PhilosophenPlaton in seinen um 360 v. Chr. abgefassten Dialogen Timaios und Kritias erwähnt wird. Mit Atlantis bzw. Atlantern bezeichnet man meist auch die Hauptstadt dieses Inselkontinents und seine Bewohner.
Platon selbst nennt keine Namen für Insel, Stadt und Volk, sondern bezeichnet sie nach ihrem ersten König Atlas adjektivisch als "atlantisch" bzw. genitivisch als "Atlantis", woraus die Rezeption dann den Namen Atlantis gebildet hat. Dieser erste König Atlas von Atlantis ist nicht zu verwechseln mit dem Himmelsträger Atlas aus der griechischen Mythologie.
Nach Platon existierte der Inselkontinent Atlantis ca. 9000 Jahre vor Platons Zeit, soll größer als Kleinasien (Asia) und Nordafrika (Libya) zusammen gewesen sein und habe vor der Meerenge von Gibraltar ("Säulen des Herakles") im Atlantik gelegen. Durch Erdbeben sei Atlantis im Laufe eines Tages versunken.
Atlantis wird als äußerst fruchtbar und volkreich beschrieben, auch habe es dort Berge großer Höhe gegeben. Die Hauptstadt von Atlantis habe am Rande einer riesigen, zentral gelegenen Ebene am Meer gelegen und wies in ihrem Zentrum drei konzentrische Wasserringe auf, die um einen mittleren Hügel mit Tempeln und der Königsburg lagen.
Die Atlanter hätten ein zu Platons Zeiten unbekanntes Material namens Oreichalkos, d.h. Bergerz, gekannt, das sie nach dem Gold am meisten schätzten.
Die Herrscher von Atlantis stammten ursprünglich von GottPoseidon ab. Da sie durch Vermischung mit Sterblichen im Laufe der Zeit ihre Göttlichkeit verloren, sei das Königreich Atlantis in Dekadenz verfallen und habe versucht, in einem großen Krieg alle Länder des Mittelmeeres zu erobern. Gegen diesen Plan habe Zeus den Götterrat einberufen.
An dieser Stelle der Erzählung bricht der platonische Atlantis-Dialog Kritias unvermittelt ab.
Hypothesen
Platon gibt an, den Bericht über Atlantis über mehrere Überlieferungsschritte (Kritias, Solon) aus dem ägyptischen Tempel in Sais erhalten zu haben. Fest steht, dass es nicht ausschließlich Platons Absicht war, einen historischen Bericht wiederzugeben. Vielmehr steht der Atlantis-Bericht im Kontext der platonischen Staats- und Geschichtsphilosophie. Atlantis wird als Gegenspieler zu einem idealisierten athenischen Staat vorgestellt, dessen Historizität genauso unsicher ist wie die von Atlantis.
Da Platon selbst den Atlantis-Bericht als sachlich wahr präsentiert, ist es unzutreffend, von einem "Mythos", einer "Sage" oder einer "Legende" zu sprechen.
Die Diskussion um Realität oder Fiktion des Atlantis-Berichts dauert an und es gibt zahlreiche mehr oder weniger plausible Erklärungsversuche. Einige der bekanntesten Hypothesen sind:
Die Mehrzahl der Archäologen geht davon aus, dass es sich bei Atlantis um eine literarische Fiktion Platons handelt, anhand derer Platon diverse politische und geschichtliche Erkenntnisse exemplarisch vor Augen führen wollte. So meint der Amerikaner W. A. Heidel, Platon habe absichtlich ägyptische Priester als Quelle der Geschichte angegeben, weil er Satire beabsichtigte. Die Ägypter gaben laut Platon an, Athen sei um tausend Jahre älter als die Kultur am Nil. Laut Heidel wollte Platon damit den griechischen Traditionalismus verspotten. Die Existenz eines steinzeitlichen Weltreichs halten die meisten seriösen Forscher heute für unglaubwürdig, und schon Platons Schüler Aristoteles hielt die Geschichte für erdacht. Anregungen zu seiner Fiktion fand Platon in der Literatur seiner Zeit, z.B. bei Herodot.
Zu den wenigen ernsthaft diskutierten Orten für die einstige Lage von Atlantis gehört die griechische Insel Kreta. Der Franzose August Nicaise formulierte 1885 als erster die These, das einst dort existierende Minoische Reich könnte durch einen Vulkanausbruch auf der KykladeninselSantorini (im Altertum Thera) ausgelöscht wurden sein, und damit den Ursprung der Atlantis-Sage bilden. Der griechische Archäologe Spyridon Marinatos grub 1967 auf Santorini die Ruinen einer minoischen Stadt aus, und fand Hinweise auf einen Vulkanausbruch im frühen 15. Jahrhundert v. Chr.. In neuerer Zeit wurde der Zeitpunkt des Ausbruchs jedoch auf 1628 v. Chr. datiert, womit Marinatos' Theorien ins Wanken gerieten, da die Minoische Kultur auf Kreta noch etwa bis 1450 v. Chr. existierte. Colin MacDonald und Jan Driessen sind jedoch der Meinung, der Ausbruch auf Thera hätte nicht zu einem plötzlichen Untergang der Minoer, sondern lediglich zu Unruhen und einer Art Bürgerkrieg geführt, in dessen Folge das Minoische Reich so geschwächt war, dass es den Eroberungszügen der Mykener nicht standhalten konnte.
Der Schweizer Geoarchäologie Eberhard Zangger sieht Atlantis als eine bronzezeitliche Stadt und stellte die bekannte und vieldiskutierte Formel "Troja = Atlantis" auf. Dabei findet er nicht weniger als 600 hoch plausible Entsprechungen in den jeweiligen Berichten (z.B. die Zahl der Schiffe), die eine Identität der beiden Städte nahelegen. Dabei wird den Dardanellen, die je nach Jahreszeit nur in einer Richtung schiffbar waren, die Rolle der Landenge zugeschreiben, und der Hafenstadt die Schutzfunktion vor Unwettern sowie die Funktion als Zwischenlager, bis der Seeweg wieder schiffbar war. Troja wurde bekanntermassen zerstört, und die Ebene zu ihrem Fuß war definitv ein leichtes Opfer für Sturmfluten aufgrund von Erdbeben, Seebeben, Vulkanausbrüchen oder Erdrutschen ins Meer. Anhaltspunkte für Werftanlagen in den umschliessenden Fels-Massiven existieren ebenfalls. Widersprüchlich an dieser These ist jedoch, dass Homer seine Ilias im 8. vorchristlichen Jahrhundert schrieb, Platon also das Werk und somit auch Troja gekannt haben müsste.
Für Patara in der Türkei als Kandidat für Atlantis sprechen u.a. folgende Argumente: Es liegt jenseits der Säulen des Herakles, wenn Platon damit nicht Gibraltar, sondern den Koloss von Rhodos gemeint hat; neuere Münzfunde belegen die historische Schreibweise Atara statt Patara, was bei einer Aussprache des "r" als "l" schon nahe an "Atlantis" herankommt; Patara besitzt wie Atlantis einen sehr großen Hafen; laut Herodot besaß Patara einen Apollo-Tempel und (wie Delphi) ein eigenes Orakel, wo eine Jungfrau, als Amazone gekleidet, unter Weihrauch-Dämpfen und von einer Schlange und einer Eule umgeben, weissagte; gerade wurde in Patara auch der überdimensional große Königspalast identifiziert; wie Atlantis wurde Patara durch Erdbeben zerstört.
Der deutsche Pastor und Privatgelehrte Jürgen Spanuth war davon überzeugt, dass Atlantis während der späten Bronzezeit in der Nordsee lag und die Beweise dafür auf dem Meeresgrund nahe bei Helgoland zu finden wären. Früher lag die Nordsee über dem Meeresspiegel und besaß fruchtbare Ebenen. Besiedlungen wurden auf Meeresgrund bereits entdeckt. Die Atlanter wären demnach Germanen gewesen.
Nach der ursprünglichen Hypothese von Georgeos Díaz-Montexano (veröffentlicht im Jahr 2000) habe Atlantis ebenfalls in der späten Bronzezeit in Iberia oder Spanien gelegen, und zwar in Tartessos (dem biblischen Tarschisch) bei Gadeira oder Cadiz nahe Gibraltar. Auch Rainer Kühne (veröffentlicht im Jahr 2003) vertritt diese Hypothese.
Nach der von Charles Hapgood ausgearbeiteten Theorie, die der Wissenschaftsjournalist Graham Hancock erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorstellte, handelt es sich bei Atlantis um die Antarktis, die sich in historischer Zeit in einer wärmeren Klimazone befunden habe. Einzelne Verfechter der Antarktis-Theorie bemühen auch gerne eine der ersten Seekarten, die zu Südamerika existieren, nämlich die Karte des türkischen Admirals Piri Reis, die als Beleg dienen soll, dass die Küste der Antarktis vor gerade einmal 500 Jahren noch per Schiff bereist werden konnte. Dies ist aber insofern umstritten, als auf diesem Dokument die Küste Südamerikas aus teils rein praktischen und teils kartografischen Gründen umgebrochen erscheint, so dass das diskutierte Fragment einer Küstenlinie schlicht zu Südamerika gehören könnte.
Eine Theorie besagt dass Atlantis ein Reich sein könnte, das im Hinterland von Tunesien zu suchen ist. In diesem heute wüstenartigen Gelände existieren Reste von Salzseen, die in ihrem Niveau nicht höher als das Mittelmeer sind. Es wird von den Verfechtern davon ausgegangen, dass diese Flächen früher Teil des Mittelmeers waren oder von diesem aus hätten bereist werden können, und somit die Grundlage für die Existenz einer See-Nation gegeben war.
Eine Hypothese besagt, dass es sich bei der Atlantis-Kultur um die Megalith-Kultur handelt. Sie war eine jungsteinzeitlicheHochkultur (vor den Ägyptern) in Westeuropa (Irland, Bretagne). Ihre Hauptstadt, möglicherweise Carnac, weist Ähnlichkeiten mit der atlantischen Hauptstadt auf (z.B. große schiffbare Kanäle, fruchtbare Ebenen). Bei Absenkung des Meeresspiegels auf die damalige Höhe entstehen dort die Ringe aus Land und Wasser, die der Sage nach um den Poseidontempel und den Königspalast gezogen waren. Die Megalith-Kultur besaß großes astromisches Wissen und baute das berühmte Stonehenge. Die Megalith-Menschen huldigten nachweislich, wie die Atlanter, einem Stierkult. Atlas entsteht aus einer Luftspiegelung über dem Meer. Die Menhiralleen waren möglicherweise riesige Beobachtungsstellen für die Beobachtung von Fata-Morgana-Erscheinungen über dem Atlantik. Auch der Untergang der Insel findet sich in der irischen Mythologie wieder. Dort sind keltische Angreifer vor einem Sturm nach einer wundersamen Insel gefahren. Im Sturm wurden alle Boote vernichtet, die Insel versank. Ein Boot entkam, weil es wegen Schäden die Expedition nicht mitmachte, und brachte die Kunde von der versunkenen Insel zurück. Erst 1865 wurde die Phantominsel O'Brazil von den Seekarten offiziell gestrichen. Die silbernen Fassaden Atlantis' kann man heute an dem rekonstruierten Megalithgrab Newgrange in Irland bewundern.
Nach einer jüngst von Prof. Schoppe (Universität Hamburg) vertretenen Theorie soll Atlantis im Nordwesten des Schwarzen Meeres gelegen haben und 5510 vor Christus durch eine schlagartige Flutung des Schwarzen Meeres untergegangen sein. Demnach wäre mit den Säulen des Herakles der Bosporus gemeint. Der Untergang führte zu der jungsteinzeitlichen Revolution in Europa, der Ausbreitung der indoeuropäischen Sprachen und dem Auftauchen einer ersten Schrift 5500 vor Christus auf dem Balkan (sic!). Erst später - durch die Einwanderung der Protogriechen aus dem nördlichen Schwarzmeerraum auf die griechische Halbinsel 1950 vor Christus - wurde "der Westen" schrittweise in Richtung Gibraltar transponiert. Der sagenhafte Stoff Oreichalkos sei demnach der Obsidian-Stein, der als Zahlungsmittel eine Blüte erlebte und 5500 vor Christus in Europa durch die Spondylus-Muschel abgelöst wurde. Als letzter Rest der "Insel" Atlantis verbleibt die Schlangeninsel, ein Buntsandsteinhorst wie Helgoland mit einem Durchmesser von 600 Metern im nordwestlichen Schwarzmeer.
Otto Muck versucht in seinem Buch mit zahlreichen Beweisen seine These zu untermauern, dass Atlantis im atlantischen Ozean lag. Durch einen Meteoriteneinschlag vor 10.000 Jahren riss die Erdkruste auf, und Atlantis versank bis zu den Berggipfeln, die die heutigen Azoren bilden. Nebenbei verursachte der Einschlag das Ereignis, das viele Kulturen als Sintflut bezeichnen.
Robert Schoch von der Universität Boston glaubt Beweise für eine prähistorische Hochkultur auf dem malaiischen Archipel gefunden zu haben. Diese soll wichtige Schritte in der Entwicklung der Zivilisation gegangen sein. Nach dem Untergang dieses Reiches um 4000 v. Chr. sollen sich die Bewohner über die gesamte Welt verteilt und somit in Regionen wie Ägypten, Mesopotamien und Mittelamerika den Pyramidenbau sowie den Mythos von Atlantis gebracht haben.
Erst im April2004 startete der Amerikaner Robert Sarmast eine Expedition, die beweisen soll, dass mit Atlantis Zypern gemeint war. Mit geologischen Vermessungen des Meeresbodens zwischen Zypern und Syrien hofft er Hinweise darauf zu finden, dass sich dieser Landteil einmal über Wasser befunden habe. Das von Platon beschriebene Oreichalkos sei laut Sarmast Kupfer, für dessen Reichtum Zypern schon in der Antike bekannt war.
Missbrauch
Neben vielen ernstgemeinten Erklärungsversuchen hat sich eine regelrechte Atlantis-Industrie herausgebildet, die unter Ausnutzung der Unwissenheit der Menschen die verrücktesten Ideen über Atlantis verbreitet. Aber auch politisch wurde die Atlantis-Überlieferung bereits missbraucht: So sahen z.B. viele Nationalsozialisten in Atlantis (bzw. Ultima Thule) die nordische Urheimat der arischenRasse.
Matthias Schulz, Das Puzzle des Philosophen, in: Der Spiegel 53/1998, S. 156-167.
James Mavor, Reise nach Atlantis, Molden Verlag, München 1969 ISBN_3423009144
Otto Muck, Alles über Atlantis, Econ-Verlag, Düsseldorf/Wien 1976 ISBN_3426035480
Jürgen Spanuth, Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland, Grabert-Verlag, Tübingen 1976 ISBN_3878470347
Günther Kehnscherper, Auf der Suche nach Atlantis, Urania-Verlag. Leipzig 1978 ISBN_3332001612
Eberhard Zangger: Atlantis - Eine Legende wird entziffert, Droemer Knaur, München 1992, ISBN_3426265915
Burchard Brentjes, Atlantis - Geschichte einer Utopie, DuMont Buchverlag. Köln 1993, ISBN_3770129105
Heinz-Günther Nesselrath, Platon und die Erfindung von Atlantis. Lectio Teubneriana XI. K.G. Saur Verlag, München/Leipzig 2002, ISBN_3598775601
Franz Wegener, Das Atlantidische Weltbild - Nationalsozialismus und Neue Rechte auf der Suche nach der versunkenen Atlantis. Kulturförderverein Ruhrgebiet e.V., Gladbeck 2001, ISBN_3931300048
Robert Schoch, Die Weltreisen der Pyramidenbauer, Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2002, ISBN_3861504464
Siegfried und Christian Schoppe, Atlantis und die Sintflut, Books on Demand, Norderstedt 2004, ISBN_3833413913
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