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An die Kulturwelt

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An die Kulturwelt bezeichnet den Aufruf von 93 Unterzeichnern vom 4. Oktober 1914 für eine Unterstützung des Krieges an der Seite von Kaiser Wilhelm II., darunter

56 Professoren und Nobelpreisträger. Der Aufruf wird auch "Manifest der 93" genannt.

Dieser Aufruf manifestiert das Nationalgefühl, das weite Kreise mit dem Kriegsausbruch verband, eingeleitet durch die Kriegserklärung des Deutschen Reiches vom 1. August 1914 an Rußland. Der Aufruf tritt der im Ausland verbreiteten Meinung entgegen, es bestände ein Unterschied zwischen dem kulturellen und militaristischen Deutschland: "Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt".


Einige Gelehrte haben ihre Unterschrift, die in Einzelfällen telefonisch eingeholt und ohne nähere Kenntnis des Inhalts gegeben wurde, schon bald bedauert, denn der Aufruf hatte verheerende internationale Auswirkungen bezüglich des Rufs der deutschen Wissenschaftler. Dazu gehörten Wilhelm Conrad Röntgen, Max Planck und Emil Fischer.


Den Text des Aufrufs haben Georg Reicke, Zweiter Bürgermeister von Berlin, der Dramatiker Hermann Sudermann und der Lustspielautor Ludwig Anton Fulda erstellt.


Der Aufruf im Wortlaut (die Hervorhebungen sind im Originaltext vorhanden):


An die Kulturwelt!

Wir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kultur erheben vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten. Der eherne Mund der Ereignisse hat die Ausstreuung erdichteter deutscher Niederlagen widerlegt. Um so eifriger arbeitet man jetzt mit Entstellungen und Verdächtigungen. Gegen sie erheben wir laut unsere Stimme. Sie soll die Verkünderin der Wahrheit sein.

Es ist nicht wahr, daß Deutschland diesen Krieg verschuldet hat. Weder das Volk hat ihn gewollt noch die Regierung, noch der Kaiser. Von deutscher Seite ist das Äußerste geschehen, ihn abzuwenden. Dafür liegen der Welt die urkundlichen Beweise vor. Oft genug hat Wilhelm II. in den 26 Jahren seiner Regierung sich als Schirmherr des Weltfriedens erwiesen; oft genug haben selbst unsere Gegner dies anerkannt.

Ja, dieser nämliche Kaiser, den sie jetzt einen Attila zu nennen wagen, ist jahrzehntelang wegen seiner unerschütterlichen Friedensliebe von ihnen verspottet worden. Erst als eine schon lange an den Grenzen lauernde Übermacht von drei Seiten über unser Volk herfiel, hat es sich erhoben wie ein Mann.

Es ist nicht wahr, daß wir freventlich die Neutralität Belgiens verletzt haben. Nach- weislich waren Frankreich und England zu ihrer Verletzung entschlossen. Nachweislich war Belgien damit einverstanden. Selbstvernichtung wäre es gewesen, ihnen nicht zuvorzukommen.

Es ist nicht wahr, daß eines einzigen belgischen Bürgers Leben und Eigentum von unseren Soldaten angetastet worden ist, ohne daß die bitterste Notwehr es gebot. Denn wieder und immer wieder, allen Mahnungen zum Trotz, hat die Bevölkerung sie aus dem Hilterhalt beschossen, Verwundete verstümmelt, Ärzte bei der Ausübung ihres Samariterwerkes ermordet. Man kann nicht niederträchtiger fälschen, als wenn man die Verbrechen dieser Meuchelmörder verschweigt, um die gerechte Strafe, die sie er- litten haben, den Deutschen zum Verbrechen zu machen.

Es ist nicht wahr, daß unsere Truppen brutal gegen Löwen gewütet haben. An einer rasenden Einwohnerschaft, die sie im Quartier heimtückisch überfiel, haben sie durch Beschießung eines Teils der Stadt schweren Herzens Vergeltung üben müssen. Der größte Teil von Löwen ist erhalten geblieben. Das berühmte Rathaus steht gänzlich unversehrt. Mit Selbstaufopferung haben unsere Soldaten es vor den Flammen bewahrt. - Sollten in diesem furchtbaren Kriege Kunstwerke zerstört worden sein, oder noch zerstört werden, so würde jeder Deutsche es beklagen. Aber so wenig wir uns in der Liebe zur Kunst von irgend jemand übertreffen lassen, so entschieden lehnen wir es ab, die Erhaltung eines Kunstwerks mit einer deutschen Niederlage zu erkaufen.

Es ist nicht wahr, daß unsere Kriegführung die Gesetze des Völkerrechts mißachtet. Sie kennt keine zuchtlose Grausamkeit. Im Osten aber tränkt das Blut der von russischen Horden hingeschlachteten Frauen und Kinder die Erde, und im Westen zerreißen Dum- Dum-Geschosse unseren Kriegern die Brust. Sich als Verteidiger europäischer Zivilisation zu gebärden, haben die am wenigsten das Recht, die sich mit Russen und Serben verbündeten und der Welt das schmachvolle Schauspiel bieten, Mongolen und Neger auf die weiße Rasse zu hetzen.

Es ist nicht wahr, daß der Kampf gegen unseren sogenannten Militarismus kein Kampf gegen unsere Kultur ist, wie unsere Feinde heuchlerisch vorgeben. Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt. Zu ihrem Schutz ist er aus ihr hervorgegangen in einem Lande, das jahrhundertelang von Raubzügen heim- gesucht wurde wie kein zweites. Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins. Dieses Bewußtsein verbrüdert heute 70 Millionen Deutsche ohne Unterschied der Bildung, des Standes und der Partei.

Wir können die vergiftete Waffe der Lüge unseren Feinden nicht entwinden. Wir können nur in alle Welt hinausrufen, daß sie falsches Zeugnis ablegen wider uns. Euch, die Ihr uns kennt, die Ihr bisher gemeinsam mit uns den höchsten Besitz der Menschheit gehütet habt, Euch rufen wir zu: Glaubt uns! Glaubt, daß wir diesen Kampf zu Ende kämpfen werden als ein Kulturvolk, dem das Vermächtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig ist wie sein Herd und seine Scholle.

Dafür stehen wir euch ein mit unserem Namen und mit unserer Ehre!
Quelle: Klaus Böhme (Hrsg.) Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg. Reclam Universal-Bibliothek Nr. 9787, Stuttgart, 1975; pp. 47 - 49 (ohne die Namen der 93 Unterzeichner)

Zu den Unterzeichnern gehörten:


  • Adolf von Baeyer, Chemiker, München
  • Peter Behrens, Berlin
  • Emil von Behring, Mediziner, Marburg
  • Wilhelm von Bode, Museumsdirektor, Berlin
  • Alois Brandl, Shakespeare-Gesellschaft, Berlin
  • Lujo Brentano, Ökonom, München
  • Justus Brinckmann, Museumsdirektor, Hamburg
  • Johannes Conrad, Ökonom, Halle
  • Franz von Defregger, Künstler, München
  • Richard Dehmel, Schriftsteller, Hamburg
  • Adolf Deißmann, Theologe, Berlin
  • Wilhelm Dörpfeld, Berlin
  • Friedrich von Duhn, Archäologe, Heidelberg
  • Paul Ehrlich, Mediziner, Frankfurt a. Main
  • Albert Ehrhard, Theologe, Straßburg
  • Karl Engler, Chemiker, Karlsruhe
  • Gerhard Esser, Theologe, Bonn
  • Rudolf Eucken, Philosoph, Jena
  • Herbert Eulenberg, Kaiserswerth
  • Heinrich Finke, Historiker, Freiburg
  • Emil Fischer, Chemiker, Berlin
  • Wilhelm Foerster, Astronom, Berlin
  • Ludwig Fulda, Berlin
  • Eduard von Gebhardt, Düsseldorf
  • J. J. de Groot, Ethnograph, Berlin
  • Fritz Haber, Chemiker, Berlin
  • Ernst Haeckel, Zoologe, Jena
  • Max Halbe, Schriftsteller, München
  • Adolf von Harnack, Bibliotheksdirektor, Berlin
  • Gerhart Hauptmann, Schriftsteller, Agnetendorf
  • Karl Hauptmann, Schreiberhau
  • Gustav Hellmann, Meteorologe, Berlin
  • Wilhelm Herrmann, Theologe, Marburg
  • Andreas Heusler, Philologe, Berlin
  • Adolf von Hildebrandt, München
  • Ludwig Hoffmann, Stadtbaumeister, Berlin
  • Engelbert Humperdingk, Komponist, Berlin
  • Leopold Graf Kalckreuth, Küstlerbund, Eddelsen
  • Arthur Kampf, Berlin
  • Fritz August von Kaulbach, München
  • Theodor Kipp, Jurist, Berlin
  • Felix Klein, Mathematiker, Göttingen
  • Max Klinger, Leipzig
  • Alois Knoepfler, Kirchenhistoriker, München
  • Anton Koch, Theologe, Tübingen
  • Paul Laband, Jurist, Straßburg
  • Karl Lamprecht, Historiker, Leipzig
  • Philipp Lenard, Physiker, Heidelberg
  • Maximilian Lenz, Historiker, Hamburg
  • Max Liebermann, Maler, Berlin
  • Franz von Liszt, Jurist, Berlin
  • Ludwig Manzel, Kunstakademie, Berlin
  • Josef Mausbach, Theologe, Münster
  • Georg von Mayr, Staatswissenschaftler, München
  • Sebastian Merkle, Theologe, Würzburg
  • Eduard Meyer, Historiker, Berlin
  • Heinrich Morf, Philologe, Berlin
  • Friedrich Naumann, Berlin
  • Albert Neisser, Mediziner, Breslau
  • Walter Nernst, Physiker und Chemiker, Berlin
  • Wilhelm Ostwald, Chemiker, Leipzig
  • Bruno Paul, Kunstgewerbeschule, Berlin
  • Max Planck, Physiker, Berlin
  • Albert Plehn, Mediziner, Berlin
  • Georg Reicke, Berlin
  • Max Reinhardt, Direktor des Deutschen Theaters, Berlin
  • Alois Riehl, Philosoph, Berlin
  • Karl Robert, Archäologe, Halle
  • Wilhelm Röngten, Physiker, München
  • Max Rubner, Mediziner, Berlin
  • Fritz Schaper, Berlin
  • Adolf von Schlatter, Theologe, Tübingen
  • August Schmidlin, Kirchenhistoriker, Münster
  • Gustav Schmoller, Ökonom , Berlin
  • Reinhold Seeberg, Theologe, Berlin
  • Martin Spahn, Historiker, Straßburg
  • Franz von Stuck, München
  • Hermann Sudermann, Berlin
  • Hans Thoma, Karlsruhe
  • Wilhelm Trübner, Karlsruhe
  • Karl Vollmöller, Stuttgart
  • Richard Voß, Berchtesgaden
  • Karl Voßler, Philologe, München
  • Siegfried Wagner, Komponist, Bayreuth
  • Wilhelm Waldeyer, Anatom, Berlin
  • August von Wassermann, Mediziner, Berlin
  • Felix von Weingartner
  • Theodor Wiegand, Museumsdirektor, Berlin
  • Wilhelm Wien, Physiker, Würzburg
  • Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Philologe, Berlin
  • Richard Willstätter, Chemiker, Berlin
  • Wilhelm Windelband, Philosoph, Heidelberg
  • Wilhelm Wundt, Philosoph, Leipzig


Der Satiriker Karl Kraus hat zu der Zahl der 93 Unterzeichner vermerkt, es fehlten auf das volle Hundert der Unterzeichner gerade noch die sieben Schwaben.


Literatur

  • Klaus Böhme (Hrsg.) Aufrufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg. Reclam Universal-Bibliothek Nr. 9787, Stuttgart, 1975; pp. 47-49 (ohne die Namen der 93 Unterzeichner)

  • Jürgen von Ungern-Sternberg und Wolfgang von Ungern-Sternberg. Der Aufruf "An die Kulturwelt!". Das Manifest der 93 und die Anfänge der Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg. Steiner, Stuttgart, 1996; 247 pp.


siehe auch: Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches


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