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Adorno über Literatur

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Adorno war kein Literaturtheoretiker im eigentlichen Sinne. Er war auch kein Literaturkritiker in Reinform. Seine Schriften über die Literatur, im wesentlichen in den "Noten zur Literatur" zusammengefasst, spiegeln viel mehr das wider, was er subjektiv an Literatur erfahren hat. Sie sind eine individuelle Perspektive. Sie sind im Sinne Walter Benjamins mit der "linken Hand geschrieben". Obwohl gewisse Grundperspektiven zum Literaturverständnis Adornos durchaus in den großen Werken, wie etwa der "Dialektik der Aufklärung", oder vor allem in der "Ästhetischen Theorie", zu erkennen sind, sind die wirklich interessanten literatursoziologischen Schriften eher die kleinen Aufsätze, wie etwa: Der "Standort des Erzählers im modernen Roman" oder "Lyrik und Gesellschaft".


Seine Perspektiven also zur Literatur sollen im Folgenden herausgearbeitet werden. Exemplarisch versteht sich, denn bei einer so großen Vielfalt kleiner Aufsätze mit immer neuen Thesen ist es noch unmöglicher, als es bei Adorno schon sowieso ist, einen Überblick über alle Thesen zu schaffen, eine Gewichtung muss stattfinden. Diese ist natürlich wiederum subjektiv, weswegen dieses Kapitel genauso, wenn nicht mehr als die anderen Kapitel, nie einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann.


Inhaltsverzeichnis


      1 Über Lyrik, Gesellschaft und die Barbarei moderner Poeten..._

  1.1 Einleitung

  1.2 Zusammenhang: Lyrik / Gesellschaft

  1.3 Das Gedicht als geschichtsphilosophische Sonnenuhr

  1.4 Sekundärliteratur hierzu

2 Über Literaturkritik

  2.1 Einleitung

  2.2 Kennzeichen der Krise der deutschen Literaturkritik

  2.3 Anforderungen


Über Lyrik, Gesellschaft und die Barbarei moderner Poeten..._

Einleitung

Im nun Folgenden wird versucht darzustellen, wie Adorno das Verhältnis von Lyrik und Gesellschaft gesehen hat, und warum er zu der These kam, dass es barbarisch sei nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben. Es handelt sich hierbei freilich nicht alleine um Literaturtheorie; vor allem in diesem Kapitel wird klar, dass die Gesellschaft und die historischen Vorgänge in jedem Bereich der Adorno'schen Philosophie immanent sind.


Dies gilt diesem folgend auch für seine Musik, oft wendet Adorno Metaphern zur Musik an, um gesellschaftliche Situationen zu definieren. Die Gesellschaft ist also der Kunst in all ihren Formen immanent. Adorno sieht in ihrer Form, in der Form einer freien Kunst, die Möglichkeit diese Gesellschaft, die es verhindert in einen wahrhaft menschlichen Zustand überzugehen, zu überwinden. Wie es jedoch schon beschrieben wurde ist dieser Aspekt der Freiheit und des Individualismus durch die Kulturindustrie wesentlich geschmälert worden. Adorno konstatiert 1948 im "Scribble-In"-Book Los Angeles: "[...] Picasso, Schönberg [...], die beiden Künstler, seien die einzigen, die es noch sind. Zwei also die seiner Meinung nach in der ganzen Welt noch Kunstwerke zu schaffen in der Lage sind. Nach dieser kurzen Einleitung soll also das Verhältnis von Lyrik und Gesellschaft bei Adorno im Mittelpunkt stehen.


Zusammenhang: Lyrik / Gesellschaft

Schon die bekannte Perspektive des so genannten "lyrischen Ich" weist auf das Problem hin, das entsteht, wenn man von Lyrik und Gesellschaft spricht. Der Begriff Gesellschaft im soziologischen Sinne meint eine Vielfalt von Individuen, die, in einem, in allen Dimensionen begrenzten, jedoch großen Raum zusammenleben. Auf diese kann jedoch unmöglich durch die Ansicht eines einzelnen Subjekts geschlossen werden. Derartige Ansichten, Empfindungen gibt jedoch das Gedicht wieder.


Es darf aber nicht als ein allein solches, als ein Medium der Wiedergabe gesehen werden, denn seine Wirkung ist nicht die bloße Kommunikation dessen, was man anders nicht sagen kann, sondern es setzt Unentstelltes und nicht subsumiertes in Erscheinung. Dies macht es eben dann zum Allgemeinen: Das Aufzeigen von nicht Erfahrenen in der Gesellschaft.


Legende:
Gelb: Allgemeines, welches als Information, sei es Reiz, Nachricht, usw. vorhanden ist
Rot: Medien, die Allgemeines Vermitteln, es kommunizieren, oder zu Schlüssen verleiten, welche nicht weiter kommuniziert werden, jedoch als Bekanntes vorhanden sind, andere Medien, sowie Mundpropaganda können ebenso agieren
Blau: Der Mensch, hier wird natürlich anschaulich an 2 Personen die Art des Informationsaustausches dargestellt, die zwischen den Menschen als Gesellschaft abläuft.
Grün: Die Dichtung als Medium der Kommunikation dessen, was unberührt, von Mensch und Medien anderweitig nicht erfasst, ist.

An diesem Schaubild kann man nun eine Dimension des gesellschaftlichen Charakters der Dichtung erkennen. Sie ist ein Vermittler dessen, was bisher unvermittelt ist, sich jedoch als Allgemeines in der Gesellschaft immanent aufhält. Dies ist jedoch nur ein Aspekt.


Adorno selbst verstand ein Gedicht jedoch in auch in einer anderen Weise, als in dieser. Das Gedicht ist für ihn durchaus etwas, das Botschaften transportiert. Nicht die Botschaft, die offensichtlich ausgedrückt wird ist es, die er meint, er meint auch nicht die Botschaft, die mit dem Gedicht in Kontext steht, weil etwa der Autor sich durch aussagen in eine gewisse Richtung hin verdächtig gemacht hat, gewisse Botschaften zu transportieren, es ist die Verdichtung, die eigentliche Qualität des Gedichts, die Verdichtung von allen Einflüssen auf die Person, das lyrische Ich, das als Symbol eben des Lesers zu gelten hat.


Diese Dichte wird für Adorno auch im Wesentlichen durch das Wort, die Begriffe erreicht, welche sich nicht bloß in Anschaulichkeit erschöpfen sollen. Sie sollen also nicht bloß klingen, die Begriffe wollen hinterfragt werden. Diese Begriffe sollen denn auch auf ihre gesellschaftliche Bedeutung untersucht werden, ihnen soll nicht ein Fremdes durch die Analytiker hinzugefügt werden, um einen gewissen gesellschaftlichen Charakter zu erhalten, der dem Wort oder Begriff nicht Immanent ist. Es soll eben verhindert werden, dass das Kunstwerk als Objekt seines gesellschaftlichen Standorts oder der gesellschaftlichen Interessenlage oder der Interessenlage seines Autors verstanden wird, das Kunstwerk soll die Gesellschaft als eine in sich widerspruchsvolle Einheit in sich immanent haben. Nichts was von außen an das Gedicht herangetragen wurde, legitimiert den gesellschaftlichen Gehalt des Gedichts selbst. Der gesellschaftliche Gehalt des Gedichts ergibt sich viel mehr aus dem Spontanen, das nicht aus den jeweiligen Verhältnissen folgt. Die Lyrik erreicht dort ihre höchste Qualität, auch ihren Sinn, wo sie eben nicht der Gesellschaft nach dem Munde spricht sondern, wo sie, um noch einmal auf die Sprache zurückzukommen, zum Einstand mit der Sprache selbst kommt, der das erlaubt, was diese im Eigentlichen beabsichtigt, sich als Bindeglied zwischen dem Allgemein-Gesellschaftlichen und dem Lyrischen zu zeigen.


Das Lyrische hat also stets den subjektiven Charakter seiner Erzählperspektive, dieses Subjektive wirkt aber auch als ein das Allgemeine, Gesellschaftliche Konstituierendes, denn:


Das weist aber zurück auf das reale Verhältnis zwischen Einzelnem und Gesellschaft. Nicht bloß ist der Einzelne in sich gesellschaftlich vermittelt, nicht bloß sind seine Inhalte immer zugleich auch gesellschaftlich. Sondern umgekehrt bildet sich und lebt die Gesellschaft auch nur vermöge der Individuen, deren Inbegriff sie ist.


Das Gedicht als geschichtsphilosophische Sonnenuhr

Wiewohl Adorno es als unbedingt nötig ansah, von der prinzipiellen Erwägung zur exemplarischen Deutung überzugehen, muss eine Schilderung dieses Vorgangs aufgrund des begrenzten Umfangs ausbleiben. Einer der jedoch an dem Thema interessiert ist sollte sich die Rede zur Lyrik und Gesellschaft durchaus durchlesen, um exemplarisch vorgeführt zu bekommen was Deutung eines Gedichts als geschichtsphilosophische Sonnenuhr nach Adorno bedeutet.


Hier soll nun noch kurz reflektiert werden, warum Adorno es als barbarisch erachtet nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben.


Die Argumentation Adornos muss man dazu primär voranstellen, was auch ausführlich geschehen soll:


Je totaler die Gesellschaft, um so verdinglichter auch der Geist und um so paradoxer sein Beginnen, der Verdinglichung, aus eigenem sich zu entwinden. Noch das äußerste Bewusstsein vom Verhängnis droht zum Geschwätz zu entarten. Kulturkritik findet sich auf der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich wurde, heute Gedichte zu schreiben. Der absoluten Verdinglichung, die den Fortschritt des Geistes als eines ihrer Elemente voraussetzte und ihn heute gänzlich aufzusaugen sich anschickt, ist der kritische Geist nicht gewachsen, solange er bei sich bleibt in selbstgenügsamer Kontemplation.


Dieses zu verstehen bedarf eine Reihe von Erläuterungen:


Der Begriff der Verdinglichung etwa ist einer, der bei Adorno, wie auch bei vielen anderen Marxisten, im extremen bei Georg Lukács, immer wieder vorkommt. Gemeint ist hierbei eine Art von Entfremdung, die daher rührt, dass sich ein Jedes in Form von Dingen, etwa Geld, bemessen lässt. Adorno spricht hier von einer Verdinglichung, die auch den Geist erfasst hat, weil die totale, totalitäre Gesellschaft, deren Paradebeispiel noch immer das Deutschland der Nationalsozialisten ist, eben die Freiheit des Gedankens negiert. Dieser verdinglichte Geist kann sich sodann auch nicht mehr aus seiner Form herauswinden. Die Kulturkritik findet sich sodann dem Zustand gegenüber, der aus der Dialektik zwischen Kultur und Barbarei, nach Hegel, entstehen muss. Da die Barbarei dem totalitären System jedoch ein Immanentes ist, dass die Kultur im wesentlichen schon vereinnahmt und auch ihren Geist verdingt hat, überwiegt nun der Barbarismus in dieser Dialektik. Der entstandene Zustand, der das Kulturgebilde darstellt ist ein barbarischer, weshalb das Erschaffen dessen barbarisch ist. Der kritische Geist des Betrachters kann dem schon nichts mehr entgegensetzen, reduziert er sich schon selbst auf Kontemplation, deren Erkenntnis er frisst.


Nun ist diese Aussage oder These Adornos natürlich, und darauf wies sowohl er als auch etliche andere bedeutende Wissenschaftler (etwa Herbert Heckmann) hin, nicht wörtlich, und nicht als ein Diktum gegenüber den deutschen Poeten zu verstehen. Dies schreckte aber viele Feuilleton-Autoren jedoch nicht davon ab, diese Aussage als solches zu verstehen. Viele behaupteten sogar Adorno sprach von der Unmöglichkeit nach Auschwitz Gedichte zu schreiben. Für Adorno war es jedoch, wenn man es wortwörtlich verifiziert, nicht unmöglich sondern nur barbarisch. Adorno würde sagen, es handle sich dabei nicht um einen großen Unterschied, nur um einen Unterschied des Ganzen.


Doch nicht an der schlichten Aussage, wie Sie oben analysiert wurde und auch zuerst ins Gespräch kam, war der Appell Adornos gemeint, sondern viel mehr hinterfragte er die Möglichkeit, mit der Sprache, mit der Aufträge zu Massenmorden gegeben wurden, in der Befehle der Judenvernichtung gegeben wurden, Gedichte zu schreiben. Adorno sah in dem Übergehen zu Gedichten die Gefahr, in Geschwafel zu driften und die historische Perspektive, die vor allem in der Sprache (Adorno über Sprache) immanent zu sein hat, zu vernichten, im Gedicht und in der Gesellschaft. Den Verfall der Sprache macht Adorno vor allem auch bei Heidegger fest, der ausrief: "Wir wollen, dass unser Deutsches Volk seinen geschichtlichen Auftrag erfüllt!". Abgehandelt hat er dies vor allem in seinem großen Aufsatz zum "Jargon des Eigentlichkeit". Dies zu überwinden und das Sprechen wieder zu einem Akt der Gerechtigkeit zu machen und nicht es zum kommunikativen Lippenbewegen verkommen zu lassen, die durch ihre Geschichte befleckten Worte nicht in der Unschuld der Poesie zu waschen, das war Adornos Drängen, war er doch der Überzeugung, dass nur die Sprache zur Dichtung taugt, die aus dem Gewissen und der Liebe wächst. Seine Angst war es einfach, Auschwitz könnte durch das Weiterreden, durch das "business as usual", um es in seiner Sprache zu sagen, nivelliert werden.

Celans Todesfuge brachte ihn später dazu seine Aussage zumindest teilweise zu revidieren. In der "Negativen Dialektik" oder wie er sie nannte, in seinem "dicken Buch", schrieb er daher: "Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck, wie der Gemarterte zu brüllen; daher mag es falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe sich kein Gedicht mehr schreiben."

Harald Weinrich schrieb 1976 in der Zeit dazu: "So wollen wir auch Szondi zustimmen, wenn er mit Blick auf Celan Adornos Satz abändert: Nach Auschwitz ist kein Gedicht mehr möglich, es sei denn auf Grund von Auschwitz", in diesem Sinne geht Weinrich noch weiter und meint sogar: "In Deutschland sind heute wieder unbefangene Gedichte möglich [...] weil Celan mit seinem poetischen Werk unserer Befangenheit eine Sprache gegeben hat."


Zurückgeblieben ist für Adorno jedoch eins: "[...] die minder kulturelle Frage, ob nach Auschwitz es sich noch leben lasse, ob vollend der es dürfe, wer zufällig entrann und rechtens hätte umgebracht werden müssen. Sein Weiterleben bedarf schon der Kälte, des Grundprinzips der bürgerlichen Subjektivität, ohne die Auschwitz nicht möglich gewesen wäre: drastische Schuld des Verschonten. Zur Vergeltung suchen ihn Träume heim, wie der, dass er gar nicht mehr lebte, sondern 1944 vergast worden wäre, und seine ganze Existenz danach lediglich in der Einbildung führte, Emanation des irren Wunsches eines vor zwanzig Jahren Umgebrachten."


Dieser Gedanke der Schuld und der Allgegenwärtigkeit Auschwitz' wird noch wesentlicher im 3. Kapitel, wenn über die geschichtliche Perspektive nachgedacht werden soll.


Sekundärliteratur hierzu

Hainz, Martin A.: Masken der Mehrdeutigkeit. Celan-Lektüren mit Adorno, Szondi und Derrida. Wien: Braumüller ²2003 (=Untersuchungen zur österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts, Bd 15)


In der Folge sollen auch noch einige weitere Aspekte zu Adornos Literaturverständnis betrachtet werden.


Über Literaturkritik

Einleitung

Eine Facette der literaturtheoretischen und literaturanalytischen Arbeit Adornos ist die Literaturkritik. Adorno war selbst nie wesentlich als Autor von Gedichten, Geschichten und Theaterstücken tätig. Dabei steht Jean-Paul Sartre, der andere bedeutende marxistische Philosoph und Literat zur Zeit der Studentenbewegung, ihm gegenüber. Auch Adorno las Sartre, nannte bei einer Umfrage "Die Wörter" als das Buch, das ihn in den letzten Monaten am meisten beeindruckte. Selbst aber blieb er passiv, stets in der Position des Kritikers. Diese Passivität warfen ihm viele, vor allem die Studenten der Studentenbewegung und sein Freund Herbert Marcuse, der mit der Bewegung sympathisierte, die einen Übergang von der Theorie in die Praxis forderten. Dabei war er, um das noch kurz hier zu erläutern, nicht alleine in seiner Passivität, das gesamte neue Institut stand der Praxis der Studentenbewegung stets kritisch gegenüber. Mit Adorno standen sowohl Max Horkheimer und Jürgen Habermas den Studenten entgegen, deren einziger Helfer innerhalb des ehemaligen Instituts Marcuse blieb, der doch im wesentlichen aus der Ferne, aus Kalifornien, die Bewegung betrachtete. Die Frage, warum Adorno den Schritt von der Theorie in die Praxis nicht gehen wollte, soll im Weiteren im Teil Politik ihre Behandlung finden.


Seine Kritik war aber auch selten eine direkte, auf ein Werk fokussierte. Sie war viel mehr immer der Versuch eine Richtlinie zu setzen, an die es sich zu halten gelten sollte. Meist war die Kritik Adornos der Versuch eine Art Mindestanforderung festzulegen, die für den liberal-denkenden, aufgeklärten deutschen Autor gelten muss, sofern er der Gesellschaft ehrlich zu sein versucht und nicht versucht diese zu verblenden. Fast so kritisch wie er mit seinem Schaffen war, war er auch gegenüber anderen Kritikern. Wie diese sich, nach Adornos Ansicht, in eine Krise hineinbewegt haben, soll nun erläutert werden.


Kennzeichen der Krise der deutschen Literaturkritik

In der heutigen Literaturkritik Deutschland gibt es für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung vor allem eine Lichtgestalt: Marcel Reich-Ranicki. Dieser wortgewaltige, sehr medienbewusste Mann aber ist unter seinen Kollegen, außerhalb des Feuilletons der "Frankfurter Allgemeinen", nicht unumstritten. Seine Neigung zur Selbstinszenierung ist noch viel umstrittener. Zu den Leidtragenden dieser Ein-Mann-Literaturkritik in der breiten Öffentlichkeit gehören aber nicht nur seine Kollegen, sondern vor allem die Literaten (unter ihnen auch Günter Grass und Martin Walser).


Die subjektive Enervierung verhindert den Erfolg vieler oft auch begabter Autoren. Reich- Ranicki selbst würde nie behaupten, dass seine Urteile immer objektiv waren (und sind), das weniger pluralistisch informierte Publikum sieht in ihm das verkörperte literarische Allwissen. Diesen Einfluss kann er jedoch nicht einschätzen. In dieser unipolaren Literaturkritikwelt würde Adorno sicherlich eine massive Krise der Literaturkritik konstatieren, doch schon früher diagnostizierte er, dass der "Geist kritischer Freiheit und Autonomie in Deutschland zu fehlen scheint." Er sieht das liberale Medium der Kulturkritik als nicht wieder hergestellt. Das 3. Reich habe eines der wenigen wirklich unabhängig-kritischen Institutionen der Weimarer Republik effizient durch die eigene Kulturperspektive ersetzt. Einen Mangel sah Adorno nicht nur in der Anzahl der autonomen Urteiler sondern auch in der Anzahl des Publikums, das als Kommunikator für die breite Masse agieren könnte. Diesen Mangel an kritischen Potenzial innerhalb der deutschen Nachkriegsgesellschaft sah er auch als Indikator für die dem deutschen Volk Jahre lang eingebläute "Obrigkeitshörigkeit", die demnach noch immer vorhanden war. Dieses politisch zu diagnostizieren, benötigt nicht den scharfen Geist eines Adorno, dazu muss man einzig allein das Wahlverhalten der deutschen Bevölkerung betrachten: Seit der Wiedererrichtung der Bundesrepublik wurde erst einmal eine Regierung, eine politische Führung durch die Opposition abgelöst. Es bedurfte schon einer missglückten Wiedervereinigung und 16 Jahre Regierungszeit, um die Deutschen zu überzeugen, dass die Opposition auch eine Chance verdient hat.


Die Kritik beschränkt sich aus Mangel an kritisch und autonom denkenden Menschen. Dieses kritische und autonome Denken ist aber, nach Adornos Überzeugung, ein Kernfakt, ohne den künstlerisches Schaffen ad absurdum geführt wird. Die Kritik am Kunstwerk entwickelt sich so bloß zu einer Mehrinformation. Die mangelnde Fähigkeit der Kritiker, in ihr Genre einzutauchen und die Kunst zu verstehen, führt zu einer vereinfachten Betrachtung, die auch sprachlich signifikant wird: Sprachklischees entstehen und werden immer öfter wiedergegeben. Das mangelnde Interesse an der Literatur führt zudem dazu, dass viele Kritiker sich nicht mit dem eigentlichen Werk beschäftigen, sondern Sekundärliteratur, wie etwa andere Rezensionen, benutzen um dieses Werk dann zu bewerten. J. R. R. Tolkien bemerkte dies auch wenn er schreibt: "Ich nun habe natürlich den "Beowulf" gelesen, wie die meisten (nicht alle), die über ihn geschrieben haben." Diese, wenn auch exemplarische, Andeutung gibt den Geist wieder, der sich unter der Literaturkritik und auch der Wissenschaft, nicht nur aber im Besonderen, in Deutschland breit gemacht hat.


Vorgefertigte Schemata reichen dieser Geisteshaltung nach aus, um Literatur, also Kunst zu bewerten.


Dies alleine zurückzuführen auf den Mangel an ausreichend befähigten Spezialisten, war natürlich nicht die Art, wie Adorno vorzugehen pflegte. Die Möglichkeit, große Kritiken zu verfassen war für ihn verbunden mit der Kraft, welche die Kritik aus gesellschaftlichen Tendenzen nur ziehen kann. Die Ohnmacht des Einzelnen, des Individuums führte jedoch zu einem Stagnationsprozess, der eine gesellschaftliche Ausrichtung im geistigen Sinne unmöglich machte. Auch die Produkte, so Adorno, und dieses Fazit ist schon in der "Dialektik der Aufklärung" zu erkennen, bieten gar nicht die Qualität, die vernünftige Kritik erst möglich macht.


Das Einbinden der gesamten Gesellschaft und ihrer Struktur ist für ihn ein Notwendiges. So haben dies Lessing, Heinrich Heine und Friedrich Nietzsche gemacht, als sie den ästhetischen Rationalismus, die Romantik und ähnliches als gesellschaftlich nicht mehr verantwortbar hinstellten.


Diese Fähigkeit der Einbindung der Gesellschaft in die Kritik vermochte Adorno in der Literaturkritik nicht mehr zu erkennen. Dies war der wohl entscheidende Punkt, der ihn veranlasste, die Literaturkritik als eine "unverbindliche Meinungsäußerung" eines Autors herabzuwürdigen.


Eine richtige Lösung der beschriebenen Krise zu finden ist freilich schwierig, hängt eine Lösung doch von vielen gesellschaftlichen Fragmenten ab. Diese Faktoren will ich noch einmal in Form einer Tabelle darstellen:


Anforderungen

Der Autor der Kritik muss:


  • autonom
  • kritisch, auch gegenüber der Obrigkeit
  • im Fachgebiet bewandert
  • wissend um das Wesentliche der Kunst
  • darf nicht durch das Diktum der Kulturindustrie beeinflussbar


sein.


Die Literatur und der Literat muss:


  • qualitativ hochwertiger
  • gesellschaftlich relevant und ehrlich
  • sich der Kulturindustrie entziehend


sein.


Der Konsument muss befähigt sein:


  • seine Meinung pluralistisch zu bilden
  • die Kritik wie die Literatur in ihrem gesellschaftlichen Kontext zu sehen und zu verstehen
  • sich nicht von der Obrigkeit beeinflussen zu lassen getreu Adornos Diktum sich weder von der Macht anderer, noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen.


Die Erfüllung dieser Anforderungen durch alle drei Parteien kann dann zur Lösung der Krise der Literaturkritik führen.


Die Person des Marcel Reich-Ranicki vereint zwar Autorität, Fachwissen, Kunstsinn, Autonomie und Fähigkeit der Kritik (anhand der Beispiele Walser und Grass lässt sich erkennen, dass er auch vor etablierten Größen nicht zurückschreckt) auf sich, jedoch ist seine Neigung zur Selbstinszenierung eine, die ihn gleichzeitig auch an die Moden des Fernsehens und an die Oberflächlichkeit dieses Mediums bindet. Doch selbst wenn es diese Affinität nicht gäbe so müsste man konstatieren, die Krise der Literaturkritik hat sich zugespitzt, denn vor allem der Konsument erfüllt, gelenkt von der Kulturindustrie, nicht die Anforderungen, die Adorno formulierte, um der Krise der Literaturkritik ein Ende zu setzen.


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