Als Analphabetismus bezeichnet man kulturell, bildungs- oder psychisch bedingte individuelle Defizite im Lesen und/oder Schreiben bis hin zum völligen Unvermögen in diesen Disziplinen.
Der Alphabetisierungsgrad (englisch: Adult Literacy Rate) ist der Anteil derjenigen an der Erwachsenen (über 15 Jahre) an der Bevölkerung, die lesen und schreiben können. Der Gegenwert zum Alphabetisierungsgrad ist die Analphabetenrate. Sie trägt zur Ermittlung des Human Development Index der Vereinten Nationen bei.
Von totalem Analphabetismus spricht man, wenn Menschen nie lesen und schreiben gelernt haben.
Von sekundärem Analphabetismus spricht man seit den 70er Jahren, wenn die Fähigkeiten zum schriftlichen Umgang mit Sprache wieder verlernt wurden. Eine der Hauptursachen hierfür ist die zunehmende Ablösung der Schrift- und Printmedien durch das Telefon und die Bildschirmmedien.
Als Funktionaler Analphabetismus wird die Unfähigkeit bezeichnet, die im sozialen Kontext als selbstverständlich angesehen Tätigkeiten im Umgang mit Schriftsprache zu Erfüllen. Funktionelle Analphabeten sind Menschen, die zwar Buchstaben erkennen und durchaus in der Lage sind ein paar Worte zu schreiben, die jedoch den Sinn des Textes nicht verstehen. So können z.B. Beipackzettel, Busfahrpläne oder Fernsehprogramme nicht verstanden werden. Im Gegensatz zu allgemeiner Meinung sind es nicht die dümmsten Mitmenschen, denn man müsse sich nur vorstellen: wie viel zusätzlicher Anstrengung es in unserem Alltag bedeuten muss, ohne das geschriebene Wort zu recht zu kommen.
Grad an funktionalen Analphabeten
Strebt der Alphabetisierungsgrad in Deutschland im Bezug auf die totalen Analphabeten, wie in den meisten Industrieländern gegen 100%, nimmt man an dass es ca. 4 Millionen funktionale Analphabeten gibt. Nach einer OECD-Studie (1994-1998) liegt die Zahl der funktionalen Analphabeten in 2 von 3 Industriestaaten höher als 15%.
OECD Definition
Handelt es sich bei der funktionalen Alphabetisierung um relative Daten, die immer im Bezug auf die jeweilige Gesellschaft gesehen werden müssen, misst man bei dem Alphabetisierungsgrad, wie er z.B. vom der OECD gemessen wird, mit einer globale Definition. Ein Alphabetsierter wird hier wie folgt definiert:
"A person is said to be literate when he or she can both read and write with understanding a short and simple statement on his or her everyday life."
"Eine Person wird als alphabetisiert bezeichnet, wenn er oder sie eine kurze, einfache Aussage zu seinem oder ihrem alltäglichen Leben mit Verständnis sowohl lesen als auch schreiben kann."
Diese Daten werden der OECD von den jeweiligen Ministerien zur Verfügung gestellt und es handelt sich meist um Selbstauskünfte, was die Daten möglicherweise verfälscht, da Alphabetismus sozial erwünscht ist und somit eventuell fälschlicherweise angegeben wird. Außerdem handelt es sich hierbei nicht nur um eine globale, sondern auch eine totale Definition, es gibt nur Alphabet und Analphabet, kein Kontinuum.
Alphabetisierung und Entwicklung
Der Alphabetisierungsgrad gilt als einer der wichtigsten Entwicklungsindikatoren. Die OECD berechnet die Alphabetisierung gesondert für die 15-24 jährigen da hier die Resultate der Bildungsanstrengungen eines Landes am schnellsten wirksam sind und die Alphabetisierung der jungen Bevölkerung (die in Entwicklungsländern meist einen großen Anteil an der Gesamtbevölkerung ausmachen) billiger ist. Die OECD hat sich zum Ziel gesetzt bis 2015 den Alphabetisierungsgrad der 15-24 jährigen in allen Ländern auf 99% zu steigern. Die VN haben 13.Februar2003 die Internationale Alphabetisierungsdekade eröffnet.
Der Alphabetisierungsgrad ist in Ländern mit niedrigen und mittlerem Pro-Kopf-Einkommen seit 1960 von einem Drittel auf über die hälfte gestiegen. 2003 gelten weltweit 862 Millionen als Analphabeten. Mangelnde Bildung gilt als eines der größten Hindernisse gesellschaftlicher Entwicklung. Besonders betroffen sind arme und Bevölkerungsreiche Länder wie: Bangladesh, Brasilien, China, Indien, Indonesien, Ägypten, Mexiko, Nigeria und Pakistan. Alphabetisierung ist eine notwendige Bedingung für Entwicklung, aber keine hinreichende. Gibt es keine Wirtschaft, die die gestiegene Alphabetisierung nutzt, kommt es zu Abwanderung, wie z.B. in den Philippinen.
In vielen Ländern (vor Allem in Afrika) ist der Alphabetisierungsgrad bei Männern weit höher als bei Frauen, da der Zugang zu Bildung Frauen vielfach verwehrt wird.
Alphabetisierung am Beispiel Nicaragua
Es gab immer wieder Versuche einzelner Länder die Alphabetisierungsgrade kurzfristig zu erhöhen.
Als beispiellos in der Geschichte der Bildung kann die Alphabetisierungskampagne in Nicaragua zu Beginn der 1980er Jahre gesehen werden. Nach dem Sturz der Somoza-Diktatur erklärte die sandinistische Regierung die Alphabetisierung des Landes zu einen ihrer Hauptaufgaben. Im sogennnaten "Kreuzug gegen die Ignoranz" zogen etwa 100.000 Freiwillige in die entlegenen Dörfer der ländlichen Gebiete und unterichteten, zum Teil in drei Schichten am Tag. In nur zwei Jahren gelang es, die Analphabetenquote von 65% auf 12% zu senken. Nach der Abwahl der sandinistischen Regierung 1990 wurden die Bemühungen im Bildungswesen zurückgeschraubt. Zur Zeit besuchen ein Drittel der schulpflichtigen Kinder Nicaraguas - etwa 800.000 - keine Schule mehr. Die Analphabetenquote liegt laut UNO-Statistik wieder bei 30% - Tendenz steigend. Andere Kampagnen, wie die kubanische Alphabetisierungskampagne hatten längerfristig Erfolg
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