eine erkenntnistheoretische Richtung, welche die Existenz von Erkenntnisprinzipien vor jeder Erfahrung bzw. eine erfahrungsunabhängige Erkenntnis selbst annehmen.
Zur Methodik des Apriorismus
Das Wesen der aprioristischen Methode besteht darin, die Eigenschaften eines Gegenstandes nicht aus dem Gegenstand selbst zu erkennen, sondern sie als Beweis aus dem Begriff des Gegenstandes abzuleiten.
Zum Auftreten des Apriorismus in der philosophischen Entwicklung
Der Apriorismus tritt in der Geschichte der Philosophie in verschiedenen Formen auf, die sich darin voneinander unterscheiden, welcher Aspekt der Erkenntnis bzw. des Erkenntniosprozesses von ihnen als vor und unabhängig von der Erfahrung gegeben betrachtet wird.
So ist bei Platon die Erkenntnis insofern apriorisch, als sie in der Wiedererinnerung (Anamnese (Philosophie)) der Seele an von ihr früher und vor aller Erfahrung geschaute Ideen bestehen soll.
Eine andere Form des Apriorismus zeigt sich im Thomismus. Er vertritt die spekulative These, dass es insofern apriorische Erkenntnisse gebe, wie der menschliche Geist in gewisser Weise am göttlichen Geist teilhabe und deshalb zu Einsichten in die Ordnung der Welt gelangen könne, die die Erfahrung übersteigen.
Auch die Lehre von den eingeborenen Ideen (ideae innatae), wie sie von Rene Descartes, Nicolas Malebranche und Leibniz vertreten wurde, ist eine Variante des Apriorismus. Descartes zufolge verfügt der Mensch über bestimmte Begriffe(z. B. Sein, Ausdehnung, Dauer, Bewegung u. a.) und evidente Prinzipien, die ihm vor aller Erfahrung - gewissermaßen als Gesamtheit der Erkenntnisanlagen - gegeben sind und gemäß den jeweiligen äußeren Bedingungen der Erkenntnis angewendet werden und sich auswirken.
Im englischen Deismus, bei Herbert von Cherbury, werden die aprioristischen Erkenntnisanlagen als Ausdruck unwandelbarer göttlicher Wahrheiten gedeutet und sollen zwischen letzteren und der konkreten menschlichen Erkenntnis eine ursprüngliche Beziehung herstellen.
Malebranche legt die Lehre von den eingeborenen Ideen im Sinne des Platonismus aus, wenn er die Erkenntnis materieller Körper an die entsprechenden eingeborenen Ideen und die von jeder sinnlichen Erfahrung getrennte rationale Verstandestätigkeit knüpft.
Leibniz verteidigte die Lehre von den eingeborenen Ideen gegenüber der Auffassung von John Lockes, dass der Verstand eines Neugeborenen eine tabula rasa sei, und korrigiert das sensualistische Credeo Lockes :"Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu" im Geiste des Apriorismus durch die Ergänzung :"nisi ipse intellectus".
Die in der Geschichte der Philosophie ausgeprägteste Erscheinungsform des Apriorismus hat Immanuel Kant entwickelt. Während die Lehre von den eingeborenen Ideen einen erfahrungsunabhängigen Erkenntnisinhalt behauptet, nimmt Kant apriorische Formen der Anschauung wie Raum und Zeit und des Verstandes (den Kategorien) an, die ihm als Voraussetzung jeglicher Erfahrung gelten.
Zur Kritik des Apriorismus vom Standpunkt der Erkenntnistheorie
Der Apriorismus ist konsequenter Rationalismus ; der Gegensatz von Apriorismus und Aposteriorismus bildet eine Erscheinungsform des Gegensatzes von Rationalismus und Empirismus. So wie ein absoluter Rationalismus nicht existieren kann, so ist auch der erkenntnistheoretische Apriorismus, absolut gesehen, wissenschaftlich unhaltbar.
Er abstrahiert vom tatsächlichen geschichtlichen Gang der menschlichen Erkenntnis, deren erste Voraussetzung und letztes Kriterium die Kenntnis der tatsächlichen Beziehungen der objektiven Realität bildet.
Während z. B. Kant zu den apriorischen Voraussetzungen unserer Erkentnis Raum und Zeit als Formen der Anschauung und die Kategorien zählt, hat die Relativitätstheorie aufgedeckt, dass es keine vor jeder Erfahrung gegebenen Anschauungsformen von Raum und Zeit geben kann, und die Quantenphysik hat das, was Kant unter Substanz und Kausalität verstand, auf den Rang einer nur realtiven Wahrheit, die lediglich im Bereich der klassischen Physik absolute Geltung hat, verwiesen.
Der Apriorismus ist nur möglich als relativer Apriorismus, der rationalistische wie empiristsiche Einseitigkeit gleichermaßen vermeidet. Der relative Apriorismus beharrt grundsätzlich auf dem Grundprinzip jeder materialistischen Erkennnistheorie, dass anders als durch Empfindungen der Mensch keine Wirkungen auf die Sinnesorgane erfahren kann.
Es ist aber anzuerkennen, dass sich das menschliche Individuum im Erkenntnisprozess auf gewisse Voraussetzungen stürtzen kann, die ihm unabhängig von seiner individuellen, aktuellen Erfahrung, in diesem Sinne also relativ a priori gegeben sind.
Zum Auftreten vorheriger Kenntnisse als relatives Apriori
Insbesondere sind es drei Arten des relativen Apriori, die im wissenschaftlichen Erkentnisprozess eine Rolle spielen:
Der menschliche Erkentnisprozess hat sich in einem langen historischen Prozess herausgebildet; er ist nicht unabhängig von der objektiven Realität, sondern ist das Produkt der biologischen Vorgeschichte und der sozialen Geschichte des Menschen. Der individuellen Erfahrung, deren Material er im konkreten Fall verarbeitet, tritt er jedoch als etwas bereits Fertiges entgegen. In diesem Sinne kann er als ein relatives Apriori der Erkenntnis verstanden werden, da er seiner Struktur und Funktion nach unabhängig von der aktuellen Erfahrung ist.
Erkenntnisse, die durch die praktische Tätigkeit des Menschen als wahr bestätigt wurden, können ihrerseits als Kriterien für die Wahrheit neu zu erwerbender Kenntnisse auftreten und in diesem relativen Sinne als Erkenntnisse a priori gelten. So steht z. B. a&nbps;priori fest, dass jeder Versuch, ein Perpetuum mobile zu konstruieren, fehlschlagen muss, weil er dem wissenschaftlich gesicherten Gesetz von der Erhaltung der Energie entgegensteht. Nicht jede neue Erkenntnis muss unmittelbar aus der Erfahrung gewonnen werden. Sie kann von früheren Erkenntnissen ausgehen, diese gleichsam als von der unmittelbaren Erfahrung unabhängige Wahrheiten voraussetzen und sie unter Verwendung neuer praktischer, experimenteller u.%nbps;a. Befunde verallgemeinern. In diesem Sinne bildet z. B. die klassische Mechanik eine apriorische Voraussetzung der Quantenphysik.
Die Eigengesetzlichkeit der Entwicklung wissenschaftlicher Theorien, die durch Verallgemeinerung der Alltagserfahrung gewonnen wurden, kann zur Konstruktion abstrakter Gedankengebilde führen, die auf dem jeweiligen historischen Stand der wissenschaftlichen und sozialen Praxis keine Entsprechung in der objektiven Realität zu haben scheinen, die also keinen eidetischen Sinn, sondern nur einen reinen operativen Sinn haben. Im Verlaufe der weiteren Entwicklung der Wissenschaft können jedoch Anwendungsmöglichkeiten dieser abstrakten Theorien erschlossen werden, so dass sie gewissermaßen als "auf Vorrat konstruierte" und in diesem Sinne apriorische, vor der Erfahrung, die durch sie beschrieben wird, gegebene Theorien erscheinen. So existierte z. B. die zur Matrizendarstellung der Quantenmechanik benötigte nichtkommutative Algebra als theoretisches, abstraktes System, lange bevor sie zur Beschreibung quantenphysikalischer Prozesse angewendet wurde. Doch besteht das relative Apriori nicht vor und unabhängig von aller und jeder Erfahrung.
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