Der Animismus (Lat. anima : die Seele) bezeichnet die Annahme immaterieller Wesenheiten: die Vorstellung der Personifizierung, Beseelung, phantastische Belebungen der Erscheinungen in Natur und Gesellschaft; ein allgemeiner Glauben an Seelen und Geister. Dieser Zustand des menschlichen Verhaltens entspringt einer bestimmten Stufe der Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in Abhängigkeit von einer frühen, relativ langen Phase des menschlichen Zusammenlebens und der Auseinandersetzung mit der Natur und der eigenen Selbsterfahrung.
Zur begrifflichen Entstehung des Animismus und seiner Grundzüge
Der Begriff "Animimismus" wurde im Rahmen der Forschungen von Edward Burnett Tylor 1871 in seinem Werk "Primitive Culture, Researches into the Development of Mythology, Philosophy, Religion, Art and Custom" zur Bezeichnung bestimmter Geister- und Seelensvorstellungen von Völkern früher gesellchaftlicher Entwicklungsstufen eingeführt. Neben Tylor entwickelten Herbert Spencer und John Lubbock die Theorie, der Glaube an Seelen und Geister sei die Vorstellung aller ursprünglicher religöser Vorstellungen: Der "primitive" Mensch in einer relativ frühen menschheitsgeschichtlichen Entwicklungsstufe habe aus den Erfahrungen in seiner Umwelt abgeleitet, daß er etwas habe, daß seinem Leib bei Krankheit, Traum und Schlaf zeitweilig, im Tod aber endgültig verlasse - die Seele.
Spätere Abstraktionsstufen hätten daraus Geister entwickelt, Seelen von Toten, vonTieren, Pflanzen Gegenständen, die in relativer Selbständigkeit auf das Leben des Menschen einwirken und deren Verhalten der Mensch durch rituelle Kontaktaufnahme beeinflussen könne. Weitere Abstraktion habe daraus die Vorstellung von Göttern und schließlich von einer monistischen Gottesvorstellung hervorgebracht. Diese evolutionistische Theorie der Entstehung der religiöser Vorstellungen, der zufolge der Glaube an Geister das unbedingt notwendige Durchgangsstadium aller religionsphilosophsicher Entwicklungen, sozusagen ein Minimum der Religionsvorstellung sei, wurde zwischen 1905 und 1909 mit philosophischen und psychologischen Argumenten von Wilhelm Wundt untermauert: durch Einfühlung projiziere der Mensch das eigene Ich auf die Objekte (Leib-Seele, wobei die Seelenvorstellung das Prinzip des Lebens sei).
Zur Verbreitung der Lehre vom Animismus
Der Animismus konnte sich in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts schnell als Lehrmeinung durchsetzen, weil er mit umfangreichen und systematisierten ethnographischen Datenmaterial völlig übereinzustimmen schien. Für dieses fachwissenschaftliche Material bot der Animismus eine theoretische Verallgemeinerung bei der Frage der Entstehung religiöser Vorstellungen. Zu seiner schnellen Verbreitung trug bei, daß er sich streng an den Evolutions- und Fortschrittsgedanken hielt und insofern progressiven Wissenschaftlern die Auseinandersetzung mit dem dem klerikalen Mystizismus erleichterte. Der Animismus war eine Lehre, mit der man die verschiedensten religiösen Vorstellungen aus immer den gleichen einfachen Entwicklungsphasen herleiten konnte.
Zur Beschränkheit des Animismus
Die Beschränkheit im Animismus liegt vor allem darin:
daß er die religiöse Vorstellung als eine Kategorie des individuellen Bewußtseins ansah, d.h. von den konkreten Motiven des Stammes, der Gruppe oder der Gesellschaft absah;
daß er ferner die religiöse Vorstellung ausschließlich als Produkt des menschlichen Denkens betrachtete,
daß er schließlich die Ausbildung religöser Vorstellungen als zwingende Abfolge logischer Stufen ansah und somit die emotionale Seite ignorierte.
Der Animismus wurde sowohl von klerikaler Seite, wo man in ihm einen Angriff auf den Ausschließlichkeitsanspruch der übernatürlichen chrtistlichen Offenbarungslehre ansah, als auch von ernsthaften ethnographsichen Forschern kritisiert. Die klerikale Kritik des Animismus formulierte vor allem A. Lang [in: "Making of Religion", 1898), später besonders W. Schmidt mit seiner Theorie des Urmonotheismus (in: "Der Ursprung der Gottesidee", 12 Bände, 1912-1955), der durch eine Uroffenbarung als Beginn alle religiösen Vorstellung bewiesen werden sollte. Trotz der dabei herangezogenen Kulturkreistheorie F. Gräbners und der Pygmänentherie von J. Kollman operierte Schmidt mit zweifelhaften Quellen und Daten.
Zur Auffassung des Präanimismus als Wirkungen der Kritik
Die Kritik des Animismus durch die Philosophie, Teile der Religionswissenschaften und der Enthnographie führte zur Formulierung präanimistischer Auffassungen, also der Annahme einer magischen Kraft (bei J. Frazer, 1890), einer unpersönlichen Kraft (bei J. Hewitt, 1902), eines Glaubens des "primitiven" Menschens an die Beseeltheit der gesamten Natur (bei W.G. Bogoras, 1904), die erst vorhanden gewesen sein müsse, um die vom Animismus skizzierte Entwicklung der religiösen Vorstellungen auszulösen und zu ermöglichen. Obwohl diese Kritik keine eigene weitergehende Antwort auf die Frage nach der Entstehung der religiösen Vorstellung gab, wurden doch dabei auch Emotionen, Affekte, unbewußte Impulse mit in die Betrachtung einbezogen, soweit sie zu Gewohnheiten und rituellen Handlungen geworden waren und obwohl ihnen erst viel später eine religiöse Deutung unterlegt wurde.
Vertreten wurde diese Auffassung vor allem von K. Preuss (1904), A. Vierkandt (1907) und R. Marett (1899), der den Begriff "Präanismismus" prägte, ferner von Ernst Cassirer und Rudolf Otto, der bereits 1910 die Wundtsche Version des Animismus einer prinzipiellen Kritik unterzogen hatte.
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