Artaud propagierte eine völlig utopische Idee von einem Theater des Mangels und der Krise, das Theater der Grausamkeit. In dieser Form sollten Text, Sprache und Bewegung auf der Bühne keine Einheit mehr bilden. Vielmehr wollte Artaud die zentrale Rolle des Textes im Theater mindern und dafür sorgen, dass die Aufführung, also das Spektakel der Inszenierung, in den Vordergrund rückte. Eine Inszenierung bedeutete für Artaud immer schon einen lesbaren, in sich geschlossenen Text, so dass die Worte an sich einen geringeren Stellenwert bekamen.
Geboren am 4. September1896; Mitwirkung in ca. 20 Filmen, Verfasser von 26 Büchern, Tätigkeit im Alfred-Jarry-Theater in Paris, wird gemeinhin als Mitbegründer der Performance-Theorie angesehen. Mitglied der Bewegung des Surrealismus, mit der er 1926 brach. Ab 1937 Patient in geschlossenen psychistrischen Kliniken für neun Jahre wegen Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit; dort Behandlung mit Elektroschocks, Lithium, Quecksilber- und Wismutpräparaten. Er selbst konsumierte über Jahrzehnte Opium und Heroin. Am 4. März1948 wird er tot aufgefunden, in sitzender Haltung im Bett mit einem Schuh in der Hand.
Negation
Artaud stellte sein Theater der Grausamkeit unter drei Prämissen:
1. Der zerstreute Text - das Auftreten von Text auf der Bühne folgt keinen logischen Zusammenhängen, wie es sonst in der traditionellen westlichen Inszenierungspraxis der Fall ist. Diese Fragmentierung von Text stellte für Artaud eine Rebellion gegen die Zivilisation und Kultur dar.
2. Der entstellte Körper - hierbei fand Artaud viel Inspiration im traditionellen balinesischen Theater. Die Eigenmächtigkeit von Zeichen wie einer bestimmten Gestik oder Mimik, eines Kostüms oder nur dem Auftreten eines Körpers an sich war für seine Theatertheorie wichtig. Aggressionen und Wünsche sollten durch solche körperlichen Zeichen dargestellt werden. Die Körperlichkeit des Atems war für Artaud wichtig; der Atem war für ihn etwas von Darstellenden und Zuschauern Geteiltes und somit eine Verbindung zwischen Bühne und Publikum.
3. Die unterdrückte Stimme - die Blockade der Stimme, der Artikulation und des Gehört-Werdens spielten bei Artaud eine wichtige Rolle. Für ihn wurde die eigene Unterdrückung durch einen stummen Schrei sichtbar, und in gewisser Weise gerade durch die Stille auch hörbar. Es ging ihm weniger um Worte als um Geräusche, die den Zuschauer schmerzhaft berühren sollten.
Das Theater und sein Double
Artaud sah als Double des Theaters die Pest, die Metaphysik und die Grausamkeit.
Eine Aufführung sollte für ihn keine Mimesis, also Nachahmung der Wirklichkeit, sein, sondern war eine Wirklichkeit für sich. Das Theater ist also kein Double der Realität, sondern die Realität, die für Artaud immer grausam war, verdoppelt die Wirklichkeit des
Theaters.
Die von Artaud erstmals in ihrer vollen Schärfe artikulierte Idee eines "nicht-repräsentativen" Theaters, eines Theaters der direkt umgesetzten Energien des Seins selbst, hat auf viele KünstlerInnen und TheoretikerInnen des 20. Jahrhunderts großen Einfluss ausgeübt: u.a. auf Jerzy Grotowski, Tadeusz Kantor und Sarah Kane, auf die Performance- und Aktionskunst, aber auch auf Philosophen wie Gilles Deleuze und Félix Guattari.
Artaud, Antonin: Letzte Schriften zum Theater. Matthes & Seitz Verlag GmbH, München.
Artaud, Antonin: Das Theater und sein Double. Matthes & Seitz Verlag GmbH, München.
Literatur
Mattheus, Bernd u. Pichler, Cathrin (Hrsg): Über Antonin Artaud. Matthes & Seitz Verlag GmbH, München.
Mattheus, Bernd (alias Elena Kapralik): Antonin Artaud (1896-1948) Leben und Werk des Schauspielers, Dichters und Regisseurs. Matthes & Seitz Verlag GmbH, München.
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