Eine Spezialität Theodor W. Adornos ist der Gebrauch von Fremdwörtern. Die Sprache Adornos ist einzigartig. Sie alleine ist schon ein Grund, ihn zu lesen, um mit der begrifflichen Vielfalt der Philosophie in Berührung zu kommen. Eine ähnliche hatte wohl seit Friedrich Nietzsche keiner mehr.
Rolf Tiedemann, Leiter des Theodor W.-Adorno Archivs, bezeichnete Adorno einmal als den wichtigsten deutschen Philosophen seit Nietzsche. Bei beiden liegt eine Besonderheit in ihrer Sprache, die von einer Vielfalt der Worte bestimmt war. Nietzsches Werke sind inzwischen mit einer Konkordanz verknüpft, eine Konkordanz wäre auch Adornos Werk wert, eine Erstellte ist jedoch bislang nicht bekannt.
Adorno glänzt vor allem durch seine Fähigkeit, Worte zu kreieren oder Wörtern eine neue Bedeutung zu geben. Oft untersuchte er ein Wort etymologisch, sein großartiges Gedächtnis und sein umfangreiches Wissen kam ihm da sicher zu Gute. Worte erledigten sich für ihn oft durch ihre geschichtliche Anwendung, die ihre Anwendung im künstlerischen Sinn unmöglich gemacht hatten. Eine besondere Affinität hatte Adorno zu Begriffen der lateinischen und der französischen Sprache, er schrieb sogar manchmal in letzterer, hielt Vorträge an den Universitäten zu Paris.
Er schrieb viele Aufsätze und Studien, so die über The Authoritarian Personality und Stars down to Earth auf Englisch. Dies hatte freilich seinen Grund darin, dass er viele Texte während seiner Zeit im Exil schrieb. Auch in seinen Texten kommen immer wieder typisch amerikanische Redewendungen vor, sein Kollege und Freund Herbert Marcuse verwandte oft das Englisch, um sich in gewissen Situationen innerhalb eines Briefes auszudrücken, so auch innerhalb seiner Briefwechsel mit Adorno. Wenn man aber von der Sprache spricht, so darf man seine terminologische Variationen nicht auf seine Texte beschränken, viele seiner Zeitzeugen bestätigen, dass er selbst in Situationen der Erregung noch fähig war, druckreif zu formulieren.
Diese Vielfalt und Variationskraft geht nicht nur mit positiven Fakten einher. Ein Einstieg in die Philosophie über das Werk Adornos zu finden ist wirklich schwierig und nicht empfehlenswert, denn man wird als Neuling mit Termini bombardiert, die es erfordern erst nachgeschlagen zu werden bzw. auf ihre geisteswissenschaftliche Hintergründe untersucht zu werden. Dies hat Adorno auch den Ruf eines elitären Philosophen eingebracht, der eben seine Philosophie, die doch einen jeden durch ihre allumfassende Kritik betrifft, nur wenigen offen legt. Man kann den ganzen Sachverhalt aber auch umgekehrt sehen, und die Komplexität als Möglichkeit betrachten, seinen Wortschatz zu erweitern.
Was Adorno selbst zum Gebrauch von Fremdworten meinte, soll nun erarbeitet werden.
Verteidigung des Gebrauchs von Fremdwörtern
Im Zeitalter des Denglisch ist die Frage nach der Grenze zwischen dem natürlichen Wortschatz und dem fremden einer Aporie gleich, verlaufen diese Grenzen doch in sich fließend. Der Duden nimmt Ausgabe für Ausgabe immer wieder neue Worte in den Wortschatz des deutschsprachigen Menschen auf, Sprachpurismus, in Frankreich und Island bekannt, ist im deutschsprachigen Raum exotisch. Freilich dies auch deshalb, weil ein Sprachpurismus, wie die Sprache selbst, Zeichen nationaler beziehungsweise multilateraler Identität ist und ein überhöhter Purismus auch Tendenzen zum Nationalismus verstärken kann.
Ein "Sprachfetischismus" wie der Französische würde wohl auch im Ausland einiges an Aufsehen erregen, hat man doch gerade mit dem deutschen Nationalismus in der Vergangenheit keine guten Erfahrungen gemacht. Fremdwörter sind sicher nicht von Natur her schlecht, diese wie sie Adorno benutzte noch weniger, sie sind sogar dem Gesamtbild der Sprache in ihrer Vielfalt eine Bereicherung. Adorno sah sich jedoch in der Situation den Gebrauch der Fremdwörter zu verteidigen.
Eine schlüssige Verteidigung bestand für ihn aber nicht darin, die Debatte zu umspielen, sondern diese zu einem Ende zu führen. Nicht die Harmlosigkeit der Fremdwörter hat sie (die Verteidigung. Anm) darzutun, sondern ihre Sprengkraft zu entbinden; deren Fremdes nicht zu leugnen sondern zu nutzen. Diese Nutzung ist für Adorno eine künstlerische Möglichkeit, er spricht vom Subjekt des Sprechers, der sich dem starren Objekt der Sprache entzieht, durch Verwendung eines Wortes, eines Elements, der eben diesem Objekt nicht unterliegt. Diese Variation sieht er als Nuance. Eine neue Ausdrucksmöglichkeit ist entstanden. Durch die Situation, Adorno konstatierte das ja bei vielen Worten, dass die Verwendung von Worten durch die Geschichte unmöglich geworden ist, entsteht ja auch ein Bedarf neue Worte für die Kunst zu gewinnen.
Freilich erkannte auch Adorno das Assimilieren der Wörter, das stetig voranging, erkannte aber auch Wörter, die sich jeder Assimilation entzogen. Er meinte diese Fremdwörter müssten zwar auf ihr Uridiom, ihre direkte soziale oder kulturelle Ableitung, verzichten, könnten aber doch in der Sprache sich festsetzen. Diese Worte, Adorno nennt als Beispiel Georges Alabaster- und Malachitkrüge, sowie Rainer Maria Rilkes Daguerreo-Typ, sind die eigentlich zu Beschützenden, weil von den Puristen bedrohten. Diese sehen sie als den Sprachleib bedrohende Elemente.
Über das Recht und Unrecht des Bestehens der Worte, so war sich Adorno sicher, entscheidet nicht die Fähigkeit dieser sich einzufügen, sondern bloß ihr gesellschaftliches Daseinsrecht soll über bestehen oder nicht entscheiden. So lässt sich darüber debattieren ob das Wort Holocaust in der deutschen Anwendung sich überhaupt rechtfertigen lässt. Dies soll in einem kurzen Exkurs behandelt werden.
Exkurs: Über den Begriff Holocaust bei Adorno
Vorauszuschicken ist, das die Behandlung dieses Themas, der Rechtmäßigkeit des durch Deutsche verwendeten Holocaustbegriffs, eine Arbeit eben des Ausmaßes zu füllen vermag, die über einen ähnlichen Rahmen verfügt, wie diese über die philosophischen Perspektiven Adornos. Eine Erwähnung soll das Thema jedoch haben, dieses Thema zu diskutieren sollte ein jeder in Erwägung ziehen, der an diesem Abschnitt der Geschichte interessiert ist.
Der Begriff Holocaust entspringt dem griechischen Wort holocaustus, das soviel wie verbrannt bedeutet. Er impliziert aufgrund seiner biblischen Bedeutung auch einen Akt des "geopfert werdens". In Deutschland wurde der Begriff in den 80er Jahren eingeführt, damals durch eine amerikanische Fernsehsendung. Viele behaupten, dass in der Not, ausgedrückt dadurch, dass kein Begriff des Deutschen den Genozid beschreiben konnte, dieser Begriff sich auf breiter Schiene durchsetzen konnte. Fragwürdig scheint dies, betrachtet man das Faktum, dass ein Fremdwort immer auch etwas zu entfremden, da dieser Begriff am Anfang für die große Mehrheit der Bürger keine Dimension hatte. Adorno schreibt in der Minima Moralia: Fremdwörter sind die Juden der Sprache.
Die Verantwortung etwas beim Namen zu nehmen wird auf andere geschoben. Adorno hatte eine Bezeichnung für das, was als Holocaust bekannt ist: Er nannte es "Auschwitz", nach dem Ort benannt, der zur Zentrale des industrialisierten Genozids wurde. Dieser Begriff und der Begriff "Shoa", den sich viele Juden wünschen, diese Begriffe, scheinen wesentlich passender als der des Holocaust. Diese Debatte aber ist nur eine Interpretative, die wohl jeder für sich beschließen muss.
In der immer mehr einkehrenden Vermischung der Sprachen aber sah Adorno ein Problem: Die Fremdwörter, so war seine Angst, könnten einen bloßen Warencharakter haben, ihre Verwendung zum Fetisch werden. In der heutigen Zeit des World Wide Web, der New Economy und des Share Holder Values scheint der Vorgang der Verdinglichung, vor dem Adorno gewarnt hat vollzogen.
Diesen negativen Punkten, wie Verfremdung und Verdinglichung der Sprache aber entgegen hielt Adorno stets das Argument des Belebenden, bildlich dargestellt durch Walter Benjamin in dessen Einbahnstraße, die er zitiert und in welcher der Literat gleich einem Chirurgen dem Schriftstück eine silberne Rippe, das Fremdwort einsetzt, das dem Patienten hilft, weiter zu leben. Diese ist allerdings nur dann einzusetzen, so sie etwas hilft, denn Im Fremdwort wird der Sprachfluß vom Strahl der ratio getroffen, unter dem er schmerzlich glänzt. Fremdwörter haben also eine umfangreiche Bedeutung, sie sind Zitate. Der Schriftsteller meint, er zitiere aus seiner Bildung und dem speziellen Wissen, [...] er zitiert aber aus einer positiv unbekannten Sprache, die jäh die bestehende ereilt, [...], als schicke sie sich an, selber in die zukünftige umzuschlagen.
Fazit
Adorno zieht demnach ein ausgewogenes Fazit: diese negative, gefährliche und gleichwohl sicher versprochene Macht ist die wahre Rechtfertigung der Fremdwörter. Ein wichtiges Fazit aus Adornos Fremdwortperspektive ist eine Revidierung der Aussage, Adorno schrieb elitär. Zumindest aus seiner Perspektive wollte er nicht die Fremdwörter als Wissensbeweis benutzen, die Rolle der Fremdwörter war für ihn so vielseitig, wie oben geschildert. Ihre Macht zu nützen in einem positiven Sinn, um etwas auf Nuancen genau auszudrücken, dafür waren die Fremdwörter Adornos wichtigste Instrumente.
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