Das heute in der Behandlung vor allem autistischer Störungen erfolgreich tätige Werk war bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges ein Waisenhaus. Als solches wurde es, wie erst zur Hundertjahrfeier des Stiftes wiederentdeckten Sargrechnungen zwischen 1920 und 1945 auswiesen, ein Ort der Kindesmisshandlung und des Mordes an über 300 Kindern.
Die Nachforschungen ergaben, dass die beiden zuständigen Schwestern Ida Cyliax und Frieda LätzschFolter und Totschlag an ihren Schützlingen systematisch, aber ideologiefrei betrieben. Nicht die aufkommende Vorstellung von Euthanasie und sogenanntem lebensunwertem Leben der Nationalsozialisten, sondern der ökonomische Vorteil und die Gelegenheit scheinen die beiden Schwestern veranlasst zu haben, über die Jahre Hunderte von Kindern grausam zu schlagen und zu quälen, verhungern oder verbluten zu lassen.
Die Torturen dürften kurz nach 1920 begonnen haben, wurden aber erst 1941, nach einer Evakuierung des Stiftes, entdeckt. Aber selbst die Forderung der untersuchenden NS-Ärzte Kloos und Albrecht, deren Anstalt in Stadtroda selbst Euthanasie-Maßnahmen durchführte, die Stift-Leiterinnen abzusetzen, drangen nicht durch. Dieses Desinteresse mag sich dadurch erklären, dass das Stift durch einen lebhaften Schwarzhandel mit den den Kindern zugedachten Lebensmitteln und anderen Gütern eine größere Zahl von Verwandten der Schwestern wie auch Ortsansässige versorgte. So sicherten sich aber nicht nur die Leiterinnen materiell ab, sondern auch das Stift wies als eine von wenigen diakonischen Einrichtungen Gewinne aus.
Pfarrer Gerhard Phieler, zuständiger Leiter der Inneren Mission in Thüringen, belobigte so die Schwestern wegen ihres aufopferungsvollen christlichen Dienstes am Nächsten. Den Schwestern selbst aber wurde erst mit Kriegsende Einhalt geboten. Bis dahin waren nachweislich 300 Kinder und Säuglinge von den Diakonissen getötet worden.
Literatur
Anna-Luisen-Stift Bad Blankenburg 1901-2001; hg. v. d. Ev. Stiftung Christopherushof, Bad Blankenburg 2001
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