Der Antirationalismus bezeichnet eine hauptsächlich gegen den Rationalismus, also gegen die gesellschaftlich praktizierte Vernunft gerichtete Richtung.
In der deutschen Philosophie vertritt an vorderster Position Friedrich Nietzsche diese antirationale Denkweise. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts greift diese Denkrichtung auf Teile der gebildeten Jugend über. Er stellt den Versuch dar, den angestammten Dekmustern des 19. Jahrhundert auszuweichen bzw. zu entkommen.
Der Antirationalismus sollte den Menschen eine neue Bestimmung jenseits des naturwissenschaftlich-rationalistischen Denkens geben und so der Entwicklung von der klassischen bürgerlichen Gesellschaft zur entfesselten industriellen Massengesellschaft begegnen, die gleichbedeutend mit der Auflösung der alten Welt des Bildungsbürgertums verbunden war.
Die Industriegesellschaft brachte zwar viele materielle Verbesserungen mit sich, zugleich hatte sie aber ihre Eigengesetzlichkeit entwickelt, die dem einzelnen keinen großen Spielraum mehr aufzeigte, sondern ihm den mächtigen Apparat als Übermacht gegenüberstellte. Das eigentliche "Leben" war nun der reelle Mittelpunkt der neuen Anschauungen:
"Dem Begriff des Lebens entspricht die subjektive Form des Erlebens im Gegensatz zum analytischen Durchdringen und Durchdenken einer Sache. Alles ist gut, was dem Leben frommt, alles schlecht, was seiner Fülle Eintrag tut. Doch dieser Lebensbegriff ist in sich selbst nicht geklärt. Er hat etwas rausch- haftes, Dionysiches; er duldet nicht, daß nach seinem eigentlichen Sinn gefragt werde." (1)
Das jetzt alltägliche Leben duldet keine Kritik und brauchte auch nicht gerechtfertigt zu werden. Die Überhöhung des Lebensbegriffes führt zur Abwertung aller Erscheinungen der Gegenwart, die nicht akzeptiert werden konnte. Der bedeutendste Antirationalist Nietzsche sah den Verlust der alten Werte - gerade auch der Religion - und der ihnen immanenten Lebensvorstellungen voraus.
In dieser Situation mußte die Rebellion gegen die neuen Wertvorstellungen ausbrechen, sich jetzt zum Herrn des Schicksals selbst erheben. Es sollte eine "Umwertung aller Werte", ein Abstreifen der abendländischen Kulturwerte folgen. Aus der Bejahung des Kreatürlichen und Instinkthaften sollte eine neue Elite des "Übermenschen", den künftigen Gestaltern der Geschicke der Menschheit, erwachsen.
In der Jugendbewegung hatten diese Vorstellungen die größte Resonanz gefunden. Auch die Thesen von Wilhelm Dilthey und seiner Schüler hatten großen Einfluss ausgeübt. Nicht mehr rationales Erkennen, sondern erlebendes Innesein sollte zum Verstehen und Erfassen des Lebens führen, was in der Lebensphilosophie gezeigt wurde.
Ihre schlimmsten Auswirkungen hatten diese Vorstellungen, als sie mit antidemokratischen, antiparlamentarischen Richtungen verschmolzen und somit die Grundlagen der Stützung der jungen Weimarer Republik unterminierten.
Literatur
(1) Kurt Sontheimer, Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des deutschen Nationalismus 1918 bis 1933, München 1978
Karlheinz Derke, Reich und Republik. Deutschland 1917-1933, Stuttgart 1981
Fritz K. Ringer, Die Gelehrten. Der Niedergang der deutschen Mandarine 1890-1933, München 1987
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