Alcântara ist eine Kleinstadt im Norden des brasilianischen Bundesstaates Maranhão mit etwa 4 000 Einwohnern (fast 22 000 im Gemeindegebiet). Sie liegt an der Bucht Baía de São Marcos, gegenüber von São Luís, der Hauptstadt des Bundesstaates. Alcântara war einmal eine der bedeutendsten und reichsten Städte von Maranhão, verlor diesen Status jedoch später an São Luís. Von ihrem früheren Reichtum zeugen heute noch zahlreiche Baudenkmäler, die teils stark beschädigt oder zerstört sind und seit 1948 unter Denkmalschutz stehen. Auf dem riesigen Gemeindegebiet befindet sich auch der Weltraumbahnhof, von welchem Brasilien Raketen und Satelliten ins Weltall schießt.
Das Gemeindgebiet von Alcântara liegt auf einer durchschnittlichen Höhe von 32 Metern über dem Meeresspiegel. Es wird im Norden durch den Atlantischen Ozean, im Westen durch die Bucht Bahia de Cumã und den Fluss Rio Pericumã sowie im Osten durch die Bucht Baía de São Marcos begrenzt. Die Nachbarn sind Cajapió im Süden, São Luís im Osten sowie Guimarães, Bacurituba und Bequimão im Westen.
Die Stadt Alcântara ist nur durch die Baía de São Marcos von der Großstadt São Luís getrennt, für die Überfahrt der etwa 50 km breiten Bucht gibt es Linienschiffe.
Das fast am Äquator liegende Alcântara hat ein tropisches Klima mit einer durchschnittlichen Jahrestemperatur von 28º C. Die Vegetation ist ebenfalls tropisch, speziell an den Ufern der beiden Buchten gibt es ausgedehnte Mangroven.
Das Gemeindegebiet umfaßt die zwei Inseln:
Die Ilha do Livramento liegt etwa 10 Minuten per Boot von Alcântara entfernt und hat einige schöne Strände. Auf der Insel befinden sich ein Leuchtturm und die Kirche Capela de Nossa Senhora do Livramento.
Die Ilha do Cajual ist ein Naturschutzgebiet. Hier brüten einige vom Aussterben bedrohte Vogelarten, zum Beispiel eine besonders seltene rosarote Löfflerart, die in Brasilien als Guará bekannt ist. Die Insel ist auch eine Station für viele Zugvogelarten. Auf der Ilha do Cajual wurden prähistorische Fossilien entdeckt.
Ein Teil des Territoriums der Gemeinde wird zudem vom 1991 eingerichteten Naturschutzgebiet Área de Proteção Ambiental das Reentrâncias Maranhenses eingenommen, welches fast 2,7 Millionen Hektar umfaßt und sich über mehrere Gemeinden erstreckt.
Geschichte
Vor der Ankunft der Europäer gab es auf dem Gebiet des heutigen Alcântara bereits eine große Siedlung der Tupinambá- Indios, die diese Siedlung ihrerseits davor von den Tapuio-Indios erobert hatten. Die Siedlung hieß Tapuytapera, was Siedlung der langhaarigen Tapuio bedeutet.
Die Franzosen, die die Region als erste Europäer eroberten, nannten das Dorf ebenfalls Tapuytapera, was aus der Korrespondenz der Eroberer, beispielsweise des Geschichtsschreibers Claude d'Abeville hervorgeht. Die Franzosen errichteten eine Befestigungsanlage in São Luís und nahmen mit den Tupinambá in Tapuytapera unter Häuptling Pira-Jivá Kontakt auf, um Informationen über die Gegend zu bekommen. Diese relativ freundlichen Begegnungen endeten mit einem Bündnis zwischen den Tupinambá und den Franzosen, etwa 300 bis 400 Bewohner halfen beim Bau der Festung von São Luís und begleiteten die Franzosen bei Erkundungsreisen auf den Amazonas und den Rio Tocantins. Die Tupinambá unterstützten die Franzosen auch in der Schlacht um São Luís, nach welcher die siegreichen Portugiesen die Kontrolle über ganz Maranhão erlangten.
Der Sieg der Portugiesen hatte auch zur Folge, dass die Tupinambá, die die Gegner unterstützt hatten, versklavt wurden. Im Jahre 1621 wurde Tapuytapera zum Hauptort des Kapitanats Cumã. Mit diesem Kapitanat wurde Antonio Coelho de Carvalho, Bruder des damaligen Gouverneurs des Maranhão, Francisco de Albuquerque Coelho de Carvalho. Im Jahre 1648 wurde die Siedlung zur Vila (Kleinstadt) erhoben und bekam zu dieser Gelegenheit den Namen Alcântara. Es wird der erste Gemeinderat eingerichtet und die wirtschaftliche Erschließung beginnt mit dem Bau einer Zuckermühle, zwei Klöster werden gegründet. Ab 1716 gab es auch eine Schule, die durch die Jesuiten eingerichtet wurde.
Wegen ihrer unmittelbaren Lage zur Stadt São Luís stieg Alcântara zu einem Zentrum der landwirtschaftlichen Produktion auf. Aus Alcântara wurde São Luís mit Nahrungsmitteln versorgt, gleichzeitig begannt ein sehr lukrativer Handel mit Zucker: Salz und raffinierter Zucker erzielte Spitzenpreise, aber auch mit Rohzucker konnte man sich ein Vermögen verdienen. Es ergab sich ein Arbeitskräftebedarf, der aufgrund der Nichteignung der Indios mit Sklaven aus Afrika gedeckt wurde. Alcântara wurde zu einem der Zentren von Sklaverei in Brasilien.
Im Jahre 1850 erreichte die Wirtschaftsentwicklung ihren Höhepunkt. Es gab 81 Fazendas, 22 Zuckermühlen und über 100 Salinen. Alcântara war größter Exporteur des Maranhão, wobei Salz, Zucker, Zuckerrohrschnaps, Trockenfleich, Leder und Baumwolle die wichtigsten Produkte waren. Die industrielle Revolution in England führte zu einem starken Anstieg der Nachfrage an Baumwolle, was der Wirtschaftsentwicklung noch einen Impuls verlieh. Die Produzenten von Salz, Zucker und Baumwolle, die Landaristokratie des Maranhão, die auch häufig vom portugiesischen Adel abstammte, konnte sich durch ihren Reichtum große Herrenhäuser errichten und lebte im gleichen Wohlstand wie die europäische Aristokratie. Die Kinder der Landaristokraten wurden in die angesehendsten europäischen Universitäten geschickt.
Im Jahre 1865 begann sich der Niedergang jedoch bereits abzuzeichnen. Die Gründe dafür sind, dass die Preise für Zucker und Baumwolle stark fielen, weil diese Produkte auch in anderen Gegenden Brasiliens effizient angebaut wurden. Der Handel verlagerte sich komplett ins benachbarte São Luís. Als 1888 die Sklaverei verboten wurde, fiel Alcântara in die Bedeutungslosigkeit, in der es sich bis heute befindet.
Wirtschaft
Die Wirtschaft von Alcântara beruht zum Großteil auf der Landwirtschaft, in welcher fast die gesamte arbeitende Bevölkerung der Gemeinde beschäftigt ist. Von Bedeutung sind die Viehzucht, der Anbau von Reis und Gemüse sowie die Holzgewinnung. Der Lebensstandard ist dabei sehr niedrig. Die Volkszählung von 2001 hat ergeben, dass drei Viertel der Bevölkerung über 10 Jahre über weniger Einkommen als den monatlichen Mindestlohn verfügt, zwei Drittel haben überhaupt kein regelmäßiges Einkommen. Das Durchschnittseinkommen wird auf etwa 20 500 Real jährlich geschätzt.
Die wenigen Unternehmen, die in Alcântara tätig sind, beschäftigen sich mit der Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte oder sind Zulieferer für den Bedarf der Landwirtschaft.
Eine wachsende Bedeutung kommt dem Tourismus zu. Durch die Nähe zur Großstadt São Luís ist Alcântara relativ leicht zu erreichen und man hofft, eine große Anzahl von Kulturtouristen anzulocken, die sich für das architektonische Erbe Alcântaras interessieren. Weiterhin will man auf Ökotourismus setzen, denn es gibt auf dem Gemeindgebiet nahezu unberührte Mangroven und traumhafte Sandstrände, die jedoch aufgrund des Weltraumbahnhofs teils militärisches Sperrgebiet sind, teils stark durch angeschwemmten Müll verschmutzt sind.
Dazu hofft die Gemeinde, durch den Weltraumbahnhof von Alcântara technikinteressierte Touristen anzulocken.
Weltraumbahnhof
Der Weltraumbahnhof Centro de Lançamento de Alcântara (CLA) nimmt 620 Quadratkilometer ein und wurde in den frühen 1980er Jahren eingerichtet. Die Gründe, warum man sich für Alcântara entschieden hatte, waren, dass der Raketenstartplatz in Barreira do Inferno in einem zu dicht besiedelten Gebiet lag. Alcântara jedoch ist nicht nur dünn besiedelt, sondern liegt auch noch in unmittelbarer Nähe zum Äquator, wodurch man bei Raketenstarts die Fliehkraft der Erdrotation optimal ausnutzen kann. Damit spart man gegenüber Starts von Cape Canaveral oder Baikonur eine deutliche Menge an Treibstoff.
Seit dem ersten Start im Dezember 1989 wurden über 200 Missionen von Alcântara aus gestartet, wobei auch viele Satellitenstarts für ausländische Kunden sind.
Nach Angaben des Betreibers AEB ist es möglich, den Weltraumbahnhof zu besuchen, jedoch muss man sich lange genug vorher anmelden.
Bevölkerung
Die Bevölkerung besteht größtenteils aus Abkommen der Sklaven, die aus Afrika eingeschleppt wurden, und Mischlingen. Die Hälfte der Einwohner im Gemeindegebiet ist jünger als 20 Jahre. Der Anteil der Bevölkerung über 10 Jahren mit einer Schulbildung von mehr als drei Jahren liegt ebenfalls nur bei der Hälfte. 70% der Bevölkerung leben am Land, nur 30% in der Stadt selbst.
Kultur
Alcântara hat ein bedeutendes architektonisches Erbe, das, wie häufig betont wird, aus etwa 300 Gebäuden besteht, die auf drei Plätze, acht Gassen und zehn Straßen verteilt sind. Viele dieser historischen Gebäude sind verfallen, andere hingegen werden bis heute bewohnt. Das historische Stadtensemble soll in den nächsten Jahren revitalisiert werden. Das Projeto Alcântara hat zu diesem Zweck im Juli 2004 etwa 4 Millionen Real zur Verfügung gestellt bekommen.
Zum historischen Stadtensemble gehören im Einzelnen:
Der Porto do Jacaré, der alte Hafen der Stadt, liegt an einem gleichnamigen Flussarm und wurde im 18. Jahrhundert erbaut, war das fühere Handelszentrum und Umschlagplatz für die Produkte des Umlandes von Alcântara. Er ist bis heute Anlegepunkt für Schiffe, vor allem von und nach São Luís. Früher wie heute gibt es hier einen Markt und Lagerhäuser sowie Herrenhäuser aus dem 18. Jahrhundert. Der Porto do Jacaré ist auch Schauplatz von vielen Volksfesten. Die Ladeira do Jacaré führt vom Hafen auf einen Hügel in das Stadtzentrum.
Der Hauptplatz heißt Praça da Matriz. Hier befinden sich die Ruinen der 1648 errichteten Kirche Igreja Matriz de São Matias, unter welcher es dem Volksglauben zufolge eine schlafende Schlange geben soll. Inmitten der Praça da Matriz befindet sich der Pelourinho, eine Art Prangersäule - eine Einrichtung, die es in vielen portugiesischen und brasilianischen Städten gibt. Der Pelourinho wurde 1648 errichtet und im Jahre 1948 wieder aufgebaut, nachdem er bereits verschüttet gewesen war. Die Casa da Câmara e Cadeia, erbaut im 18. Jahrhundert, war früher wie heute Sitz der Gemeindeverwaltung.
Sobrados, zweistöckige Herrenhäuser, nach portugiesischem Vorbild mit gusseisernen Balkonen und Azulejos verziert, findet man vor allem in der Rua Grande (Große Straße) und auf der Praça Gomes de Castro.
Das Museu Histórico de Alcântara zeigt sakrale Kunst, Bilder und Möbel aus dem Brasilien des 18. und 19. Jahrhunderts.
Der Mercado dos Negros, auch Palácio Negro liegt am früheren Kai der Stadt und war der Marktplatz für den Sklavenhandel (der Name bedeutet auch Markt der Schwarzen). Der Markt befindet sich in der Rua da Amargura, die ihren Namen deshalb bekam, weil von hier aus viele Kinder der Aristokratie mit dem Schiff nach Europa aufbrachen, um dort zu studieren. Wegen der Eltern, beim Abschied ihrer Kinder weinten, nannte man den Kai Straße der Bitterkeit.
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