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Apriorische Anschauungsformen

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Die apriorische Anschauungsformen bezeichnet eine kritische Betrachtung der Grundidee von Immanuel Kant, daß nicht die Erfahrung und nicht das Überempirische die Grundlage der Metaphysik bilden, sondern das, was nach Kants Ansicht die Erfahrung erst ermöglicht: die apriorischen Formen der sinnlichen Anschauung, der Zeit und des Raumes, und andererseits die apriorischen Formen des Verstandes (des Denkens), der Kategorien.


Inhaltsverzeichnis


1 Die Anschauung als Voraussetzung des Denkens

2 Zum Zusammenhang von Anschauung und Verwendung der Begriffe

3 Zur Funktion der Sprache beim Denken im Prozess der Anschauung

4 Zur Deutung des Agnostizismus im "Ding an sich" bei Kant durch Moritz Schlick

5 Zu den Anschauungsformen Raum und Zeit

6 Zur Formulierung der transzendentalen Hauptfrage

7 Zur Überwindung der Vorstellung von der Begrenzung im Denken durch die Anschauungsformen

8 Zur transzendenten Logik bei Kant

9 Zu den apriorischen Anschauungsformem im Denken: den Kategorien

10 Zur Notwendigkeit der apriorischen Anschauugsformen in der Denktätigkeit

11 Zu den zwei Stufen der Synthesis im Erkenntnisprozess


Die Anschauung als Voraussetzung des Denkens

Um Dinge denken zu können, muß nach Kant die Möglichkeit ihrer Anschauung gegeben sein. Erst durch die Anschauung werden die Gegenstände zu Gegenständen der Erfahrung:


"Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind"(In: Kritik der reinen Vernunft).

Während der erste Satz dieses Zitats die notwendige Einheit von Rationalem und Empirischem betont, muß der zweite näher beleuchtet werden. Die Behauptung, daß es Gedankenkonstruktionen ohne einen Inhalt geben würde, ist in diesem Zusammenhang nicht erkennbar. Gedanken können sinnlos, sinnleer, verworren, phantastisch, abstrakt oder konkret, wahr oder falsch sein. Diese Annahme der Inhaltslosigkeit hätte nur eine Voraussetzung, daß nämlich das Denken nicht auf eine sachliche Gegenständlichkeit gerichtet ist: was heißt, daß es in der abstrahierenden Tätigkeit des menschlichen Denkes zu inhaltslosen Formen kommt. Das aber widerspricht der Annahme der Gegenstände der Erfahrung, die hier betrachtet werden sollen.


Zum Zusammenhang von Anschauung und Verwendung der Begriffe

Ebenso erweckt die Behauptung Zweifel, daß es Anschauungen ohne Begriffe gebe. Aus dem Verhältnis von Denken und Sprechen im oben genannten Zusammenhang ergibt sich, daß Begriffe Abstraktionen von konkreten und abstrakten Gegenständen und Prozessen darstellen. Das bedeutet aber durchaus nicht, daß Begriffe nichts Konkretes mehr enthalten. Indem der Begriff Allgemeines widerspiegelt, schließt er auch das Einzelne ein. Indem die Anschauungen ihrer anschaulichen Eigenschaften entkleidet werden, hören sie auf, für den Menschen "anschaulich" vorstellbar zu sein. So gelangt der Mensch mit Hilfe der Abstraktionen zu unanschaulichen Kategorien. Mit dem Erfassen des Anschaulich-Konkreten ist zugleich die Abstraktionsfähigkeit gegeben. Die Inhalte der menschlichen Wahrnehmungen betreffen nämlich nicht nur ein Sinnesorgan, sondern alle Sinne wirken zusammen, und zwar in Abhängigkeit vom Denken und der Sprache.


Zur Funktion der Sprache beim Denken im Prozess der Anschauung

Sprache und Denken wirken auf die Anschauungen zurück. Somit erweist sich eine Gegenüberstellung von Anschauung und Begriff, wie sie Kant in der "Kritik der reinen Vernunft" vorgenommen hat, als nicht begründbar. Auch Goethe und Hegel standen in dieser Frage im Gegensatz zu Kant. Anschauung hat nach Goethe nichts zu tun mit einem "bloßen Anblick einer Sache". Denn Anschauung und Begriff dürfen im Erkenntnisprozess nicht als zwei völlig heterogene Elemente betrachtet werden, sondern müssen im Zusammenhang vom konkret-anschaulichen und abstrakt-logischen Denken gesehen werden, wobei das relativ konkrete Denken die unmittelbare Widerspiegelung der Wirklichkeit ist. Daß nun Kants Verwechslung von Anschauung (Kant: intuitus) und Begriff (Kant: conceptus, notio) die alleinige Ursache für Kants Agnostizismus sei, wie es Moritz Schlick in seiner "Allgemeinen Erkenntnislehre" (Berlin 1918) behautet, muß angezweifelt werden.


Zur Deutung des Agnostizismus im "Ding an sich" bei Kant durch Moritz Schlick

Die Ursache von Kants Agnotizismus muß tiefer begründet werden.


"Der Phänomenalismus, welcher ja dem Begriff der Erscheinungen seinen Namen verdankt und behauptet, daß wir nur diese und nicht das Wesen der Dinge erkennen, ist überhaupt gänzlich unhaltbar; es kann mit aller Strenge bewiesen werden, daß seine Position in sich selbst widerspruchsvoll ist. Wir haben wiederholt betont, daß die Dinge an sich freilich als unerkennbar angesehen werden müßten, wenn man mit Kant glaubte, daß zur Erkenntnis eines Gegenstandes seine unmittelbare Anschauung erfordert werde, und jedesmal haben wir dargetan, daß man dies eben nicht glauben dürfe, weil das Erkennen so nicht definiert werden kann, sondern prinzipiell mit Anschauen nichts zu tun hat." (in: M. Schlick, Allgemeine Erkenntnistheorie, Berlin 1918)

Schlick behauptet also, daß keineswegs alles Denken nur anschaulicher, bildlicher Natur sei. Wenn den Verstandesbegriffen der Stoff nur durch sinnliche Anschauung gegeben wäre, und wenn die Begriffe ohne sinnliche Anschauung gar keine objektive Gültigkeit hätten und eine bloßes Spiel, sei es der Einbildungskraft oder des Verstandes, wären, dann wären alle Resultate eines Abstraktionsprozesses, der nicht unmittelbar mit der sinnlichen Anschauung in Berührung steht, "bloßes Spiel des Verstandes". Es muß jedoch betont werden, daß Kants Auffassung von der sinnlichen Anschauung keineswegs identisch ist mit den materialistischen Elementen der Lockeschen Erkenntnistheorie, die als Quelle der Sinnesqualitäten die materiellen Dinge der Außenwelt annimmt. Kant spricht vielmehr von einer "reinen Anschauung". Diese entsteht, wenn man von allen Empfindungen abstrahiert, und man kann nach Kant niemals eine Vorstellung bilden, daß kein Raum sei, ob man sich gleich wohl denken kann, daß keine Gegenstände darin angetroffen werden.


Zu den Anschauungsformen Raum und Zeit

Der Raum ist kein diskursiver oder, wie man sagt, allgemeiner Begriff von Verhältnissen der Dinge überhaupt, sondern reine Anschauung (Kant). Nach dem Fortlassen des Empfindungsinhaltes bleiben die Formen des Anschauens übrig, nämlich Raum und Zeit. Das ist die Lehre von den apriorischen Anschauungsformen der Sinnlichkeit, die transzendententale Ästhetik. Als transzendental bezeichnet Kant alle Erkenntnis, die sich nicht mit Gegenständen, sondern mit der menschlichen Erkenntnisart von Gegenständen, sofern diese a priori möglich sein soll, beschäftigt. Ein System solcher Begriffe nennt er Transzendentalphilosophie. Apriorische Erkenntnis gibt es nur von den Erscheinungen und ihrer möglichen Erfahrung.


Zur Formulierung der transzendentalen Hauptfrage

Die transzendentale Hauptfrage, die nach der Möglichkeit der synthetischen Urteile a priori forscht, teilt Kant in vier einzelne Fragen ein:


  • 1. Wie ist reine Mathematik möglich?

  • 2. Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?

  • 3. Wie ist Metaphysik möglich?

  • 4. Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich?


In den einzelnen Kapiteln der "Kritik der reinen Vernunft" werden diese Fragen behandelt:


  • die erste Frage: in der transzendentalen Ästhetik als der Lehre von den apriorischen Anschauungsformen (der Sinnlichkeit) Raum und Zeit, die die Bedingungen der Mathematik darstellen,

  • die zweite Frage: in der transzendentalen Analytik als der Lehre von den Kategorien und den synthetischen Grundsätzen a priori, die die Voraussetzungen der mathematischen Naturwissenschaften bedeuten,

  • die dritte und vierte Frage: in der transzendentalen Dialektik als der Lehre von den Ideen der Vernunft, die das Grundgerüst der Metaphysik darstellen.


Zur Überwindung der Vorstellung von der Begrenzung im Denken durch die Anschauungsformen

Kant hielt bekanntlich sie Sätze der reinen Mathematik für synsthetische Urteile a priori, während die apriorischen Anschauungsformen Raum und Zeit die reine Mathematik ermöglichen sollen. Doch die nichteuklidische Geometrie (bei Farkas Bolyai, Lobatschewski und Bernhard Riemann) zeigt, daß das menschliche Denkvermögen weiter reichen kann als unsere Anschauungsformen (in der euklidischen Geometrie bzw. galileischen Kinematik):


"Es kann also keine Rede davon sein, daß unsere Raumanschuung bestimmte geometrische Axiome eiegntümlich wären. Wir besitzen eben keine Anschauung des geometrischen Raumes....Der geometrische Raum ikst ein begriffliches Hilfsmittel zur Bezeichnung der Ordnung des Wirklichen, es gibt keine reine Anschauung von ihm und es gibt keine synthetischen Sätze a priori über ihn." (in: Moritz Schlick, Allgemeine Erkenntnistheorie, Berlin 1918)

Zur transzendenten Logik bei Kant

Die Analytik und die Dialektik faßt Kant zu der transzendenten Logik zusammen, durch welche eine erkenntnistheoretische Untersuchung des Wesens und der Prinzipien der Erkenntnisse vorgenommen wird. Sie bleibt nicht bei den Begriffen stehen,sondern sie ist gegenständlich. Die formale Logik hat der transzendentalen eine äußerst wichtige Vorarbeit geleistet, indem sie in elementarer Art Begriffe bildete und somit Voraussetzungen für eine Logik höherer Art schuf. Den Unterschied zwischen formaler und transzendenter Logik hat Kant in einem Brief an Christian Garve vom 7. August 1783 herausgearbeitet (siehe Transzendentale Methode).


Zu den apriorischen Anschauungsformem im Denken: den Kategorien

Das ist Kants Unterscheidung von formaler und transzendeter Logik. Die Gesetze und Kategorien der formalen Logik sind bei Kant im gleichen Maße "bloße Gesetze des Denkens" wie die der transzendenten Logik. Aus seinem Apriorismus folgt notwendig sein Idealismus in Fragen der formalen Logik. Wie das menschliche Anschauen nun nach Kant an bestimmte Formen gebunden ist, so sollen dem menschlichen Bewußtsein auch apriorische Anschauungsformen des Verstandes (im Denken) als gewisse Stammbegriffe in der Form von Kategorien unveräußerlich gegeben sein, auf die das Denken in allen seinen Funktionen angewiesen ist.


Raum und Zeit ermöglichen als apriorische Bestandteile der Erkenntnis erst alle Erfahrungen. Sie sind nur Formen der menschlichen Anschauung, nur subjektive Bedingungen unserer Sinnlichkeit, so daß sie zu den Dingen an sich in gar keiner Beziehung stehen können. Das gleiche gilt für die Begriffsformen oder Kategorien, wie Kausalität u.a. Ohne Raum und Zeit gibt es keine Anschauung, ohne Kategorien kein Denken, ohne beide keine Erfahrung, wobei der Zeit nach keine Erkenntnis im Menschen der Erfahrung vorausgeht:


"Daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel, denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch Gegenstände, die unsere Sinne rühren und teils von selbst Vorstellungen bewirken, teils unsere Verstandestätigkeit in Bewegung bringen, diese zu vergleichen, sie zu verknüpfen oder zu trennen, und so den rohen Stoff sinnlicher Eindrücke zu einer Erkenntnis der Gegenstände zu verarbeiten die Erfahrung heißt? Der Zeit nach geht also keine Erkenntnis in uns vor der Erfahrung vorher, und mit dieser fängt alles an. Wenn aber gleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anhebt, so entspringt sie darum noch nicht eben alle aus der Erfahrung".(in: Kritik der reinen Vernunft)

Zur Notwendigkeit der apriorischen Anschauugsformen in der Denktätigkeit

Unter Erfahrung versteht Kant nun nicht, wie im Empirismus, bloße Impressionen, sondern eine gedankliche Einheit aus den kategorialen Ordnungsprinzipen und dem Anschauunsgstoff. Die Erfahrung als der Inbegriff der Erkenntnisse enthält die Vorstellung von Gegenständen, die untereinander objektiv verbunden sind. Würde der Mensch nach Kant die apriorischen Anschauungsformen (als Formgesetz, Regel und Wirksamkeit in der Erkenntnis) nicht besitzen, dann müßte der Mensch in einem Gefühl der Empfindungen versinken. Der Mensch könnte keine Ordnungen, Strukturen, Gesetzmäßigkeiten der gegebenen Wahrnehmungstatsachen feststellen und würde weder das Bewußstein eines identischen Ichs noch das einer gegenständlichen Welt in sich haben.


Die "Einheit der Synthesis nach empirischen Begriffen würde ganz zufällig sein, und gründeten diese sich nicht auf einen transzendentalen Grund der Einheit, so würde es möglich sein, daß ein Gewühl von Erscheinungen unsere Seele anfüllte, ohne daß doch daraus jemals Erfahrung werden könnte. Alsdann fiele aber auch alle Beziehung der Erkenntnis auf Gegenstände weg, weil ihr die Verknüpfung nach allgemeinen und notwendigen Gesetzen mangelte, mithin würde sie zwar gedankenlose Anschauung, aber niemals Erkenntnis, also für uns so viel als gar nichs sein."(ebenda)

Zu den zwei Stufen der Synthesis im Erkenntnisprozess

Eine objektive Erkentnis setzt also immer das Zusammenwirken von Denken und Anschauung, von Verstand und Sinnlichkeit voraus, wobei das Denken in der auf das Mannigfaltige der Anschauung gerichteten Tätigkeit der Synthesis besteht. Diese Synthesis ist in den Kategorien wirksam, und sie ist ein Mittelding zwischen der reinen Intellektualität der Form und der Sinnlichkeit der Anschauung. Sie vermiitelt zwischen dem Reich der sinnlichen Erfahrung und den Verstandesbegriffen oder Kategorien, indem sie die heterogene Mannigfaltigkeit des sinnlichen Materials zu einer Einheit verknüpft. Sie stellt jene Kraft dar, mittels der der Verstand an die Gegenstände der uns möglichen Anschauung herankommt. In diesem Prozess unterscheidet Kant folgende Stufen der Synthesis:


  • 1. die Synthesis der Apprehension in der Anschauung
  • 2. die Synthesis der Rekognition im Begriff, d.h. das Mannigfaltige, das nach und nach Angeschaute und dann auch Reproduzierte ist zu einer Vorstellung vereinigt worden.


Zweifellos hat Kant mit diesen beiden Stufen der Synthese nicht immer streng die logischen und psychologischen Gesichtspunkte voneinander unterschieden, was sicherlich einer der Gründe war, warum Kant in der zweiten Auflage der "Kritik der reinen Vernunft" gerade diesen Abschnitt so sorgfältig umgearbeitet hat. Grundsätzlich bemühte sich Kant - um seine tarnszendentale Methode möglichst klar herauszuarbeiten - gleich vom logischen Ursprung der Erkenntnis auszugehen und nicht von einer psychologisch-genetischen Untersuchung der einzelnen Stufen des Bewußtseins, die zum logischen Denken geführt haben.


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