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Aristotelismus (Philosophie)

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Der Aristotelismus bezeichnet die weltanschaulichen Lehren der Schüler und Nachfolger des Aristoteles, die im Lykeion organisiert waren und für die auch der Ausdruck "peripatetische Schule" (auch die "Peripatetiker" genannt) benutzt wird, sowie für die Ausrichtung des Denkens innerhalb der Geschichte der Philosophie, das Prinzipien, Bestandteile oder einzelnen Thesen der aristotelischen Philosophie im Unterschied zu den Lehrsätzen anderer Philosophen bevorzugte.


Inhaltsverzeichnis


  1 I. Die peripatetische Schule

  1.1 Die bedeutendsten Vertreter der peripatetischen Schule

  1.2 Zur aristotelische Schule, dem Lykeion

  2 II. Die aristotelische Denkrichtung

  2.1 Zur Aufnahme der aristotelischen Werke in der arabischen Philosophie

  2.2 Zur Aufnahme der aristotelischen Philosophie in der jüdischen Philosophie

3 Zur Verständniskrise im lateinischen Westeuropa durch das aristotelische Gedankentum

4 Zum Verbot der Schriften des Aristoteles durch die katholische Kirche

5 Zur Gegenströmung im Averroismus

6 Zu den Auswirkungen des Verbots

7 Zur Bewertung des philosphischen Erbes des Aristotelismus


I. Die peripatetische Schule

Die Schüler und Nachfolger des Aristoteles sahen ihre Hauptaufgabe darin, die aristotelische Philosophie im einzelnen zu interpretieren, zu ergänzen oder weiterzuentwicklen. In der Regel wurden von ihnen jedoch keine grundlegend neuen philosophischen Gedanken entwickelt oder wesentliche Neuerungen in das artistotelische philosophische Erbe hineingetragen. Im Vordergrund der Tätigkeit dieser Schule standen die Überlieferung und Kommentierung der Werke des Aristoteles.


Die bedeutendsten Vertreter der peripatetischen Schule

Der bedeutendste Vertreter dieser Schule war Theophrast von Eresos, ein unmittelbarer Schüler von Aristoteles und das erste Haupt - "Scholarch" genannt - der peripatetischen Schule. Theophrast befaßte sich mit der Botanik und mit bestimmten Thesen der sogenannten ersten Philosophie (Metaphysik) des Aristoteles. Besonders ausgearbeitet wurden von Theophrast die Ideen der Ewigkeit des Universums und von der Kontinuität der Welt. Er benutzte diese beiden Thesen, um die aristotelische Teleologie und die Lehre vom ersten Beweger von einem konsequent materialistischen Standpunkt aus zu kritisieren. Auch um die detaillierte Ausgestaltung der aristotelischen Aussagenlogik hat sich Theophrast verdient gemacht.


Sein Mitschüler Eudemos von Rhodos dagegen war bestrebt, Aristoteles mehr in idealistischer und theologischer Richtung zu interpretieren. Die nächste Schülergeneration, vertreten vort allem durch Straton von Lampsakos, bemühte sich wiederum um eine stärker materialistische Interpretation der aristotelischen Lehren. Straton hat noch konsequenter als Theophrast die aristotelische Auffassung vom ersten Beweger kritisiert. Straton sah die Ursachen für das Geschehen im Kosmos in den der Wirklichkeit eigenen und nicht in fremden Kräften. Seine besonderen wissenschaftlichen Bemühungen hatte Straton so sehr der Physik zugewandt, daß er den Beinamen "der Physiker" erhielt.


Sein Schüler Aristarch von Samos deutete auf der Grundlage der aristotelischen Philosophie die astronomischen Kenntnisse seiner Zeit, indem er sie zu einem heliozentrischen Weltsystem zusammenfaßte. Diese wurde allerdings von dem Geographen und Astronomen Claudius Ptolemäus verworfen und durch das geozentrische Weltsystem ersetzt. Seit dieser Zeit gelten die aristotelische Philosophie und das geozentrische Weltsystem als miteinander untrennbar verbunden und eines als der typische Ausdruck des anderen.


Ohne die Arbeit des Andronikos von Rhodos wären wahrscheinlich die aristotelischen Schriften nicht mehr in dem Umfange vorhanden und in der Reihenfolge geordnet, wie sie heute vorliegen. Andronikos soll als erster die Bezeichnung "Metaphysik" für diejenigen Schriften eingeführt haben, die Aristoteles als erste Philosophie bezeichnet hat.


Der bedeutendste antike Kommentator der aristotelischen Werke war Alexander von Aphrodisias, der eine materialistische Orientierung in seinen Kommentaren verfolgte. Seine Arbeiten waren wichtig für die Übernahme der aristotelischen Philosophie durch die arabischen Denker arabische Philosophie) und durch materialistisch eingestellte Denker der Renaissance (Alexandriner).


Zur aristotelische Schule, dem Lykeion

Die aristotelische Schule, das Lykeion, erhielt sich bis zum Jahre 529, in dem es von Kaiser Justinian zusammen mit allen anderen "heidnischen" Philosophieschulen als mit dem Christentum nicht vereinbar verboten wurde. Die peripatetische Schule hatte im Laufe der Zeit ihre ursprüngliche Bedeutung immer mehr verloren, das Denken ihrer Vertreter wurde zunehmend immer eklektischer.


II. Die aristotelische Denkrichtung

Das aristotelische Gedankengut hat nach dem Verbot der "heidnischen" Philosophie einen sehr wechselhaften Verlauf genommen. In Westeuropa wurde bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts nur wenige aristotelische Ideen verbreitet. Vorwiegend die Logik wurde auf der Grundlage von Teilen des Aristotelischen Organon gelehrt. Konkrete wissenschaftliche Erkenntnisse - die in ihrer Mehrheit auf Aristoteles zurückgingen - waren in den sieben freien Künsten (Artes liberales) zusammengefasst. Bewahrt und überliefert wurde das aristotelische Schrifttum und Gedankengut in griechischer Sprache von den Denkern von Byzanz (zusammen mit den Werken anderer Philosophen, die in griechischer Sprache geschrieben haben).


Zur Aufnahme der aristotelischen Werke in der arabischen Philosophie

Wirklich lebendig und zur geistigen Grundlage der Kultur wurde die aristotelische Philosophie vom 8. Jahrhundert an bei den arabischen Philosophen. Allerdings handelte es sich nicht um einen reinen, sondern um einen neuplatonisch überlieferten, gedeuteten und umgearbeiteten Aristotelismus. Die arabischen Philosophen waren sehr selbständig mit dem geistigen Erbe der Philosophie des Aristoteles umgegangen. Sie verwendeten diese der Wirklichkeit zugewandte Philosophie, um eigene, originale philosophische Lehren zu schaffen. Von dieser Grundlage ausgehend, haben die arabischen Philsophen die Wissenschaft und die philosophische Erkenntnis weitergeführt.


Zur Aufnahme der aristotelischen Philosophie in der jüdischen Philosophie

In die Geschichte des Aristotelismus gehört auch das von den mittelalterlichen jüdischen Denkern überlieferte, bearbeitete und weiterentwickelte Gedankengut des großen antiken Denkers (jüdische Philosophie. Sowohl die arabische wie die jüdische Philosophie standen am Beginn der Aufnahme des aristotelischen Ideenreichtums durch das katholische bzw. lateinische Westeuropa an der Wende des 12. zum 13. Jahrhundert. Durch die Übersetzungen aus dem Arabischen und Hebräischen wurde in Spanien des 12. und beginnenden 13. Jahrhunderts sowie an den Übersetzerschulen in Neapel und Salerno in Süditalien in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts fast das gesamte aristotelische Schriftgut bekannt.


Zur Verständniskrise im lateinischen Westeuropa durch das aristotelische Gedankentum

Durch die Aristotelesrezeption wurde das offizielle kirchliche Denken im lateinischen Europa in eine grundlegende Krise gestürzt. Der Gegensatz zwischen der materialistischen und der idealistischen Übernahme und Auswertung der aristotelischen Philosophie bestand von Anfang an. Am Beginn der Aristotelesrezeption im lateinsichen Europa standen die großen dedanklichen Leistungen der beiden materialistischen Philosophen Amalrich von Bena und David von Dinant. Amalrich knüpfte vor allem an die Form-Auffassungen des Aristoteles an. Die Form war für ihn das tätige Prinzip in der Materie. Form und Materie wurden von ihm untrennbar miteinander verbunden.


Die ideelle Konsequenz dieser Vereinigung war, daß die katholische Religion durch eine pantheistische Weltanschauung ersetzt wurde. Die pantheistischen Lehren des Amalrich haben eine bedeutende Rolle in der mittelalterlichen Ketzerbewegung gespielt. Einen anderen Weg der Aristotelesrezeption beschritt David von Dinant, der die aristotelische Philosophie direkt aus griechischen Quellen kannte. David hat die aristotelische Philosophie als ideelle Grundalge für seine eigenen philosophischen Lehren und wissenschaftlichen Erkenntnisse benutzt. Er war bemüht, die aristotelische Philosophie von ihren idealistischen Elementen und fremden Beimengungen zu reinigen, um sie wissenschaftlichem Denken zugrunde legen zu können.


Zum Verbot der Schriften des Aristoteles durch die katholische Kirche

Diese Bestrebung hat ihn folgerichtig zum materialistsichen Pantheismus geführt. An der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert war es im lateinischen Europa noch nicht möglich, sich die untrennbare Vereinigung von Stoff (d.h. Materie), Form und erstem Beweger anders vorzustellen als in der gegenseitigen und vollständigen Durchdringung von materieller Wirklichkeit und göttlichem Wesen. Die betont materialistischen Lehren des Amalrich und David haben zu schärfsten Maßnahmen seitens der katholischen Kirche geführt, die im Jahre 1210 alle Schriften des Aristoteles (mit der Ausnahme der Arbeiten zur Logik) verbreiten ließ.


Erst die Arbeiten des Albert von Bollstädt, endgültig jedoch die Aristotelesrezeption durch Thomas von Aquin haben den Aristotelismus in seiner - im Sinne des Katholizismus - gereinigten und umgearbeiteten Form zur offiziellen Philosophie der katholischen Kirche werden lassen (siehe Thomismus, Neuthomismus). Thomas von Aquin hat die konservative und theologische Seite der aristotelischen Philosophie ausgenutzt, um eine solche orthodoxe katholische Philosophie zu schaffen, die den Wandlungsprozessen der feudalen Gesellschaft entsprach und dem Aristotelismus seine materialistsiche "Gefährlichkeit" nahm.


Zur Gegenströmung im Averroismus

Gegen die kirchliche Aristotelesrezeption entstand sehr bald eine antikirchliche und vor allem weltlich ausgerichtete Bewegung im Averrroismus. Der Averroismus griff auf die aristotelische Philosophie zurück in der Form, wie sie ihr von dem arabischen Philosophen Ibn Rushed (Averroes) verliehen worden war. Auf der Grundlage der arabischen Philosophie leugneten die Averroisten die Weltschöpfung, die Existenz Gottes, der Engel u.a., entwickleten sie eine Staats- und Gesellschaftslehre, die dem Papst und der kirchlichen Hierarchie die Berechtigung für die Machtausübung absprach, und forderten, daß sich die Kirche streng auf die religiösen Probleme beschränkte.


Gegen diese materialistische Aristotelesrezeption kämpfte die katholische Kirche mit allen Mitteln. Im Jahre 1270 und vor allem im Jahre 1277 ließen sie den Averroismus mit einem sehr ausführlichen Dekret verurteilen. Die Ereignisse des Jahres 1277 hätten sich für die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens hinderlich auswirken können, wenn die katholische Kirche in diesem geistigen Kampf in dieser Beziehung die Oberhand behalten hätte. Dem entgegen standen in den aufblühenden Städten bestimmte Gruppen innerhalb der städtsichen Schichten, die sich gegen diese extrem orthodoxen Bestrebungen stellten. Die Averroisten vermochten auf diese Weise nicht nur auf ihren philosophischen Ideen zu beharren, sondern diese systematisch weiterzuentwickeln.


Zu den Auswirkungen des Verbots

Obwohl durch das Verbotsdekret von 1277 auch die philosophischen Thesen von Thomas von Aquin verurteilt waren, wurde die thomistische Philosophie innerhalb des Dominikanerordens für verbindlich erklärt. In Deutschland konnte die weitere Anwendung der Philosophie von Aristotels nicht unterbunden werden. Bei der Neuordnung des höheren Schulwesens im Sinne des Protestantismus hat z.B. Philipp Melanchthon die Werke des Aristoteles und des Thomas von Aquin für verbindlich erklären lassen. In der Entwicklung der Renaissance ab dem 16. Jahrhundert wurde durch viele neue Erkentnisse, vor allem in den Wissenschaften, der Aristotelismus überwunden.


Zur Bewertung des philosphischen Erbes des Aristotelismus

Der Aristotelismus hat eine sehr beständige und sehr lange andauernde geistige Entwicklung auf die Geschichte des menschlichen Denkens ausgeübt. Er hat deshalb nie eine Renaissance erlebt und es ist auch nie eine Form des "Neuaristotelismus" entstanden, wie dies bei anderen vergleichbaren philosophischen Richtung auftrat. Erst als die Erkenntnisse über die Natur und Gesellschaft von realen anderen Quellen im Wissen der Menschen zunahmen, verlor auch der Aristotelismus seine bedeutenden Wirkungen. Mit der Entwicklung der Wissenschaften büßte die Philosophie des Aristoteles ihre dominante Stellung im Denken ein, wie es sich auch bei anderen antiken Philosophien ebenso entwickelte.


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