Wirtschaftswunder, 'Ich trag Schuhe ohne Sohlen,/ und der Rucksack ist mein Schrank./ Meine Möbel hab'n die Polen/ und mein Geld die Dresdner Bank...' Erich Kästners 'Marschlied neunzehnhundertfünfundvierzig' beschrieb die Lage im zerstörten, hungernden, scheinbar für immer verelendeten Deutschland. Zehn Jahre später wohnten die meisten Flüchtlinge und Ausgebombten schon wieder recht komfortabel, manche besser als je zuvor, vor immer mehr Türen standen Autos und die Dresdner Bank hütete neue Spareinlagen in harter DM. Die Währungsreform, maßgeblich gelenkt vom späteren Bundeskanzler Erhard, hatte Kräfte freigesetzt, mit denen selbst Optimisten nicht gerechnet hatten. Hinzu kamen die Auslandsgelder des Marshall-Plans und die Marktwirtschaft, die diesen Kräften den richtigen Schub gaben. Dabei verschrieb man sich keineswegs einem schrankenlosen Wirtschaftsliberalismus, sondern verlangte ausdrücklich seine soziale Bändigung, und das war mehr als Kosmetik: 1951 wurde die Mitbestimmung in der Montanindustrie verfügt, im gleichen Jahr kam eine Regelung des Kündigungsschutzes, das Lastenausgleichs-Gesetz verteilte 1952 die Not vieler auf alle, das Betriebsverfassungesetz, ebenfalls 1952 verabschiedet, sicherte die Rechte der Arbeitnehmer, die Dynamisierung der Renten beteiligte seit 1957 auch die aus dem Arbeitsleben Ausgeschiedenen am Produktivitätsfortschritt. Erst diese Maßnahmen zur Festigung des sozialen Friedens machten aus dem Wiederaufbau-Boom das, was in aller Welt mit dem deutschen Wort 'Wirtschaftswunder' bestaunt wurde.
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