Historisch bezeichnet Antike im Sinne der klassischen Altertumswissenschaft die Zeit von der allmählichen Herausbildung der griechischen Staatenwelt bis zum Ende des weströmischen Reichs im Jahr 476.
Der Anfang der antiken Kultur im klassischen Sinne wird im Allgemeinen mit der Entstehungszeit der Homerischen Epen und dem Beginn der griechischen Kolonisation des Mittelmeerraums im 8. Jahrhunderts v. Chr. angesetzt. Die Griechen verbreiteten ihre Bildung und Kultur in den folgenden Jahrhunderten im gesamten Mittelmeerraum und seit Alexander dem Großen auch im Orient und nach Zentralasien hinein. Die Römer brachten die antike Kultur bis nach Mittel- und Nordwesteuropa, wo sie sich seit dem frühen Mittelalter zur christlich-abendländischen Kultur wandelte.
Epochenabgrenzung
Je nach Forschungsrichtung werden aber auch die Zeiten der minoische und die Mykenische Kultur von etwa 1900-1100 v. Chr. sowie die Epoche der so genannten "dunklen Jahrhunderte" 1100-800 v. Chr. zur griechisch-römischen Antike gerechnet.
Die Ursprünge der europäischen Antike liegen im Dunklen. Ihre Vorgeschichte ist etwa in der Zeit von 1900-1400 v. Chr., in der so genannten minoischen Kultur auf Kreta anzusiedeln. Aus dieser Frühzeit sind einige schriftliche Überreste erhalten (u.a. sog. Linearschrift A), die aber bisher nicht vollständig entschlüsselt werden konnten. Die Texte der entschlüsselten Linearschrift B deuten darauf hin, dass der Palast von Knossós damals ein wirtschaftliches Zentrum Kretas war.
Auf dem griechischen Festland blühte etwa zur gleichen Zeit (etwa 1700-1200 v. Chr.) die mykenische Kultur, die uns archäologisch durch die zahlreiche Burgen überliefert ist, z. B. Mykene und Tiryns auf der Halbinsel Peloponnes. Diese Burgen entstanden wohl unter dem Einfluss der minoischen Palastkultur. Etwa 1100-800 v. Chr. setzt man das "Dunkle Zeitalter" an, aus dem uns nur wenig überliefert ist und in der viele der Burgen zerstört worden zu sein scheinen. Von ca. 1050-900 v. Chr. dauerte die Ionische Wanderung, in deren Verlauf die Einwohner des griechischen Festlandes die Inseln der Ägäis und Kleinasiens kolonisierten.
Zugleich bildete sich das System der griechischen Stadtstaaten, der Poleis heraus. Sparta im Süden der Peloponnes unterwarf 720-600 v. Chr. Messenien und kontrollierte damit den gesamten südwestlichen Teil der Halbinsel. Die Stadt mit ihrer oligarchischen Verfassung kann als das erste Beispiel der fortan beherrschenden Polis-Struktur gelten. Auch in vielen anderen griechischen Stadtstaaten regelten Verfassungen das Zusammenleben der Bürger, aber auch die Tyrannis, wie sie um 650 v. Chr. beispielsweise in Korinth und Megara bestand, war keine Seltenheit. In Athen bildete sich Schritt für Schritt ein demokratisches System heraus. Nach den Gesetzgebungen Drakons (621 v. Chr.) und Solons (594/593 v. Chr.) gelang es Peisistratos und seinen Söhnen etwa zwischen 561 und 510 v. Chr. noch einmal, eine Tyrannis zu errichten. Bis 501 v. Chr. brachten die Reformen des Kleisthenes aber den endgültigen Durchbruch für die attische Demokratie.
Mit der Gründung des Attischen Seebunds477 v. Chr. unter der Vorherrschaft Athens setzte die Blütezeit der Stadt ein, die bis zum Ende der Regierungszeit des Perikles im Jahr 429 v. Chr. reichte. Damals entstanden einige der bedeutendsten philosophischen, literarischen und architektonischen Werke der griechischen Antike, etwa die Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides oder der Parthenontempel auf der Akropolis. Auch der Philosoph Sokrates wirkte damals in Athen.
Kampf um die Hegemonie
Die zunehmende Rivalität zwischen der Seemacht Athen und der Landmacht Sparta mündete 431 v. Chr. in den fast 30 Jahre währenden Peloponnesischen Krieg. Er endete 404 v. Chr. mit der Niederlage Athens und der Errichtung einer zeitweiligen spartanischen Hegemonie über Griechenland.
In der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. führen die griechischen Städte einen fast permanenten Krieg aller gegen alle - in wechselnden Koalitionen und unter fortwährender Einmischung der Perserkönige. Theben löste Sparta 371 v. Chr. nach der Schlacht von Leuktra als Hegemon ab, doch auch Thebens Vorherrschaft war nicht von langer Dauer.
All dem machte erst die gewaltsame Einigung Griechenlands durch Philipp II. von Makedonien ein Ende. Der von Athenern wie Demosthenes als nicht-griechischer Barbar betrachtete König errang in der Schlacht von Chaironeia
338 v. Chr. die Hegemonie über Hellas, die im Jahr darauf im Korinthischen Bund bekräftigt wurde.
Nach der Ermordung Philipps 336 v. Chr. führte sein Sohn Alexander der Große ein griechisch-makedonisches Heer nach Asien und eroberte in wenigen Jahren das gesamte Perserreich. Der Alexanderzug bahnte der griechischen Kultur im gesamten damals bekannten Orient den Weg, von Ägypten über Mesopotamien und Persien bis zu den Grenzen Indiens. Nach Alexanders Tod 323 v. Chr. in Babylon teilten seine Nachfolger, die Diadochen in lange währenden Kriegen das Reich unter sich auf. In allen Teilreichen - vom ptolemäischen Ägypten im Westen bis zum Seleukidenreich im Osten bildete der Hellenismus in den folgenden Jahrhunderten die prägende Kultur.
Das Zeitalter des Hellenismus war geprägt von einem fast andauernden Kampf der drei Großmächte (Ptolemäer, Seleukiden und Antigoniden) um die Vorherrschaft. Rom interventierte zu Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr. in Griechenland. Bis zum Jahr 146 v. Chr. waren Makedonien und Griechenland römische Provinzen geworden. Bald darauf folgte der Erwerb Pergamons und 64/63 v. Chr. die Beseitigung der Überreste des Seleukidenreiches. Als letzter Nachfolgestaat des Alexanderreichs wurde im Jahre 30 v. Chr. das Ägypten der letzten ptolemäischen Königin Kleopatra VII. ins Römische Reich eingegliedert. Damit war der Hellenismus als politischer Faktor ausgschaltet. Die griechische Kultur jedoch lebte mit unverminderter Kraft im Römischen Reich fort und prägte es bis zu seinem Untergang im Westen 476 und darüber hinaus bis in die Zeit des Byzantinischen Reichs.
Nach den Griechen wurden die Römer zu den zweiten Trägern und Vermittlern der der antiken Kultur. Je weiter sie als Eroberer in die Länder der Levante vordrangen, desto stärker ließen sie sich von deren Kultur beeinflussen. Literatur, Philosophie, Kunst, Architektur und Alltagskultur der Griechen wurden von den Römern nun auch im westlichen Mittelmeerraum verbreitet - und weit darüber hinaus bis zum Rhein und zu den britischen Inseln.
Ursprünge Roms
Rom, der Legende nach 753 v. Chr. gegründet, entstand neueren Forschungen zufolge erst gegen Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. aus dem Zusammenschluss mehrerer dörflicher Siedlungen an einer Furt am Unterlauf des Tibers. Politisch und kulturell stand Rom lange unter etruskischem Einfluss. Die Etrusker wiederum unterhielten schon früh Kontakt mit griechischen Kolonisten.
Um 500 v. Chr. befreiten sich die Römer vom etruskischen Stadtkönigtum und bildeten wohl um 475 v. Chr. eine republikanische Regierungsform aus. In den Zwölftafelgesetzen, die um 450 v. Chr. entstanden, wurden die ersten zivil-, straf- und prozessrechtlichen Normen des römischen Rechts festgehalten. Die Verfassung sah von da an ein Zusammenwirken der drei Institutionen Senat, Magistratur und Volksversammlung vor, die sich in ihrer Macht theoretisch gegenseitig beschränkten. Die offizielle Bezeichnung der Republik lautete S.P.Q.R. für Senatus Populusque Romanus (dt.: Senat und Volk von Rom). Faktisch dominierte jedoch der Senat, der sich aus Angehörigen der adligen Familien, der Patrizier zusammensetzte. Aus ihm gingen auch die Konsuln hervor, die beiden auf ein Jahr gewählten obersten Magistrate der Republik. Das höchste, den nichtadligen Plebejern zugängliche Amt war das des Volkstribunen, der ein Vetorecht gegen Senatsbeschlüsse besaß.
Bis zum Jahr 272 v. Chr. unterwarfen die Römer ganz Süditalien. In den Punischen Kriegen gegen die Seemacht Karthago im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. begann der Aufstieg Roms zur antiken Supermacht, die für Jahrhunderte die gesamte Mittelmeerwelt beherrscht. Nach 200 v. Chr. mischte sich Rom auch in die Politik der hellenistischen Großmächte ein. 148 v. Chr. wurde Makedonien, 63 v. Chr. das Reich der Seleukiden, und schließlich 30 v. Chr. das Ägypten der Ptolemäer römische Provinz.
Das Kaiserrreich erlebte seine größte Blüte und Ausdehnung unter den Adoptivkaisern im 2. Jahrhundert. Allerdings wuchs bereits in dieser Zeit der Druck auf die Reichsgrenzen. Im Norden und Nordosten bedrängen die Germanen, im Osten die Parther und später die Sassaniden das Reich. Nach einer erneuten Zeit der Wirren unter der den rasch aufeinander folgenden Soldatenkaisern, gelang gegen Ende des 3. Jahrhunderts mit der Einführung der Tetrarchie durch Kaiser Diokletian noch einmal eine gewissen Stabilisierung. Diese Zeit der beginnenden Spätantike ist gekennzeichnet von Umbrüchen der alten Welt. Die Anerkennung des Christentums unter Kaiser Konstantin I. und seine spätere Erhebung zur alleinigen Staatsreligion stellte bereits eine wesentliche Abkehr von der antiken Kultur dar, insbesondere von der antiken Philosophie und Religion. Ein letzter Versuch, die heidnischen Kulte durch die Verbindung mit neuplatonischem Gedankengut wieder zu beleben, scheiterte mit dem Tod Kaiser Julians im Jahr 363.
Nach der Teilung des Reiches unter den Söhnen des Kaisers Theodosius erwies sich nur das von Konstantinopel (Byzanz) aus regierte, überwiegend griechischsprachige, Oströmische Reich auf Dauer als lebensfähig. Das (West-)Römischen Reiches hatte dem Ansturm der Hunnen und Germanen immer weniger entgegenzusetzen. 410 wurde Rom von den Westgoten, 455 von den Vandalen geplündert. Im Jahr 476 setzte der GermanenfürstOdoaker, ein Skire, den letzten Westkaiser Romulus Augustulus ab. Die traditionelle Geschichtsschreibung sieht in diesem, damals nur wenig beachteten Akt das Ende der Antike . Im Oströmischen Reich lebten antike Kultur und Geisteswelt aber noch bis weit ins Mittelalter fort.
Die Bedeutung der Antike für den weiteren Verlauf der Weltgeschichte kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden. In dieser Epoche begann die Entwicklung der westlichen Welt. Durch die Relativierung von Religion und einen Prozess der Aufklärung bis hin zu entwickelten philosophischen Systemen wurde die Wegscheide zwischen West und Ost, zwischen Okzident und Orient, zwischen Abendland und Morgenland markiert.
Als man im Italien des 15. Jahrhunderts die erhaltenen (meist römischen) Überreste neu zu schätzen lernte und in der Kunst nachahmte, bezeichnete man dies als Renaissance, als Wiedergeburt der Antike. Seit dem 18. Jahrhundert trat infolge der Arbeiten von Johann Joachim Winckelmann die klassische griechische Kunst zunehmend ins Zentrum des Interesses. Im 19. Jahrhundert sprach man im Zusammenhang mit den Arbeiten von Architekten und Künstlern, wie Karl Friedrich Schinkel, Franz Karl Leo von Klenze und Berthel Thorwaldsen von der "Renaissance der griechischen Antike".
Vor allem aber setzte die Wiedergeburt des antiken Geistes in der Renaissance setzte der jahrhundertelangen Dominanz religiösen Denkens ein Ende und mündete schließlich in die Epoche der europäischen Aufklärung und in die Moderne. Fast alle Ideen der modernen Aufklärung haben antike Vorläufer. Ohne griechische Wissenschaft und Philosophie, ohne das römisches Recht und ohne Architektur und Kunst von Griechen und Römern ist die westliche Zivilisation nicht denkbar.
The Cambridge Ancient History, diverse Hrsg., 14. Bde., 2. völlig neubearb. Aufl., Cambridge 1970 ff.
Geschichte der Antike. Ein Studienbuch, hrsg. von H.-J. Gehrke und H. Schneider, Stuttgart 2000. ISBN_3-476-01455-X Grundlegende Einführung!
Oldenbourg Grundriss der Geschichte: hrsg. von J. Bleicken u.a., Bd. 1-4, versch. Auflagen, München 1980 ff.
Hermann Bengtson: Griechische Geschichte. Von den Anfängen bis in die römische Kaiserzeit, Handbuch der Altertumswissenschaft III. 4, Reprint der 5. durchgeseh. u. erg. Auflage von 1977, München 1996. ISBN_3-406-06660-7 (als Ausgabe ohne wissenschaftlichen Apparat: Griechische Geschichte, 9. Auflage, München 2002. ISBN_3-406-02503-X)
Hermann Bengtson: Grundriß der Römischen Geschichte mit Quellenkunde. Republik und Kaiserzeit bis 284 n. Chr., Handbuch der Altertumswissenschaft III. 5, München 1982. ISBN_3-406-08617-9
Alexander Demandt: Die Spätantike, Handbuch der Altertumswissenschaft III. 6, München 1989. (als inhaltlich gekürzte Ausgabe ohne wissenschaftlichen Apparat: Geschichte der Spätantike, München 1998. ISBN_3-406-44107-6)
Detlef Lotze: Griechische Geschichte. Von den Anfängen bis zum Hellenismus. München 2000. (Siehe auch weitere Bände aus dieser Reihe von Bringmann, Brandt, Funke, Welwei etc.)
Oswyn Murray: Das frühe Griechenland, München 1982.
John K. Davies: Das klassische Griechenland und die Demokratie, München 1982.
Christian Meier: Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte, Berlin 1993.
Ernst Kornemann: Weltgeschichte des Mittelmeerraumes. Von Philipp II. von Makedonien bis Muhammed, München 1967.
Frank W. Walbank: Die hellenistische Welt, München 1983.
Klaus Bringmann: Geschichte der römischen Republik, München 2002.
Karl Christ: Geschichte der römischen Kaiserzeit, 4. aktual. Aufl., München 2002.
Spezialisiertere Darstellungen:
Jochen Bleicken: Verfassungs- und Sozialgeschichte des Römischen Kaisereiches, 2 Bde., Paderborn, München, Wien, Zürich 1981
Ders.: Die athenische Demokratie, 4. Aufl., Stuttgart 1995.
Donald Kagan: The Peloponnesian War, London 2003.
Karl-Wilhelm Welwei: Das klassische Athen. Demokratie und Machtpolitik im 5. und 4. Jahrhundert, Darmstadt 1999.
Lexika (grundlegende):
RE: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, hrsg. von G. Wissowa et al. (Hrsg.), in 2 Reihen. Stuttgart 1894-1980 (Pauly-Wissowa)
KlP: Der Kleine Pauly, Lexikon der Antike, hrsg. von K. Ziegler - W. Sontheimer, 5 Bde., Stuttgart - München 1964-1975.
DNP: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, hrsg. von H. Cancik - H. Schneider, Stuttgart - Weimar 1996ff.
LAW: Lexikon der Alten Welt, hrsg. von C. Andresen et al., Zürich - Stuttgart 1965.
OCD: The Oxford Classical Dictionary, hrsg. von S. Hornblower - A. Spawforth, verbesserte 3. Aufl., Oxford 2003.
RAC: Reallexikon für Antike und Christentum, hrsg. von Th. Klauser et al., Stuttgart 1950 ff. Noch nicht abgeschlossen.
Klassische (und oft auch in Teilen veraltete) Darstellungen:
Edward Gibbon: Verfall und Untergang des Römischen Reiches, Nördlingen 1987. (gekürzte Fassung)
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