In der Alltagsgeschichte geht es nicht um große politische Ereignisse oder Jahreszahlen, sondern um die Frage, wie Menschen im Alltag lebten und ihr Leben und die Geschichte erlebten.
Ihr deutscher bzw. deutschsprachiger Zweig entstand um die Mitte der 1980er Jahre aus der Enttäuschung über die Entwicklung der sog. K-Gruppen mit ihrer schematisierten und häufig realitätsfernen Interpretation der Arbeitergeschichte sowie in dem stark durch die Tendenz zur Selbstorganisation (Bürgerinitiativen, Basis-Bewegungen) geprägte Atmosphäre der Zeit. Sie wandte sich in der frühen Zeit insbesondere gegen die von der "Bielefelder Schule" geprägte Sozialgeschichte und deren Betonung unpersönlicher Strukturen, die das Handeln der Einzelnen fast völlig bestimmen. Auf der Grundlage einer kritischen, "undogmatischen" Marx-Lektüre ("Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken, aber sie machen sie selbst.") sollte der Versuch unternommen werden, das Handeln insbesondere derer zu rekonstruieren und verstehbar zu machen, deren Existenz bis dahin außer im Rahmen der sozialgeschichtlichen Strukturen (Klasse, Religion, Staat, Gesellschaft usw.) nicht als geschichtsmächtig gegolten hatte.
Diese Sichtweise sollte unter anderem die Möglichkeit eröffnen, geschichtliches Handeln aus seiner eigenen Logik zu begreifen und die Frage zu stellen, in welchem Verhältnis die Einzelnen und kleinen Kollektive zu den "Strukturen" standen, von denen sie geprägt wurden und die sie ihrerseits prägten.
Aspekte der Alltagsgeschichte können zum Beispiel sein: Elternhaus, Schulzeit, Ausbildung, Arbeit, Ernährung, Bekleidung, Religion, medizinische und hygienische Situation, Sport, Handwerkstechniken, Kriegserfahrungen.
Siegfried Grosse, Martin Grimberg, Thomas Hölscher und Jörg Karweick: "Denn das Schreiben gehört nicht zu meiner Beschäftigung". Der Alltag kleiner Leute in Bittschriften, Briefen und Berichten aus dem 19. Jahrhundert. Ein Lesebuch. Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf., ISBN_3-8012-5005-9
Hannes Heer/Volker Ullrich: Geschichte entdecken. Erfahrungen und Projekte der neuen Geschichtsbewegung; Reinbek 1985
Rüdiger Hitz und Hillard von Thiessen: Familie, Arbeit und Alltag in Hinterzarten. Konstanz: Stadler 1998, ISBN_3-7977-0396-1 (= Hinterzartener Schriften 3)
Sigrid Jacobeit und Wolfgang Jacobeit: Illustrierte Alltagsgeschichte des deutschen Volkes. Köln: Pahl-Rugenstein 1987.
Sven Lindqvist: Grabe wo du stehst. Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte. Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf., ISBN_3-8012-0144-9
Alf Lüdtke: Alltagsgeschichte, Frankfurt/New York 1989
Gert Zang: Die unaufhaltsame Annäherung an das Einzelne. Reflexionen über den theoretischen und praktischen Nutzen der Regional- und Alltagsgeschichte. Konstanz: Arbeitskreis für Regionalgeschichte 1985 (= Schriftenreihe des Arbeitskreises für Regionalgeschichte 6).
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